DAS AMPHITHEATRUM SAPIENTIAE AETERNAE VON HEINRICH KHUNRATH

Das Amphitheatrum Sapientiae aeternae von Heinrich Khunrath

  1. Ein Wirrwarr für Bibliographen

Bibliographen lesen keine Bücher, sie beschreiben sie nur. Sie vermessen zwar die Seiten, zählen die Bögen, transkribieren peinlich genau die Titel, achten auf alle möglichen Varianten und machen den Standort bekannt – aber dann schlagen sie häufig ganz unkritisch in veralteten bibliographischen Standardwerken nach, wodurch allzuoft die tatsächlich vorhandenen Ausgaben mit den imaginären vermischt werden oder gar in der Masse von erfundenen Phantomausgaben verschwinden. Genau dies geschah mit den zwei in diesem Band faksimilierten Ausgaben des Amphitheatrum von Heinrich Khunrath.

Von kaum einem anderen Buch sind so viele Phantomausgaben fabriziert worden wie von dem Amphitheatrum Sapientiae Aeternae, denn aus einem einzigen Druck (Hanau, 1609) mit zwei Titelvarianten (Magdeburg, 1608 und Frankfurt, 1653) schufen erfinderische Bibliographen sechzehn weitere lateinische Ausgaben und dazu eine deutsche, die noch von niemandem gesehen wurde. Außerdem war den alten wie den neuen Bibliographen der Erstdruck von Khunraths Amphitheatrum von 1595 völlig unbekannt geblieben, und zwar bis zum Jahr 1932, als dieser in einem Antiquariatskatalog der Firma Maggs Bros. in London zum ersten Mal bibliographisch erfasst wurde.

Dabei hätten sie über die zuverlässigsten Informationen aus erster Hand verfügt, wenn sie nur im Anhang zu Khunraths posthum erschienenem Werk De igne magorum philosophorumque secreto, Straßburg 1608, nachgeschlagen hätten, wo (unmittelbar nach dem Judicium des Johann Arndt über die Figuren des Amphitheatrum) der Herausgeber Benedictus Figulus nicht nur die Umstände des teuren Erstdrucks von 1595 beschreibt, sondern auch die erweiterte, aber billigere neue Ausgabe von Hanau 1609 ankündigt:

Ob wol aber bißhero ehgedachtes Amphytheatrum Chymicum Doct. Khunrads seligen / wegen solches in Kupffer gestochenen vnnd gedruckten Figuren / in hohen schweren kauff gewesen / auch dazumal der Exemplar wenig auffgelegt worden / vnd fast nur hohen Personen zukommen / vnd also distrahirt worden / das ein armer Gesell das nicht wol bekommen können / Also zeige ich dir an auß Brüderlichen gemüt vnnd hertzen / das diß Amphitheatrum, an jetzo widerumb auffs new sub praelo [unter der Presse] ist / Hanoviae bei Franckfurt / wie ich glaubwirdig berichtet worden / vnd in kurtz widerumb Venale [käuflich] sein wirdt / vnnd mit mehrern Figuren gezieret / aber doch wolfeyler vnd eines bessern kauffs / als zuvor gewesen / sein wirdt: Also kannstu dir dasselbig erzeugen / es wirdt vnnd sol dich vieleicht nicht gerewen. Was die andere Figuren / so darzu kommen sind / anlangen thut / wird sich vieleicht ein verstendiger Theosophus vnnd Philosophus auch finden / der sein Iudicium vnnd erklärung vber dieselbige mit der zeit stellen / vnnd dir ertheylen wirdt. Sey hiemit deß Trismegisti Spagyri großmächtigen Gnaden Schutz befohlen.[1]

In der älteren alchemischen Historiographie scheint nur ein Bibliograph auf diese wichtige Stelle aufmerksam geworden zu sein, nämlich Johann Christoph Lenz, der Herausgeber des Nachdrucks von De igne Magorum, der 1783 beim Verlag Adam Friedrich Böhme in Leipzig erschien.[2] Aber damals war es schon zu spät, denn der bibliographische Wirrwarr um die Ausgaben des Amphitheatrum schien bereits so undurchdringlich zu sein, dass selbst große Kenner der Alchemie und Theosophie wie der Verleger Böhme und der Herausgeber Lenz – welche das Amphitheatrum auf Deutsch und mit neu gestochenen Figuren herauszugeben gedachten – die hier durch Figulus angekündigte zweite Ausgabe ganz ahnungslos mit einer bis dahin unbekannten Phantom-Ausgabe „Hanau, Wilhelm Anton, 1619“ identifizierten, denn sie schrieben in einer entsprechenden Anmerkung:

Auch diese Ausgabe, welche zu Hanau durch Wilhelm Anton 1619, in Folio mit 9 Figuren ans Liecht gekommen, ist längst vergriffen, und nur dann und wann aus Auctionen zu erkaufen. Es wäre also zu wünschen, daß ein Buchhändler ein Exemplar aufkaufen, auf Pränumeration die Figuren abstechen, und den Text in einer deutschen Uebersetzung abdrucken liesse, damit es wieder in die Hände der hermetischen Schüler um einen billigern, als itzigen hohen Auctionspreiß kommen könnte. Wie bald wäre dieser Vorschlag nicht ins Werk gerichtet, wenn eine hinlängliche Anzahl Liebhaber einen Verleger dazu aufforderten. Der Ausgeber.[3]

Eine Erklärung für diese so merkwürdige wie hartnäckige Vermengung von tatsächlichen und imaginären Ausgaben des Amphitheatrum Sapientiae Aeternae von Khunrath ist nur annähernd zu gewinnen, wenn man den gewöhnlichen Pfad der einschlägigen Bibliographien verlässt und sich den ursprünglichen Informationsquellen für zeitgenössische Literatur zuwendet, nämlich den Bücherplakaten der damaligen Verleger, den Buchmessekatalogen und sonstigen Bücherverzeichnissen der Zeit. Denn nur so kann man Quelle, Zeitpunkt und Grund für die Entstehung einer etwaigen Phantomausgabe genau bestimmen und diese dann endgültig aus den künftigen Bibliographien streichen.

Der erste, der diesen Weg einschlug und durch den Verweis auf die jeweiligen Quellen eine große Anzahl von „editiones chimericas“ nachzuweisen versuchte, war der große Bibliograph von Schleswig-Holstein, Johann Moller, in seiner Cimbria literata von 1744.[4] Mollers Auflistung enthält folgende Ausgaben, die wir hier in der Tabelle als +Original-, *Titel- oder °Phantom-Ausgaben bezeichnen.

Angebliches Jahr und Ort Bibliographische Quelle
° 1598 Prag Bibliotheca Rosenkrantziana (Auktionskatalog), Kopenhagen, 1696.
° 1602 Germanica Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzer-Historien, Schaffhausen, 1741, Bd. II, S. 331.
° 1602 Magdeburg In Catalogo nundinali (Buchmessekataloge 1602).
° 1604 Hanau Jacques le Long, Bibliotheca sacra, Paris, 1723, Bd. I, S. 723.
° 1606 Magdeburg Paulus Bolduanus, Bibliotheca philosophica, Jena, 1616, S. 8.
° 1608 Frankfurt Georg Draud, Bibliotheca classica, Frankfurt a. M., 1625, S. 898.
° 1608 Leipzig Georg Draud, Bibliotheca classica, Frankfurt a. M., 1625, S. 898 [apud Henningum Groß]; Pierre Borel, Bibliotheca Chymica, Paris, 1654, S. 124.
° 1608 Lübeck Paulus Bolduanus, Bibliotheca philosophica, Jena 1616; Georg Draud, Bibliotheca classica, Frankfurt a. M., 1625.
* 1608 Magdeburg Georg Draud, Bibliotheca classica, Frankfurt a. M., 1625; Johannes Antonidae van der Linden, De scriptis medicis, Amsterdam, 1651, Bd. I, S. 238.
+ 1609 Hanau Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzer-Historien, Schaffhausen, 1741, Bd. II, S. 331.
° 1611 Hamburg Pierre Borel, Bibliotheca Chymica, Paris, 1654; B. G. Struve, Introductio in notitiam rei litterariae, Jena, 1706, S. 46 [beide aus Georg Draud, Bibliotheca classica, Frankfurt a. M., 1625].
° 1648 Hamburg In Catalogo nundinali (Buchmessekataloge 1648).
° 1651 Hamburg Martin Lipenius, [Bibliotheca realis philosophica, Frankfurt a. M., 1682, S. 227].
° 1653 Hanau Cornelis van Beughem, Bibliographia Medica et Physica, [Amsterdam, 1681], S. 141; Catalogus [librorum qui in Bibliopolio Danielis] Elzevirii [venales extant], Amsterdam, 1674, (Bd. III: cat. libr. medicorum), S. 27].
*1653 Frankfurt In Catalogo Bahnsiano [Catalogus librorum (…) P. Serrarii et B. Bahnsen (…) welcke sullen verkocht worden den 9. April 1670, Amsterdam, 1670, S. 51].
° 1711 Hamburg „In Catalogo anni illius nundinali“ (Buchmessekatalog 1711).[5]

Alle späteren Bibliographen wie „Carbonarius“, Adelung, Gmelin, Ferguson, Duveen und Eco haben sich damit begnügt, die fiktiven Angaben von Jahr und Ort aus der Cimbria literata abzuschreiben, und somit sämtliche buchhistorischen Hinweise verwischt, die solch eine bizarre Häufung von Phantomdrucken überhaupt erklären konnten.[6]

Der bibliographische Wirrwarr um Khunraths Amphitheatrum war weder der Seltenheit des Werkes zu verdanken noch entstand er allein aus den unterschiedlichen Jahreszahlen, die der Hanauer Druck selbst enthält (1598 unter dem kaiserlichen Privileg, 1602 auf dem Kupfertitel, den Kupferstichen und in dem Epilogus, 1604 in der Einleitung und 1609 in der Vorrede des Herausgebers Erasmus Wolfart und dem Kolophon des Druckers Wilhelm Antonius). Denn schon früh haben Sammler und Bibliophile – die wohl keine Kataloge, dafür aber Exemplare des Amphitheatrum selbst besaßen – den Druck „Hanau 1609“ als den einzig existierenden identifiziert (Vogt 1747: „nunquam enim fuit recusus“; De Bure 1766: „n’y ayant jamais eu qu’une seule édition“).[7] Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass doch eine andere Edition, die „princeps“ von 1595, existierte, denn diese wurde erst zwei Jahrhunderte später, nämlich 1932, zum ersten Mal bibliographisch erfasst[8] und konnte somit bei der Bildung von Phantomausgaben der „Hanau 1609“ gar keine Rolle spielen.

Das sogenannte „Énigme de la Hanau 1609“ (wie Eco seine biographisch-bibliographische „enquête“ genannt hat)[9] lässt sich hingegen aus der Kombination von zwei Faktoren leichter erklären: Erstens aus der mannigfaltigen Art und Weise, wie konkurrierende Verleger Khunraths Amphitheatrum in den Buchmessekatalogen von Frankfurt und Leipzig frühzeitig oder nachträglich angekündigt hatten:

Frühlingsmesse 1602: „Henrici Conradi Lips. Medicinae doctoris Amphitheatrum sapientiae aeternae Christianocabalisticum, Divinomagicum, Physiochymicum, Magdeburg in fol.“

Herbstmesse 1606: „Magdeburg apud [Johannem] Franc[um]“

Herbstmesse 1608: „Prostat Hanoviae apud Antonium, Lubeccae apud haeredes Alberti, et Magdeburgi apud Braunium, in fol.“

Herbstmesse 1611: „Hamburgi apud Michaelem Heringium, in folio.“

Frühlingsmesse 1649: „Amphitheatrum autore Henrico Khunrad, apud eundem [Tobiam Gundermannum] in fol.“

Frühlingsmesse 1651: „Hamburgi apud Tob. Gunderman. in fol.“

Frühlingsmesse 1710: „Hamburgi apud Penjamin Schiller, fol.“

Zweitens aus den widersprüchlichen Angaben, mit denen der Verfasser selbst in seinen übrigen Werken zuerst auf die veröffentlichte erste Fassung des Amphitheatrum, die eigentlich ein Privatdruck war („Ich habe es bei mir, für gute kunstliebende Leute“), und dann auf die (erst posthum erschienene) zweite und erweiterte Fassung hingewiesen hat:

Confessio de Chao (1596), S. 51: „Plvra (Deo volente) de hisce in Amphitheatro Sapientiae aeternae solius verae, christiano-cabalistico, divino-mageico et physico-chemico, ter-trivno, catholico, nostro; non ita pridem a nobis absoluto, nuperrime tamen recognito multumque aucto, in publicum, vt juvet bonos, aliquando (fortassis) mittendo“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. A2v: „Das Lapis Philosophorum admirabilis, der wunderbare Stein der Weisen / in Rerum Natura sey / ist mit vnfehlbaren vnd Diamantischen Grundfesten / in der dritten Figura des Amphitheatri Sapientiae aeternae, etc. gnugsam dargethan vnd erwiesen“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. A3r: „Was aber Lapis Philosophorum sey / wird beides aus seiner Definition vnd fernerer Beschreibvng / in obangezogenem Amphitheatro, hin vnd wieder / von mir mit grunde gesetzt, als auch aus dieser kegenwertigen meiner in Zehen vnterschiedliche Capittel getheilten Philosophischen Confessione oder Bekenntnvs / gnugsam vernommen werden“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. A4r-v: „Ich weis zwar wol / das mancherley vnd viel seltzame iudicia von diesen jtzt gemeldeten meinen Operibus hin vnd wider gefallen; Was sol man aber thun? Man mus die Leute reden lassen / so lange bis die grawen Bärthe vergehen. Jch rede aber auch / vnd spreche / das ein jeder daruon vrtheile / wie er es versteeht / vnd demnach er entweder gegen meine Person / oder aber gegen die Lehre wolgedachter meiner Schrifften / affectioniret ist. Der Narr iudicieret närrisch; der Vnuerstendige, vnuerstendig; der nur Weldliche, gar weldlich; der Spötter, spöttisch; der voller Neid, abgünstig; der Lesterer, lesterhafftig; der Verechter, verechtlich; Ein jeder Vogel singet / wie ihme der Schnabel gewachsen. Die Weld lohnet nicht anders. Deme sey nun aber wie ihme wolle / so weis ich doch darkegen gewis / kans auch (wo nötig) mit vielen Brieffen beweisen / das Kunstverstendige gute Leute / auch kunstverstendig die selben recht verstanden / auch wol daruon geredet vnd geschrieben haben“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. A5r: „Mein Amphitheatrvm, diese Philosophische Confession vnd andere meine dergleichen Schrifften / werden wol bleiben. Gott wird zu jeder Zeit gute verstendige Leute erwecken / die sie werden helffen mit Ehren verteidigen vnd vertreten“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. A11v: „Als dann (wann Gott wil) so wirstu nicht nur […] das Amphitheatrvm recht verstehen / sondern auch nach Derselben anweisungen von Gott post bene velle et nosse (richtig Wollen und Erkennen), bene posse et esse (richtig Können und Werden) erlangen mit Magnesia in Laboratorio practice fruchtbarlich zu handeln“.

Von Hylealischen Chaos (1597), S. 424: „Mehr von bisher gesagten allen / geliebts Gott / in meinem Christlich Cabalistischen / Göttlich-Magischen / vnd Naturgemes-Alchymischen Amphitheatro Sapientiae aeternae, etc. Catholico, das ist / gantz Circulrunden und vollkommenen Vniuersal oder Allgemeinen Schawblatz der Ewigen allein wahren Wejshejt: welches vnlangst (mit anwendung grosser Kosten / auch vieles Reisens / langer Zeit / Mühe vnd Arbeit von mir […] verfertiget; [am Rande: „Ich habe es bei mir, für gute kunstliebende Leute“] newlichst aber mit vleis wieder vber sehen / vnd an vielen orten wol vermehret vnnd verbessert; so einsmals zu forthelffung guter warheit-liebenden hertzen (derer ja noch etliche / ob schon sehr wenig / sein mögen) vielleicht öffentlich / (geliebts Gott) herfür geben vnd an tag kommen wird“ [am Rande: „Die vndanckbare Welt / lestert nur das gute; darumb helt man publicè darmit noch etwas zu rücke. Es müssen Praeparatoria vorhero gehen“].

Von Hylealischen Chaos (1597), S. 426: „Es möchte auch gefragt werden / was doch mich darzu angetrieben / das ich diese mein kegenwertige bekentnus herfürbringe vnd öffentlich an tag gebe? Sintemal die Warheit viel neidens vnd anfechtung habe; auch bey jtziger grundböser weld fast nicht viel gesaget / sondern viel mehr geschwiegen sein: ob ich mich nicht befahre / etliche vermeinte hochgelerten vnterschiedlicher faculteten / vnd andere Philosophanten / auch das gantze hummel geschmeis der Arg-Chymisten rege zu machen / vnd mir vffsetzlich vff den hals zuladen? Hierauff gebe ich freudig zur antwort: viel Feinde der Warheit halben / viel Ehre bey verstendigen vnnd Ehrlichen Leuten“ [am Rande: „Was mir verursacht dis Buch zu schreiben“].

Symbolum physico.chymicum [1598], S. 20: „Imo etiam pro Humani generis salute Physico-Chymica, Divino-Magica, et Christiano-Cabalistica: sicut in quarta amphitheatri sapientiae Aeternae etc. mei figura docui“.

Naturgemes alchimisch Symbolum (1598), S. 19: „Ja / auch vmb naturgemesz alchimisch / Göttlich Magisch / Christlich Cabalistisch heyl desz Menschen: wie in vierter figura meines amphitheatri sapientiae aeternae, etc. ich gelehret habe“.

Qvaestiones tres, per-vtiles [1599], S. C6r-v: [Hier wird das Amphitheatrum als eigentlich noch unveröffentlichtes Werk angekündigt:] „De quibus omnibus et singulis, Deo juvante, aliquando plura in Amphitheatro Sapientiae aeternae, solius verae, etc. meo“.

Warhafftiger Bericht von philosophischem Athanore [1599], S. 59-60: „Wo von in Meinem Amphitheatro sapientiae aeternae, solius verae, Christiano-Kabalistico, Divino-Magico, nec non Physico-Chymico, (so Jch mit Gottes hülffe / in offenen Druck heraus zu geben / jtzo vnter Handen habe) beliebts Gott / in specie soll catalogisiret werden“.

  1. Khunraths Lebenslauf

Über Heinrich Khunraths Biographie wissen wir kaum mehr, als er selbst im Amphitheatrum und seinen übrigen Schriften berichtet. Diese Selbstzeugnisse (samt den wenigen erhaltenen fremden Informationen) zeigen uns einen Lebenslauf, der sich in wenigen Sätzen zusammenfassen lässt:

Heinrich Khunrath wurde 1560 – wohl in Leipzig – geboren (Titelblatt), hat sich seit dem 15. Lebensjahr der Alchemie verschrieben („in officina Vulcani, ab anno inde usque aetatis meae decimoquinto, indefesse lavorabi“); hat von Jugend an über eigene finanzielle Mittel verfügt („sumptibus certe non exiguis, tamen gratia Deo propriis“); hat allein oder mit Partnern, guten und schlechten, gearbeitet („solus et cum sociis […] jam dextre, jam sinistre“); hat über seine Erfolge und Misserfolge wie auch seine Beobachtungen und Meditationen immer Buch geführt („sedulo annotavi“); hat die Bücher der Theosophen, Kabbalisten, Magier und Physikoalchemiker („hoc est vere Sapientium“) gelesen und immer wieder gelesen, aber auch diejenigen der ‚nicht erleuchteten Philosophen‘ oder gar der ‚Sophisten‘ eingehend studiert; ist oft auf längerer Wanderschaft gewesen und hat mit allerlei Leuten (ob alt oder jung, ob gelehrt oder ungelehrt, ob Christen oder Juden, ob Theosophen oder Theosophisten) verkehrt; hat Museen, Bibliotheken und Laboratorien von ausgezeichneten Männern besucht und sich auch eine Sammlung von fremdländischen und enigmatischen Objekten, Bildern und Schriften angelegt („sculpta, picta, scripta […] conquisivi“); hat sich dann an der Universität Basel eingeschrieben und am 24. August 1588 mit einer Reihe von Theses über die „Signatur der natürlichen Dinge“ promoviert (Amphitheatrum, 1595, annot. 233 / Amphitheatrum, 1609, annot. 291).

Die weiteren Stationen seines Lebens lassen sich nur annähernd rekonstruieren: 1589 befindet er sich in Bremen, wo er John Dee kennenlernt; dann arbeitet er als Arzt zunächst in Prag (bis etwa 1593), später in Hamburg (bis 1597), Magdeburg (ab 1598), Berlin und gelegentlich auch in Dresden. „Immatura morte praeventus“ stirbt Khunrath am 9. September 1605 in Dresden (andere behaupten, in Leipzig).[10]

In chronologischer Reihenfolge lauten die einzelnen gesicherten Informationen über das Leben Khunraths sowie die von ihm erhaltenen Selbstzeugnisse folgendermaßen:

1560      In Leipzig geboren, laut der Inschrift auf Khunraths Porträt von Johann Dirks van Campen 1602 in Magdeburg: „Effigies Henrici Khunrath Lipsensis, Theosophiae amatoris fidelis, et Medicinae vtrivsque Doctoris: Anno a Ihsvh Christo, servatore nostro, nato, M. DC. II. aetatis svae XLII“.

1570      Immatrikulation an der Universität Leipzig im Wintersemester 1570 mit einer Studiengebühr von 10 1/2 Groschen, jedoch ohne Eid, da zu jung.

1575      Beginn seiner Beschäftigung mit der Alchemie: „Dieses ist (Gott sey lob) das dreyundzwanzigste Jahr / das mit Alchymia, et theoretice et practice Jch umbgangen“ [am Rande:] „Jch geriete sehr Jung in AlChymiam“ (Von Hylealischen Chaos 1597, S. A6r).

In officina Vulcani, ab anno inde usque aetatis meae decimoqvinto indefesse laboravi, sumptibus (certè) non exigvis, tamen (gratia Deo) propijs. (Amphitheatrum, 1595, annot. 230c / Amphitheatrum, 1609, annot. 294) Jn der Vulcanischer Werckstatt, i.e., im Feuer, habe ich von meinem 15ten Jahre an unermüdet und gewißlich mit grossen Kosten, jedoch, Gott lob, auf meine eigene, gearbeitet. (Schauplatz, Ms. Darmstadt 3262, Vers. 294)
hab in solcher zeit nicht wenig / beides geschriebene vnd gedruckte / Böse vnd Gute Alchymistische Bücher durchgelesen; manchen seltzamen Recepta vnd Processe abgeschrieben vnd laboriret; viel schöner Fuder Kohlen zum theil selbst / in Chymischem Laboratorium verbrennet / zum theil durch andere / in meiner vorlegung / verbrennen lassen; Jch habe die hende selbst (wollte Jch anders etwas rechtschaffenes disfalls wissen) müssen in Laimb vnd Kohlen schlagen / Ofen bawen / vnd zur verenderung wiederumb einreissen; auch viel grosse vnd kleine Distillir Gleser / dergleichen Krüge vnd Retorten in der Arbeit zerbrechen; manchem Künstner (etwas gutes von ihme zuerfahren) weit zugefallen nachreisen / vnd viel darüber verzehren / ehe ich innen worden / was Arg-Chymia, vnd Al-Chymia sey. Ehe Jch nunmehr (Gott sey lob) den Geist vnd Gabe des Vnderscheidens in dieser Kunst von Gott (ohne vergebnen ruhm zu reden) in Oratorio durch Beten / vnd Laboratorio durch Arbeiten / gnediglich bekommen / das ich gelernet disfals das Böse vnd Lügen zuuerwerffen / darkegen das Gute vnd Warheit zu behalten (Von Hylealischen Chaos 1597, S. A6r).

1576-1587: Jahre der Beobachtung, der Übungen, der Lektüre, des Aufschreibens und der Wanderschaft:

Qvaeret aliquis: Vndenam habes, qvae in Amphitheatro hoc tuo nobis proponis? Cum Sapiente nostro ingenue respondeo […] mihi dedit Devs, a Domino accepi, tam immediatè, qvam mediatè. At qvomodo qvaeso, iterum inqvies? Dicam. Audisti antea, nimirum, Theosophicè, Physicè, PhysicoMedicè, etc. vt supra. Nam Philosophorum variorum populorum, tam vetustissimorum ac veterum, qvam Neotericorum monumenta, symbolicè aut mysticè, hieroglyphicè, figuratè, aenigmaticè, parabolicè, allegoricè, arcanè, secretè vel manifestè, sculpta, picta, scripta (domi et foras) ego ipse et per alios (emptione, commutatione, etc. prout fieri potuisse tempus et occasio concedebant) conqvisivi, perlustravi: Libros Theosophorum, Cabalistarum, Magorum, PhysicoChemicorum, hoc est, verè Sapientum, nec non Ethnicè Philosophantium non illuminatorum aut Sophistarum evolvi, relegi et iterum legi: suspirijs votisque Christiano licitis atque concessis optavi, invocavi, oravi: aperuit (res ipsa loquitur) qvi solus est dignus Ihsvh Sapientia Patris, non solum hosce, quos dixi, verum etiam Librum Dei in ternario Catholicon, qvi est, SSa. Scriptura, et Mundus uterque major et minor, removitque signacula ejus, (v. 207 et figura Amphitheatri hujus secunda) ita, ut Liber Librum adhuc de die in diem explicet atque interpraetetur. Es möchte aber jemand fragen und sprechen: woher hast du dann diese dinge, welche du in diesem deinem Amphitheatro vorbringst? Ich antworte freymüthig mit unserem Weisen […] von dem Herrn hab ich es empfangen, so wohl mittelbar, als unmittelbarer Weise.

Aber Du wirst ferner fragen: Wie, und auf was Art den? Ich will dir es sagen: du hast es schon vorher gehört, namlich theosophicè, physicè, physico-medicè, und so fort wie eben gesagt worden. Dann da ich in grosser Hitze begierig, und mit einem göttlichen Feuer entzündet war, die verborgene dinge zu erforschen, da suchte ich mir die Monumenta oder Schriften von solchen dingen zusammen, und lies mir sie durch andere zum Theil anschaffen und kaufte, oder lehnete sie, wie es dann Zeit und Gelegenheit schickten: Schafte mir also so wohl der uralten, als neuerer Philosophen Bücher und Schriften an, welche zum Theil symbolisch, mystisch, hieroglyphisch, figürlich, rätselhaft unter Gleichnissen, parabolisch, allegorisch, sinnbildlich, geheim und erkenbar geschrieben, und zum Theil gezeichnet, gestochen und gemalet sind: diese, sag ich, schafte ich mir an, und studierte sie fleissig durch. Ich durchgieng die Schriften der Theosophen, der Cabalisten, der Magorum und Physico-Chemisten, d.i., der wahren Weisen; desgleichen auch die Bücher der Heidnisch-philosophirenden, die unerleuchtet sind, nemlich der Sophisten; ich habe sie gelesen und wiedergelesen: dabey seufzete ich von ganzem Herzen zu dem Herrn Jehovah; ich rief ihn an; ich wünschte und bat ihn, daß er mir Jesus Christus, die Weisheit des Vaters, der allein würdig ist, die Siegel aufzuschliessen, nicht nur diese gesagte Bücher, sondern auch wie die Sache selbst redet und bezeuget, das allgemeine Buch Gottes in der 3 Zahl, welches ist die H. Schrift, und die grosse und kleine Welt: Er nahm mir diese Siegel darvon weg (vers [v. 207/] 223 und figur 2) also daß auch noch auf heute immer ein Buch das andere erkläret und ausleget.

In officina vulcani, ab anno inde usque aetatis meae decimoquinto, indefessè laboravi […], solus et cum sociis, fidelibus mihi atque infidelibus, jam dextrè, jam sinistrè: qvomodo enim bene, qvi nunqvam male? Docuerunt, qvae nocuerunt. Observavi, qvae Natura (obstetricante Arte) docebat: O fructuosissimam Cabalam PhysicoChemicam hanc! Sermones, labores, cum meos tum aliorum mentisque praesagae conceptus, sedulo annotavi. Meditatus sum gnaviter die ac nocte super hisce qvae videram, legeram, audieram, didiceram; stans, sedens, deambulans, recumbens, ad Solem, ad Lunam, ad ripas, flumina, in pratis, montibus, silvis, nemoribus, etiam ad lampadem patheticè me moventem; vixi ac contuli (à qvovis enim discendum non inepte rebar) cum senibus, juvenibus, Religiosis et laicis; cum Principibus, et alto stemmate natis; doctis atqve indoctis; simplicibus, et pelle vulpina tectis; prudentibus, insipientibus; rusticis, ac idiotis; cum divitibus, pauperibus, cum Theosophis atque Theosophistis; bonis, malis; albis, nigris: (non enim scientia mali, sed usus damnat) cum theoricis aut contemplativis exercitatis, practicisque expertis; cum mechanicis, qvorum officinas freqventer visitavi; So wol mit den weit vnd tieffgelehrten / hoc est, nautis atque montanis, als hochgelehrten: cum Iudaeis, Christianis, sectarijs, imò atheis, audivi omnes, spernebam nullum: Bonum feci vultum (iuxta Raymundi consilium utilissimum) ijs, qvi vadunt per mundum, nam non pauca bona reperi apud nonnullos: sub purpura, serico et holoserico (fatear veritatem) interdum latuisse stultitiam, contra, sub pallio sordido nonnunqvam Sapientiam, non semelsum expertus […]. In der Vulcanischer Werckstatt, i.e. im Feuer, habe ich von meinem 15ten Jahre an unermüdet und gewißlich mit grossen Kosten, jedoch, Gott lob, auf meine eigene, gearbeitet, und zwaren theils allein, theils mit Gehülfen, mit Getreuen und Ungetreuen, bald auch wohl und glücklich, bald auch wieder übel und unglücklich; denn, wie soll der es gut machen können, der es nie übel und schlecht gemacht hat? Was mir Schaden brachte, das hat mich gelehret. Ich beobachtete wohl, was die Natur durch Hülfe der Kunst lehrete: O welche eine fruchtbare physico-chemische Cabala ist dies nicht? Ich notierte mir die Reden und Arbeiten, wie auch die Conception des Gemüths, so wohl anderer als auch meine eigene, sehr fleissig auf […] Ich habe Tag und Nacht sehr fleissig und genau beobachtet und meditiret, über das, wass ich gesehen, gelesen, gehöret und gelernet hatte: Ich dachte darauf in gehen und stehen, in sitzen und liegen, abends und morgens, desgleichen wenn ich etwa ein wenig spazieren gieng, um nur die ermüdeten Lebensgeister ein wenig zu erquicken, bey Flüssen und Bächen, auf Wiesen und Bergen, in Wäldern und Gebüschen, auch beim Licht in der Kammer, beym schlafgehen und aufstehen. Ich habe gelebet und Umgang gepflogen mit Alten und Jungen; dann ich schämete mich nicht, von einem jeden zu lernen; mit Geistlichen und Layen (ich rede nicht kindisch oder altweibisch, sondern in guter Erkenntnis), mit Fürsten und hohen Personen: mit Gelehrten und Ungelehrten; mit Aufrichtigen und unter dem Fuchspelz Versteckten; mit Verständigen und Unverständigen; mit Bauern und Unwissenden; mit Reichen und Armen; mit Theosophen und Theosophisten; mit Guten und Bösen; mit Weissen und Schwarzen (um nur manchmal eine Kunst zu wissen, nicht daß man sie deßwegen gut heißt: dann das Böse wissen, verdammt nicht, sondern dasselbe brauchen und ausüben); mit Theoricis oder in Betrachtung Geübten und mit Practicis und wirklich Arbeitenden: Auch habe ich die Mechanici in ihren Werkstätten fleissig besucht; so wohl mit den weit und tief gelehrten, d.i. mit den Nautis und Montanis [See- und Bergleuten] (denn man muß einem jeden in seiner Kunst Erfahrnen Glauben zustellen) als mit den Hochgelehrten; mit Juden und Christen, mit Sectirern, ja mit Atheisten. Ich hörete sie alle an, und verachtete keinen, und erwieß ihnen ein freundlich Angesicht, nach demütlichen Rath des Raymundi, so viel ihrer durch die Welt wandern; dann bey einigen habe ich nicht wenig Gutes gefunden. Ich habe nicht nur einmal erfahren, daß die Thorheit und Narrheit unter Sammet, Purpur und Seide; hingegen die Weisheit unter einem schlechten Mantel verborgen gestecken, welches ich mit Wahrheit bekommen kann […]
Sum diu peregrinatus; invisi alios, qvos experientia aliqvid scire ac judicio valere confirmato autumabam, nec semper frustra: nam Iehovah, mihi benigno, corda eorum sic movente, disponente ac inclinante, de mysticis, arcanis secretioribus (ovantes nonnulli se nactum doctrinae filium, attentum et veritatem sitientem) absque velamine mecum amicè disputarunt ac contulerunt: Musaea et bibliothecas perlustrare, Laboratoria contemplari, labores aspicere, non invii concesserunt; qvae sumptibus magnis laboribusque Herculis plurimos annos indagassent, fraterne manifestarunt: Praeparata (inter qvae Dei, Devm testor, ordinatione mirabili, ab uno habui Leonem viridem Catholicon, et Sangvinem Leonis, hoc est, Avrum non vulgi sed philosophorum; oculis vidi meis, manibus tetigi, lingua gustavi, naribus olfeci: ô qvam mirabilis Devs in operibus suis!) praeparata, inqvam, dono dederunt, qvibus apud proximum meum egenum, in casibus desperatissimis, fructuosissime sum usus; et modos praeparandi (Iehovae instinctu misericordis) sincere revelarunt. Ich habe lange gereiset. Ich habe einige besucht, die ich aus einiger Erfahrung dafür hielte, daß sie was wüssten und mit besonderm Judicio begabet wären, und ist auch solches nicht allezeit vergebens gewesen: dann Jehovah, der mir gnädig war, der bewegte und ordnete ihre Herzen dermassen, daß sie ohne decke mit mir von den Mysterien und Arcanen redeten, und freueten sich so gar einige, daß sie an mir einen Sohn der Lehre gefunden, der aufmerksam und nach der Wahrheit durstig war. Sie erlaubten nur recht gerne, daß ich ihre Studirstuben, ihre Bibliotheken, und ihre Laboratoria und Arbeiten durchsuchen, beschauen und betrachten durfte. Sie offenbareten mir brüderlich, was sie durch grosse Kosten und Herculis-Arbeiten viele Jahre hindurch erforschet hatten; von ihren zubereiteten dingen gaben sie mir (da ich dann auch durch wunderbare göttliche Verordnung, von einem, den allgemeinen grünen Löwen und das Blut des Löwens, d.i. das Gold der Philosophen, nicht das gemeine Gold, bekommen habe, dessen Gott mein Zeuge ist; das ich mit meinen Augen gesehen, mit meinen Händen betastet, mit meiner Zunge geschmäcket, und mit meiner Nase gerochen habe, O wie wunderbar ist Gott in allen seinen Werken!) Sie gaben mir, sag ich, von ihren bereiteten Sachen, deren ich mich bey meinem dürftigen Nächsten; in den allerverzweifeltesten Umständen mit grossen Nutzen bediente: Auch offenbareten sie mir (durch Antrieb des barmherzigen Herrn Jehovah) die Art der Praeparation ganz aufrichtig.
Ita oportuit me discere, addiscere, philosophari: nam pars minima horum in universitatibus Academicorum docetur et discitur. In Vniversitate Dei Peripateticè, hoc est, circum ambulatoriè nobis studendum atque discendum. Haec methodus mirabilis, qva dedit Mihi Deus. Mirabilis: haec via, qua (vt scirem, non opinarer), ambulavi […] Qvis dedit? Solus, inqvam Devs, immediatè et mediatè: subdelegatè tamen Natura, Ignis, Ars, Magistri tam vivi, qvàm muti: corporales et spirituales boni; vigilando ac dormiendo mirabilis […] Also habe ich müssen philosophiren lernen: dann der wenigste Theil von diesen dingen wird auf Universitäten und Hohen Schulen gelehret und vorgebracht, noch gelernet. Wir müssen auf der Universität Gottes peripathetice d.i. in Umhergehen studiren und lernen. Dieses ist der wunderbare Methodus oder die Art und Weise, auf welche mir der wunderbare Gott diese Dinge gegeben hat. Dieses ist der Weg, darauf ich gegangen bin, um aus dem Meynen ins Wissen zu kommen.
Omnia habent tempus suum (Eccl. 3, 1) Tempus hactenus fuit, methodo praefata, discendi: Tempus nunc est, ut inserviam memoriae meae, scribendi, pingendi, annotandi: Tempus (Deo volente et dante) in posterum erit, Omnia In Oratorio et Laboratorio ad finem completum perducendi, usumque triunum, videlicet Divinum, Macro et microcosmicum, perfectè transferendi. (Amphitheatrum 1595, annot. 230; Amphitheatrum 1609, annot. 294) Alles hat seine Zeit (Pred. 3,1). Bisher war die Zeit auf vorgesagte Weise zu lernen; Jtzo ist nun die Zeit, daß ich meinem Gedächtnis zu Hülfe komme mit schreiben, malen und aufzeichnen: Und künftig wird die Zeit seyn, so Gott will, alles in Oratorio et Laboratorio zu vollkommenem Ende zu bringen, und dreyeinigen Nutzen zu erklären.

(Schauplatz, Ms. Darmstadt 3262, Vers. 294)

1588      Mai: Immatrikulation an der Universität Basel. August: Drucklegung seiner De signatura rerum naturalium theses bei den Nachfolgern des Oporinus in Basel, mit einer Widmung an seinen Verwandten und Mäzen, den Hamburger Bürgermeister Wilhelm Moller. 24. August: Öffentliche Disputation über die Signaturenlehre vor dem Collegium Medicum in Basel:

Ego (post Paracelsum primus omnium, Phytognomicis [Johannis Baptistae] Portae in Germania nondum extantibus nec visis) ex consilio et decreto Amplissimi Collegii Medici in Basileensium Academia pro Doctoris gradu in Medicina conseqvendo, Iehovah summo juvante, Thesibus affixis viginti octo, publice docui atque defendi, Anno 1588, die 24. Augusti; defendamque pro viribus in gloriam atque honorem Dei Mirabilis (auxilio ejusdem) donec vixero. (Amphitheatrum 1595, annot. 233; Amphitheatrum 1609, annot. 297).

1588      3. September: Promotion zum Doctor der Medizin (Dr. utriusque medicinae, i.e. theoreticae et practicae).

1588      Dezember-Oktober 1589: Anfertigung des Manuskripts des Liber Albedachi, Libellus Almachbalae, Astrophili Megalopij und des Antipalvs Maleficiorum von Trithemius (Ithaca, New York, Cornell Univ., Ms. Witchcraft BF A 32, S. 1-234), wohl zu Berlin, da Khunrath als Vorlage für die von ihm und seinem Amanuensis angefertigten Kopien die Codices des Kurfürsten Joachim von Brandenburg benutzte. Dass sich Khunrath in Berlin aufgehalten hat, geht aus einer Stelle in seinem 1608 posthum erschienenen De igne Magorum Philosophorumque secreto, S. 38, hervor:

Ja zu Berlin / vnd Cöln an der Sprew / habe ich die jungen Knaben des Johanns Fewer altem gebrauch nach / auff St. Johans Abend / neben anwendung werks / der [ed. 1783 korrigiert: Wergs, Theer] vnnd Schweffels / gesagter Nothgezwengenster gestalt / sehn anzünden.[11]

Einige der eigenhändigen Notizen Khunraths lauten in diesem Manuskript:

„Henricvs Khunrath vtriusque Med. Doct.“; „Ex Autographo Serenissimi Electoris Joachimi primi Brandeburgensis“ von 1506; „Nota: Transtuli praecedentes descriptiones ex codice pergameno Anno 1506 in quarto, ut vocant, modo, manuscripto, Serenissimi Principis Joachimi primi, Electoris Brandenburgici, effigie propria bis, Angeli sui Jaymyelis semel, nec non iconibus Regum ac philosophorum nationum variarum, numero 74, magnifice exornata: quem, paterno affectu commotus, tanquam keimelion aliquod singulare, in vsum indagandi veritatis casuum occultorum aut dubiorum, dono dederat filio suo (ut fatet ibidem ipse) unico primogenito atque charissimo Joachimo Juniori, nonis Martii in Brandenburgensi. Anno 1510“; „Antipalus Maleficiorvm Johannis Trithemii Abbatis Diui Jacobi Apostoli, Peapoli. Ex libro manuscripto Serenissimi Electoris Joachimi“.

1589      6. Juni: Besuch bei John Dee in Bremen: „June 6th, Dr. Henrich Khunradt of Hamburgh visitted me“.[12] „Here that famous Hermetique Philosopher, (Doctor Henric Kunrath of Hamburgh) came to visit him [Dee]“.[13] Khunrath muss zu dieser Zeit in Hamburg gewohnt haben.

1591      Der angebliche Aufenthalt Khunraths in Prag im September 1591 wird auch durch folgende Aussage über das vergebliche Experimentieren mit dem Perpetuum mobile am kaiserlichen Hof nicht wahrscheinlicher: „Multos novi in Aulis dominantium, Motum perpetuum ligneum, Chalybeumvè, etc. mechanicè (ah frustra) qvaerentes […], vani labores eorum. Motum movendum exhibent Sophistae, non moventem.“ (Amphitheatrum 1595, annot. 237; Amphitheatrum 1609, annot. 136).

1591      15. Dezember: Anstellung als Leibarzt von Graf Wilém Vok Rožmberk (z Rožmberka, a Rosis, Rosenberg) in Třebon und Prag, mit einem Salär von 200 Talern im Jahr sowie drei Pferden und vier Dienstboten.[14]

1592      23. August: Khunrath signiert die Vorrede zum Buch Zebelis de interpraetatione, und zwar in Prag, wo er sich laut Titelblatt als „medicus ordinarius“ des Wilém Vok von Rosenberg aufhielt.

Das für den Druck verwendete Manuskript, „ex Bibliotheca Henrici Khunrath Lips.“, stammte angeblich von Carion („Johannis Carionis […] eigner Handschrifft geschrieben“) und wurde zunächst in der Bibliothek der Kurfürsten von Brandenburg aufbewahrt; von dort gelangte es „als ein sonderlich geschencke“ an den Kurfürsten August von Sachsen („inde ad Illustriß. Electorem Avgvstvm Saxonicum, piae et summae memoriae, in donum aliquod singulare fuit missum“), der das Manuskript seinerseits – so schreibt Khunrath – „einem meiner Verwandten / und gutem freunde“ vermachte, „von welchem ich es hernacher auch bekommen“, vgl. Zebelis de interpraetatione. Am Schluss der Vorrede kündigt Khunrath auf Deutsch und Lateinisch sein nächstes im Druck erscheinendes Werk (wohl das Amphitheatrum) an: „Do ich auch vernehmen vnd verstehen werde / das diese meine angewendete geringfügige arbeit vnd bemühung / trew vnd wolmeinenden Leuten: ausser den Zoilis, […] angenehme vnd gefällig / so solle / […] etwas bessers vnd solches erfolgen / so dergleichen Calumniatoribus verwunderlich fallen möchte“. Im lateinischen Paralleltext wird das Argument des künftigen Werkes näher spezifiziert:

[…] tale aliquid Deo volente in gratiam bonorum […] de Deo, nimirum per Caelum, per Stellas, per Solem, per Lunam, per Planetas, per Metheora, per Mare, per Tellus, immò per omnes suas tam spirituales, quam corporeas, tam superiore, quam inferiores creaturas; et in Microcosmo, h.e. homine ipso, etiam ex se et per se, mirabiliter ac varie loquente, etc. Proferam atque proponam, quod vix erit pro istorum calumniatorum palatu. Bene Vale, Pragae 23. Augusti. Anno 1592. Henricus Khunrath, Lips. Med. Doct.

1595      April, Mai, Juli, September: Khunrath lässt vier Bilder des Amphitheatrum durch den aus Antwerpen stammenden Kupferstecher Paul van der Dort in Hamburg stechen, der am unteren Rand der vier Rundfiguren mit Namen und Angabe von Ort, Jahr und Monat auch signiert: „Paullus vander Dort Antwerp. scalpsit Hamburgi. Anno a Christo nato 1595, mense Aprili“ (für die erste Figur), „Maio“ (für die zweite), „Julio“ (für die dritte) und „Septembri” (für die vierte). Der ebenfalls in Hamburg tätige Künstler Hans Vredeman de Vries hat nur das IV. Blatt „Laboratorium-Oratorium“ im inneren Kreis signiert „HF vriese pinxit“. Die Entwürfe stammen jedoch von Khunrath selbst, der in allen vier Figuren am unteren Rande ebenfalls als „inventor“ signiert. Dass Khunrath ein guter Zeichner war, beweisen nicht nur die Hinweise auf seine zeichnerischen Arbeiten („tam scripta quam picta“, „sculpta, picta, scripta [domi et foras] ego ipse et per alios […] perlustravi“, vgl. Amphitheatrum 1595, annot. 230; Amphitheatrum 1609, annot. 294), sondern auch die in seinen Autographen (Halle ULB, Ms. 14 A 12) erhaltenen Zeichnungen von chemischen Geräten.

1595      Oktober-Dezember: Anfertigung des Kupfertitels und anschließende Drucklegung des Amphitheatrum, und zwar als Privatdruck, wie Khunrath auf dem Titelblatt („in publicum vix mittendum“) und dann in Von Hylealischen Chaos 1597, noch versicherte:

Mehr von bisher gesagten allen / geliebts Gott / in meinem Christlich Cabalistischen / Göttlich-Magischen / vnd Naturgemes-Alchymischen Amphitheatro Sapientiae aeternae etc. Catholico, das ist / gantz Circulrunden vnd Vollkommenen Vniuersal oder Allgemeinen Schawblatz der Ewigen allein wahren Wejshejt: welches vnlangst (mit anwendung grosser Kosten / auch vieles Reisens / langer Zeit / Mühe vnd Arbeit von mir […] verfertiget. [Am Rande:] „Ich habe es bey mir, für gute kunstliebende Leute.“

Für den gedruckten Text verwendete man, wie Ralf Töllner gezeigt hat, gutes Papier aus der Basler Papiermühle des Niklaus Heusler. Eine Drucklegung in Basel, die Töllner für möglich hält, wird jedoch dadurch ausgeschlossen, dass die für den Text verwendeten Typen diejenigen von Elias Hutter sind, der in Hamburg zur gleichen Zeit seine polyglotte Bibel bei Jakob Lucius dem Jüngeren drucken ließ. Somit ist möglicherweise auch die Frage nach dem Drucker des Amphitheatrum von 1595 geklärt, denn der Druck wäre dann in der Offizin des Jakob Lucius d. J. erfolgt, der kurz zuvor von Helmstedt nach Hamburg gezogen war. Der Druck erfolgte in wenigen Exemplaren, wie Benedictus Figulus 1608 bestätigte:

Ob wol aber bißhero ehgedachtes Amphytheatrum Chymicum Doct. Khunrads seligen / wegen solches in Kupffer gestochenen vnnd gedruckten Figuren / in hohen schweren kauff gewesen / auch dazumal der Exemplar wenig auffgelegt worden / vnd fast nur hohen Personen zukommen / vnd also distrahirt worden / das ein armer Gesell das nicht wol bekommen können […].[15]

1596      Khunrath hielt sich weiterhin in Hamburg auf, wie aus dem Schluss der Confessio de chao physico, Magdeburg 1596, hervorgeht: „Hamburgi degens“. Am 11. Dezember 1596 übergab Khunrath zu Hamburg seinem Freund Johann Grasse ein Sigillum Hermetis, vgl. Dresden SLB, Ms. J 345, S. 854-855.

1597      Konrad Khunrath offeriert das Consilium de Vulcani magica fabrefactione armorum Achillis sowohl dem Landgrafen Moritz von Hessen in Kassel wie auch dem König von Schweden Karl IX., jedoch ohne zu erwähnen, dass es sich um eine Schrift seines Bruders Heinrich Khunraths handelte, vgl. unten im Werkverzeichnis die Manuskripte in Marburg, HStA, 4a 39, Nr. 50, und Stockholm KB, Ms. Rål 4to Nr. 138.

1597      13. Juni: In Magdeburg auf der Durchreise, laut Datierung der Vorrede zu Von Hylealischen Chaos:

Geben Magdeburgk im Güldenen Helme / in meinem durchreisen / den dreyzehenden Tag Ivnii / im Jare […] Ein Tausent / fünff Hundert vnnd Sieben vnd Neuntzigsten.

1597      12. Dezember: Unterzeichnung des lateinischen und deutschen Symbolum, beide bei den Erben Heinrich Binders durch Philipp von Ohr in Hamburg gedruckt. Am 23. Dezember unterschreibt Khunrath ‚Ein philosophisches Lied von Saltz‘ für die deutsche Ausgabe des Symbolum. Ohne Ortsangabe, aber wohl ebenfalls in Hamburg.

1598      1. Juni: Erteilung des kaiserlichen Privilegs für sämtliche Bücher Khunraths („tam scripta quam picta“), und dies für die Dauer von zehn Jahren nach dem ersten Tag der jeweiligen Veröffentlichung. Dieses Privileg erscheint dann ab 1598 in fast allen Ausgaben von Khunraths Büchern.

1598-1599 Brief- und Schriftenwechsel mit Johann Arndt, wie aus dem Schluss von Arndts Brief vom 25. Dezember 1599 an den künftigen Herausgeber des Amphitheatrum, Erasmus Wolfart, hervorgeht:

Aber Dr. Khunrath wirfft mir für aus dem Buch Tobiae […] Ich antworte […] alsobald als ich Dr. Khunraths beygeschriebene Außlegungen über meinen Brief gelesen / innerhalb zwo Stunden nach einander geschrieben […] wollet diß mein Schreiben geheim bleiben lassen.[16]

1599      Am Schluss des Warhafftiger Bericht von philosophischem Athanor (Magdeburg 1599) kündigt Khunrath zwei weitere Werke an: „Von Geheimen des Lebens der Elementen“ und „Von natürlich vnnd göttlich-magischer Ahnzvndung [des] Fewer der vhralten Persischen / Griechischen / Römischen vnd anderer Völcker Magorvm, das ist [der] Weisen“. Nur die zweite Schrift erschien posthum 1608 in Straßburg.

1599 (?) In den posthum erschienenen Qvaestiones tres, per-vtiles, Eisleben 1607, S. C6r-v, wird das Amphitheatrum als eigentlich noch unveröffentlichtes Werk angekündigt: „De quibus omnibus et singulis, Deo juvante, aliquando plura in Amphitheatro Sapientiae aeternae, solius verae, etc. meo“. Die Redaktion dieser Hochnützliche / vn-vmb-gängliche vnd gar noth-wendige Drei Fragen, welche John Dee, Joseph Duchesne und Petrus Hollandus gewidmet waren, geht aber wahrscheinlich noch auf die 1590er Jahre zurück.

1601-1604 Briefwechsel Khunraths mit Graf Albrecht VII. von Schwarzburg-Rudolstadt (Thüringen); die erhaltenen Schreiben unseres Theosophen mit Ratschlägen zur Bekämpfung eines Steinleidens des Adressaten wurden jeweils am 10. März 1601 von Berlin, am 22. Februar 1603 von Magdeburg, im Juni 1604 von Gera abgeschickt.[17]

1602      Anfertigung der Kupferplatten von Khunraths Porträt (durch Johan Diricks van Campen in Magdeburg), von den fünf neuen, unsignierten viereckigen Tafeln für die zweite Ausgabe des Amphitheatrum (5. Kristall & Siegel, 6 . Zitadelle der Alchemie, 7. Gymnasium Naturae, 8. Smaragdene Tafel, 9. Porta Amphitheatri Sapientiae) sowie von dem ovalen Kupfertitel, alle mit dem Datum „M. DC. II.“ versehen. Mit dem gleichen Datum „1602“ hat Khunrath auch den „Epilogus“ für die neue Ausgabe des Amphitheatrum versehen und diese auch gleich für den Katalog der Frankfurter Buchmesse angemeldet: „Henrici Conradi Lips. Medicinae doctoris Amphitheatrum sapientiae aeternae Christianocabalisticum, Divinomagicum, Physicochymicum, Magdeburgi in fol.“[18] Die Ausgabe kam aber damals nicht zustande.

1603      Magdeburg als vorläufiger Wohnort: Von hier aus schrieb Khunrath am 22. Februar an Graf Albrecht VII. von Schwarzburg, und „Magdeburgi pro tempore habitans“ heißt es am Schluss der zweiten, vermehrten Ausgabe des Warhafftiger Bericht von philosophischem Athanore, (Magdeburg?) 1603, S. 59-60, wo Khunrath nun die neue Ausgabe seines Hauptwerks mit den Worten ankündigte:

Wo von in Meinem Amphitheatro sapientiae aeternae, solius verae, Christiano-Kabalistico, Divino-Magico, nec non Physico-Chymico, (so Jch mit Gottes hülffe / in offenen Druck heraus zu geben / jtzo vnter Handen habe) geliebts Gott / in specie soll catalogisiret werden.

1604      Mit „M D C I V“ datiert Khunrath den Neusatz des überlangen, in Kupfer gestochenen Titels vom Erstdruck des Amphitheatrum von 1595, der nun als Einführung zur neuen Ausgabe zu dienen hatte (Amphitheatrum 1609, S. 3-8). Khunrath musste aber auch die gestochenen Texte auf dem äußeren Rand der ursprünglichen vier Rundfiguren in kurrente Form bringen (Amphitheatrum 1609, S. 185-214: „Isagoge in figuram I-IV“), denn für solch lange Sprüche gab es in den neugestochenen kleineren Rundfiguren nicht genügend Platz. Vielleicht war es bloß diese Inkompatibilität der Formate zwischen den Tafeln von 1595 und 1602, die dem Zustandekommen der neuen Amphitheatrum-Ausgabe noch zu Lebzeiten Khunraths im Wege stand.

1604      Abfassung des posthum veröffentlichten De igne Magorum Philosophorumque secreto et visibili: Das ist: Philosophische Erklärung von vnd vber dem geheymen […] Gludt vnd Flammenfewer (Straßburg, Zetzner, 1608), wo sich Khunrath zweimal zur Autorschaft des Heldenschatz oder – wie er ihn nennt – Consilium oder Rhatsames Bedencken / bey vnd vber Vulcanischer auch natürlich Magischer Fabrefactione Armorum Achillis bekennt:

Sein Vsvs oder Brauch ist / gleich wie deß vorigen [Feuers] in Martialischen Natürlich-Magischen sachen / als in meinem Consilio de Physico-Magica Vulcani fabrefactione armorum Achillis etc. Von mir auch annotirt worden […].

  • Es müste einer viel zuthun haben / der solche vnd andere dergleichen Narren alle klug machen sollte / will geschweigen / daß Jch D[octor] Heinricus Khunrath solches thun sollte oder könnte. Dabey bleibe es alhier. Jn meinem auch oben angezogenen Consilio oder Rhatsamen Bedencken / bey vnd vber Vulcanischer auch Natürlich-Magischer Fabrefactione Armorum Achillis, oder schmiedung der Rüstung und Waffen deß Griechischen Kriegshelden Achillis findet man hieuon etwas mehr.[19]

1604      Khunrath hält sich in Gera auf, wie der Brief vom Juni 1604 an Graf Albrecht von Schwarzburg belegt. Ob das von Struve, Tentzel, Moller und Adelung gerühmte „Manuscriptum Chymicum, variegatis egregie pictum coloribus“ oder „mit allerhand Farben gemahlte Chymische Manuskript Henrici Khunraths“ in der Kirchen-Bibliothek zu Gera noch irgendwo existiert, ist ungeklärt.[20] Ob es sich dabei um Khunraths Schrift Kunst den Weisenstein zu fertigen aus dem hohen Liede Salomonis augenscheinlich erwiesen von ca. 1600 gehandelt hat, deren Handschrift noch vor 1800 in der Universitätsbibliothek Jena vorhanden war?[21]

1604 (?) Bekanntschaft und freundschaftliche Beziehung zu Johann Angelius Werdenhagen, wie dieser dreißig Jahre später in dem Appendix zur Psychologia vera Jacob Böhmes schrieb:

Sic etiam apus Gallos Theophrasti et Trismegisti saniorem Philosophia, in perscrutatione naturae eximie cum aliquot aliis resucitavit Iosephus Quercetanus […] Simili modo hoc apud nostros fecit Osvvaldus Crollius, in vera Philosophia Medicus exercitatissimus, cui merito omnes alii medici palmam deferre coguntur, et inter Germanos faciunt cum Heinrico Cunrado Lipsensi, et D. Ioachimio Tanckio, et D. Georgio Horstio, olim optimis meis amicis, nec non Iohanne Hartmanno Archiatro Landgravii Hassiae.[22]

1604-1605 Abfassung des Consilivm Philosophicvm, das ist, Philosophisches Guthachten vnd Rathsames Bedencken von dem Kunstlichen Geheimen Genese Hermetis vnd Anderer Weisen, welches sie ihr Ovum philosophicum artificiale, das kunstliche philosophische Ey nennen, das Khunrath, wohl zusammen mit dem im gleichen Band gebundenen Trew-Hertziges vndt wohlgemeintes […] Consilivm Philosophicvm Practicvm (Halle ULB, Ms. 14 A 12 [1-2]) für dBurkhrdten Fürsten August von Anhalt schrieb, nachdem er diesem auch bereits ein Manuskript des 1603 entstandenen Traktats De igne Magorum Philosophorumque secreto anvertraut hatte (vgl. S. 14v: „das allergeheimbste Fewer der Natur vnd der Weisen, wo von in Meinem tractatu von geheimen fewer, so E[urem] F[ürstlichen] G[naden] Jch zugeschicket, auch vnterricht geschehen“). Ob August von Anhalt dann seine Kopie des posthum erschienenen De igne Magorum dem Herausgeber Benedictus Figulus für den Druck von 1608 in Straßburg zur Verfügung stellte, wissen wir nicht, da das Bündel seiner Korrespondenz mit Alchemikern aus dem Anhalter Archiv in Zerbst seit etwa 1925 als verschollen gemeldet wird.[23]

1605      9. September: Laut Henning Wittes zuverlässigem Diarium biographicum ist Khunrath an diesem Tag in Dresden gestorben. Andere behaupten, er sei in Leipzig gestorben.[24] Der Herausgeber des Amphitheatrum von 1609, Erasmus Wolfart, der in Wernigerode wohnte, schreibt allerdings in der Vorrede nur knapp, das er bei Khunraths Ableben anwesend war und dass ihm der Sterbende die schwierige Aufgabe übertragen habe, das zum Teil unfertige Werk doch noch herauszugeben:

Ipse quidem Auctor, immatura morte praeventu, [Amphitheatrum] aliqua ex parte, sed non magna, imperfectum post se reliquit. Onus illud meis humeris imparibus sanè, imposuit moriens, ut Opus posthumum cura mea in lucem ederetur… Der Autor selbst hat dasselbe [Amphitheatrum] zwar zum Theil, doch aber sehr wenig, unausgemacht hinter sich zurück gelassen, indem er durch einen zu frühzeitigen Tod, vor gänzlichem Schluß oder Vollendung desselben, hinweggenommen wurde. Als er starb, so legte er mir dies Werck auf meine, in Wahrheit ungleiche Schultern, gegen die seine zu rechnen, damit es nach seinem Tode, unter meiner Besorgung öffentlich herausgegeben würde.

III. Das Amphitheatrum

Der Text in der ersten Ausgabe von 1595 wird als Vorwort (πρόλογος) zum Amphitheatrum bezeichnet, welches eigentlich nur aus den vier Figuren besteht und mit einem von Khunrath signierten Nachwort (ἐπίλογος) abgeschlossen wird. Der „Prologus“ enthält 306 numerierte Verse aus den Proverbia und der Sapientia Salomonis, die Khunrath in zwei parallelen Versionen der lateinischen Bibel wiedergibt: der „vetus“ oder „vulgata“ und einer „nova tralatio“, die sich bei näherer Prüfung als diejenige des Santes Pagnini herausstellt und die auch in der im selben Verlag gleichzeitig erschienenen „Hamburger Polyglotte“ von Elias Hutter (Hamburg, Jacob Lucius d. J., 1596) als „versio nova“ vorkommt. Khunraths Kommentar steht in den ebenfalls numerierten „Annotationes“ zu jedem Vers in beiden Spalten links und rechts des doppelten biblischen Textes. In diesen „Annotationes“ will sich Khunrath, wie er eingangs sagt,

nicht nur mit den Wörtern beschäftigen, denn dies haben schon Andere getan, sondern vielmehr mit den Dingen selbst, was bisher Wenige geleistet haben; hierin wird mit Gottes Hilfe Klarheit angestrebt und zwar nach der allgemeinen und dreifaltigen Norm der theosophischen Wahrheit, welche in drei Büchern enthalten ist: in der heiligen Schrift, in dem Buch der Natur und in dem Zeugnis des eigenen Gewissens.[25]

In eben diesen „Annotationes“, die manchmal aus drei bis vier Zeilen, oft aber auch aus zweihundert und mehr bestehen,[26] legt Khunrath seine religiösen und philosophischen Ansichten dar, die im Übrigen gar nicht so unverständlich sind, wie ihm Andreae, Naudé, Niceron, Adelung und viele andere nachsagten. Sieht man nämlich von etlichen hochtrabenden Wortkombinationen ab sowie von der ständigen Wiederholung einiger Worte (allein das Wort „Sapientia“ kommt über dreihundert Mal vor), so erkennt man eine recht kohärente Sophiologie von Gott, der Natur und dem Menschen, die in höchster Konzentration die wichtigsten Elemente der hermetischen Renaissancephilosophie, der Christlichen Kabbala und der paracelsisch-weigelischen Weltanschauung in sich vereinigt.

Zu den von Khunrath bevorzugten Autoren gehört an erster Stelle Hermes Trismegistus, von dem er mehrere Stellen aus dem Pymander (Amphitheatrum 1595/1609: annot.35/205, 53/336, 230/294), aus den Septem tractatus (annot. 43/317, 150/181, 240/299, 277/261) und aus der Tabula Smaragdina (annot. 237/136, 277/251) zitiert; nach Hermes kommen ferner Athenaios, Morienus, Senior Zadik, Reuchlin, Paracelsus, Agrippa, Cardanus, Scaliger, Zwinger und „Vigelius“, das heißt, Valentin Weigel, der hier wohl zum ersten Mal außerhalb eines engen Freundeskreises öffentlich zitiert wird. Nicht erwähnt wird jedoch Pelagius Eremita, von dem Khunrath (direkt aus dem Peri anacriseon tõv hypnoticõn oder indirekt aus Trithemius, Agrippa, Paul Skalichius und Gerhard Dorn) den für ihn fundamentalen Satz „reiiciatur Binarius, et Ternarius, per Quaternarium, ad Monadis reducetur simplicitatem“ übernahm.[27] Auch nicht erwähnt wird John Dee, dem Khunrath 1589 in Bremen zwar einen Besuch abgestattet hatte, aus dessen Monas Hieroglyphica er aber erst für die zweite Ausgabe des Amphitheatrum schöpfte.[28] Ebenfalls unerwähnt bleibt schließlich das magische Buch Arbatel, dem Khunrath immerhin den zentralen Begriff des Amphitheatrum entnommen hatte, nämlich den der „Theosophia“ als höchste Wissenschaft und zugleich Inbegriff und Methode der wirklich wahren Wissenschaften. Diese „wahren Wissenschaften“ werden von Khunrath (annot. 230c/294) wie folgt definiert:

THEOSOPHIA heißt die dreieinige Theologie (in ternario) aus der Bibel, dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos; sie ist universell (catholica), denn sie ist die wunderbare Stimme Gottes, die in allen und durch alle über alles zu allen spricht.

PHYSICA besteht in der Erkenntnis und Erforschung sowohl der großen Welt als Ganzes wie auch der kleinen Welt. Die Erkenntnis erfolgt durch Tradition, Natur und Kunst und wird aus der Schrift, aus dem Stein der Weisen und aus uns selber gewonnen.

PHYSICOMEDICINA ist die Kunst, das große Buch der Natur so lesen zu lernen, dass Du Dich in der großen Welt und die große Welt in Dir selbst zu erkennen vermagst zu dem Zweck, die Gesundheit zu erhalten und die Krankheiten zu verjagen.

PHYSICOCHEMIA ist die Kunst, alle physikalischen Dinge auf natürliche Art zu lösen, zu reinigen und wieder zu vereinen, und dies sowohl im Makrokosmos wie auch im Menschen.

MAGEIA heißt die Weisheit der uralten Weisen vieler Völker und besteht in dem Kult der göttlichen Wesen (Divinorum cultu), im Umgang und Gespräch mit den Geistern (Spiritualium tractatione et cum iis conversatione) und in der Erforschung der natürlichen Kräfte (Naturalium investigatione). Sie bewirkt dasselbe wie das vollkommene Studium der Kabbala bei den Hebräern, nur dass letztere, durch eine gütigere Hand geführt, auf diesem Gebiet viel weiter fortgeschritten sind.

PHYSICOMAGEIA heißt so viel wie die [kosmogonische] Weisheit der Natur („opus tantum de Beresith“) und zeigt, wie man durch natürliche Kunst sowohl auf makrokosmische wie auch auf mikrokosmische Weise Wunder vollbringen kann.

HYPERPHYSICOMAGEIA besteht in dem frommen und nutzbringenden, mittel- oder unmittelbaren Verkehr mit den guten Engeln, denen Gott die Verwaltung der Welt anvertraut hat.

CABALA heißt die theosophisch erfolgte Rezeption der göttlichen Offenbarung, wodurch der Mensch sowohl Gott und dessen Messias erkennt wie auch die reinen Formen [formae separatae], die Natur der großen und kleinen Welt, und auch sich selbst begreift; denn diese Kabbala öffnet dem Menschen den wahren Sinn der heiligen Schrift und befähigt ihn zugleich, sich mit Gott und den oberen Intelligenzen zu vereinigen und sich an ihnen zu freuen.

Diese „wahren Wissenschaften“, schreibt Khunrath unter Verweis auf Hermes Trismegistus, seien allein an der „Universität Gottes“ zu lernen und zu erwerben, und zwar „durch theosophische mentale Praxis und dank göttlicher Eingebung in dem Oratorio und durch ständige eigenhändige Arbeit in dem Laboratorio“:

Sapientia acquiritur praxi tantum Theosophica mentale ex inspiratione divina in Oratorio utroque; Sapientiae fructus non infimi nasciscuntur negotiatione laborum manualium Sapienti, in Laboratorio. Hermes [Septem Tractatus]. cap. 1: ‚In tam longa aetate‘, inquit, ‚non destiti experiri, nec Animae a labore peperci, artem et hanc scientiam solius Dei inspiratione habui, qui mihi, famulo suo, pandere dignatus est‘ (annot. 43/317).

Im Gegensatz zu den Theosophen stehen, laut Khunrath, die „Theosophisten“ (wie sie schon Reuchlin und Agrippa genannt hatte), das heißt, die Professoren an den weltlichen Universitäten und Akademien, die sich wie Affen der „verpesteten“ Meinung und Autorität heidnischer Lehrer, allen voran des Schwindlers Aristoteles, unterwürfen („inter quos tenebrio ille Aristoteles princeps et antesignanus“); diese Professoren seien die wirklichen „Tyrannen“, die ihren Schülern mit Syllogismen, Disputationen und Sophismen den Kopf vollstopften und ihnen den Zugang zu den drei wahren Büchern (Gottes, der Natur und der eigenen Experienz) völlig versperrten (annot. 158/342, 165/65, 166/67); diese Leute herrschten zwar über alle Wissensbereiche („in quacumque via scibili“); doch von wenigen Ausnahmen abgesehen („reperiuntur autem orthodoxi aliqui“) verdienten sie keineswegs den Titel eines Theologus, Jurisexperten oder Arztes, sondern vielmehr den „eines Diabologus, Iureperversus, Cacomedicus und Sophisten“, denn unter der Maske der Wissenschaft vertauschten sie das Wahre mit dem Falschen („pro rectis falsa substituens, specie veritatis fucata“, (annot. 24/113).

In seinem Kampf gegen die Universitätsgelehrten fühlte sich Khunrath nicht allein. Es war ja derselbe Kampf, den schon früher viele ausgezeichnete „Liebhaber der Wahrheit“ (Reuchlin, Erasmus, Agrippa von Nettesheim, Paracelsus, Weigel) gegen diese „Dunkelmänner“ ausgefochten hatten und den andere auch in der Gegenwart noch fortsetzten:

Conqueruntur mecum viri anterioris nostraeque aetatis Doctissimi, inter quos Reuchlinus, Erasmus, H. C. Agrippa, Philippus Theoph[rastus] Paracelsus, Vigelius, aliique studio Sapientiae verae inclyti, fere innumeri, imo omnes, qui Veritatem ex animo sartam tectam volunt (annot. 166/66).

Aber leider, so Khunrath, haben sich nun die Sophisten überall an die Hebel der Macht gedrängt („rerum gerendarum isti gubernacula passim hodie tenent“), und wehe dem, der es wage, sich je von ihnen abzuwenden und sich ganz der Lehre der Weisheit zu widmen: Sofort werde er ein Narr, Ignorant, Abtrünniger oder gar Ketzer geheißen und als solcher mit so giftigem Haß verfolgt, dass er um sein Leben fürchten müsse (annot. 24/113). Fürwahr, zu Recht würden sie „die bößgelerten, die vorkerten“ genannt (annot. 158/342).[29]

Khunraths radikale Haltung gegenüber den etablierten Akademikern, aber auch sein orakelhafter und theatralischer Stil müssen ihm von verschiedenen Seiten viel Kritik und Spott eingebracht haben, denn in der zweiten Ausgabe des Amphitheatrum verschärft er seine Tiraden gegen die „Sapientia mundana“ (annot. 117), greift erneut auf das Sprichwort „die Gelehrten, die Verkehrten“ zurück (annot. 199, 342) und lässt vor allem eine zusätzliche Doppeltafel in Kupfer stechen (Figura V), auf der er die „Calumnianten“ des Amphitheatrum mit satirischen Sprüchen und Bildern („in scriptura et pictura“) karikiert. So heißt die Legende am linken, oberen und rechten Bildrand:

Hat mich dan der Teufel / der Feind aller Warheit, mit hofartigen / trotzigen, gifftgällischen Hohnsprechern, auch andern, so wol Ungut-geistlichen als Weltlichen Lügenmeulern und Schmehern, muthwilligen Calumnianten, und verleumbderischen Teufelshummeln, verachterischen Schmeißfliegen, Gottes und ehrvergessenen Teufelsköppen, ehrendiebischen schandlugenerischen Poeten, ardelionischen hoher und particular Schul-füchsen und Pennalsherrn, argchymischen wilden Jecken, Lappen Hudlern und Südlern; hasenköppischen pengelischen Witzdölpeln, unverschembten Speckschiessern, überklugen Thörinnen, und sonsten allerley leichtfertigen Spottvögeln und losen Speyfincken befeselt. Phy bestiis!

Auf dem Bild werden diese „Calumnianten“ rund um die Grotte der Natur als Zuschauer oder Demonstranten dargestellt, die von zwei fliegenden Teufeln (dem Beelzebub und dem „Praeceptor diabologorum“ oder Meister der Pseudo-Theologen) die Losungen erhalten, die sie dann gegen die dort eintretenden Theosophen schleudern sollen: „Blasphemat. Sit anathema maranatha“ und „anihilemus“ (Gotteslästerung, Verfluchung, Ketzerei, Vernichten). Der Reihe nach erkennt man unter den „Calumnianten“ auf der rechten Seite einen betrügerischen Goldkocher, einen lutherischen Theologen als „antichristlichen Pfaffen“, der von einem Scharfrichter mit Eselskopf begleitet wird und einen Witzbold mit Hasenohren neben einer „überklugen“ Dame mit Fuchsgesicht. Auf der linken Seite steht ein Professor (wohl der Philosophie) mit Schmeißfliegen um den Kopf, ein bebrillter Doktor der Medizin mit einer Feder in der rechten und einem Buch in der linken Hand, ein Poet mit einem Giftrohr, der ehrenrührige Verse schießt, und ein Jurist mit Hundsgesicht. Ein Narr lärmt mit der Schnarre, während ein Student in die Trompete bläst, die ihm ein Teufel in den Mund drückt. Der Lärm ist so gewaltig und die Luft so vergiftet, dass die Vögel tot zu Boden fallen.[30]

Dies alles lässt aber die zwei Theosophen, die vor der Grotte der Natur stehen, unberührt, denn die Vögel neben ihnen leben weiter und setzen ihren Gesang fort. Der erste der beiden Theosophen (nach der Bekleidung zu urteilen, handelt es sich um Khunrath selbst) steht mit dem linken Fuß auf dem Kopf einer Schlange und ermahnt zugleich die „Turba“ der „Calumnianten“ mit erhobenem Finger. Der zweite Theosoph schickt sich an, in die Grotte („Antrum Naturae“) einzutreten, indem er seinen Blick auf den „Stern der Wahrheit“ richtet, der ihm den Weg zeigt (oben in der Mitte steht das sogenannte Pentakel Khunraths, das heißt, ein fünfeckiger Stern mit den hebräischen Buchstaben von Reuchlins Pentagramm IH-S-VH und der Inschrift „durans veritatis astrum refulget et monstrat iter“). Der Weg beginnt mit der Aufzählung der angeborenen Gaben, das heißt, der notitiae communes, die Gott bei der Geburt eines jeden Menschen in dessen Herz geschrieben habe und die als Gewissheitskriterien für alle gelten müssten beim Erlernen der Künste und Wissenschaften; diese sind: das Zeugnis des Gewissens, die natürliche Urteilskraft und der gesunde Menschenverstand („Conscientiae testimonium, Iudicium naturale sincerum, Ratio sana [sunt] in philosophia et omnibus artibus kriteria doctrinarum et certitudines normae“). Der Weg wird weiter durch zwei Steine markiert, welche die Richtung bestimmen. Auf dem linken Stein steht die Inschrift Bibliorum Dei codex infallibilis, auf dem rechten Liber Numinis et Luminis Naturae macrocosmicus veridicus. Darüber befinden sich zwei weitere Steine mit den Überschriften Experientia und Revelatio arcana, welche die zwei Möglichkeiten aufzeigen, in die Geheimnisse einzudringen: durch ‚Erfahrung’ in der Alchemie nach der Lehre der wahren Adepten („filii doctrinae“) oder durch ‚Offenbarung’ von Gott oder seinen Engeln.

Über all diesen Steinen leuchten ferner zehn große Flammen, die Beelzebub mit Spucke, der oberste Pseudo-Theologe mit Weihwasser und der unverschämte Poet mit Giftstrahlen vergeblich zu löschen versuchen. Denn in den Flammen werden die weiteren Wahrheitskriterien genannt, die dem Theosophen dazu verhelfen, mit sicherem Fuß seinen Weg bis zum Ende zu gehen. Diese Hilfsmittel heißen: Traditio (in den Fußstapfen eines erleuchteten Lehrers zu gehen), Cheirotechnia (Experimentieren mit den eigenen Händen), Consensus (Übereinstimmung der Lehre mit der Natur), Nomina-semeia (Kenntnis der Bedeutung der Worte in den Hauptsprachen), Ignis (das Feuer, wodurch alles spagyrisch geprüft wird), Harmonia (Einklang Christi mit dem alchemischen „Lapis philosophorum“), Distinctio acuta (scharfe Abgrenzung zwischen Brauch und Missbrauch), Signatura rerum (Erkennen der natürlichen Charaktere aller Dinge), Ordo naturalis (die Reihenfolge der Naturprozesse im Makrokosmus bleibt unveränderlich), Hieroglyphicorum mysteria (oder Geheimschrift, wo viele Mysterien der Weisen verborgen sind). Die Öffnung des „Antrum Naturae“ schließlich wird durch den „Löwen der Weisheit“ und den Ouroboros („Draco sapientiae“) bewacht, von denen jeder einen Schild vor sich trägt. Der Löwe weist auf eine elementare Dreiheit der universellen Urmaterie hin; der Drache hingegen stellt die hermetische Lehre der Weltseele dar („Spiritus Mundi sapientissimi et secretissimi“), durch welche alle Dinge beseelt, belebt, geboren, regeneriert und erhalten werden.

Auf die Erklärung der übrigen Kupferstiche des Amphitheatrum (vier in der ersten und weitere fünf neue in der zweiten Ausgabe) wird an dieser Stelle nicht eingegangen. Vergleiche dazu den Teil I des vorliegenden Bandes.[31]

Die Ausgaben des Amphitheatrum von 1595 und 1609 unterscheiden sich aber nicht nur in der Anzahl der Figuren; auch der Text wurde ergänzt und umgestaltet. Aus den 306 kommentierten Versen der biblischen Weisheitsbücher sind in der Ausgabe von 1609 nun 365 geworden, die in einer anderen Reihenfolge dargeboten und in sieben Kapitel oder Gradus (Stufen) eingeteilt werden. Bestand die erste Ausgabe des Amphitheatrum allein aus den vier Figuren und dem „Prologus“ (die Teile 1-4, auf die Khunrath in den ‚Annotationes‘ 143/216 gelegentlich hinweist, wurden nie geschrieben), so enthält die zweite Edition folgende Teile: eine Einführung mit Aufzählung und Beschreibung der „Sieben Stufen auf der Leiter zur Weisheit“ (S. 19-22); den „Prologus“, der nun bloß aus den 365 Bibelversen in der „vetus“ (Vulgata) und „nova“ (Santes Pagnini) Version besteht (S. 23-60); mit neuer Paginierung folgen die „Interpraetationes et Annotationes“ zu den einzelnen Bibelversen, die noch einmal in beiden Versionen abgedruckt werden (S. 1-186). Am Schluss stehen die „Isagoges“ oder Einführungen in die Figuren I-IV des Amphitheatrum: Diese aber bestehen weitgehend aus den Texten, die in den vier runden Figuren der ersten Ausgabe als umrahmender Text mitgestochen wurden und die nun, aufgrund des kleineren Formats des Buches, separat gesetzt und gedruckt worden sind (S. 187-215). Das Buch endet mit dem „Epilogus“ von 1595; die einzigen Veränderungen bestehen in der Verschiebung des Absatzes über den „Idiotae“ und „Prophani“ und in der neuen Datierung „1602“ (S. 215-222).

Eine weitere Änderung betrifft das ebenfalls 1602 gestochene Titelblatt der Klein-Folioausgabe von Hanau 1609. Da der überlange Titeltext der Ausgabe von 1595 an der für den Titel reservierten Stelle nicht genügend Platz findet, gliedert Khunrath den alten Titeltext in mehrere Abschnitte und bildet daraus seine neue Vorrede zum Amphitheatrum (S. 3-8), die er nun auf das Jahr „1604“ datiert. Da aber Khunrath noch vor Beendigung der Neufassung seines Werks (dessen Erscheinen er voreilig für die Frühlings-Buchmesse von 1602 angekündigt hatte) bereits am 9. September 1605 stirbt, besorgt sein Freund Erasmus Wolfart die neue Ausgabe, für die er eine vom 15. März 1609 datierte Vorrede an den Leser schreibt (S. 9-10).[32] Die fünf darauffolgenden Gedichte einiger Freunde zum Lobe des Amphitheatrum (S. 11-17) hat Khunrath jedoch noch zu Lebzeiten erhalten. Das letzte der Gedichte, Oratio theosophica ad Fontem Sapientiae eines „Christianus Cordatus“, stammt von keinem Geringeren als Johann Arndt, denn es handelt sich um das gleiche Gedicht, das Arndt für seine (ungedruckt gebliebene) Schrift De antiqua philosophia: Et divina veterum Magorum Sapientia recuperanda, deque Vanitate scientiarum et artium huius seculi Oratio verfasst hatte.

  1. Die frühen Leser des Amphitheatrum

Wann sich Johann Arndt und Heinrich Khunrath kennenlernten, wissen wir nicht. Aber in seiner Schrift gegen die Abschaffung der Bilder durch die Calvinisten in Anhalt nannte Arndt den Verfasser des „herrlichen und wunderbarlichen Amphitheatri sapientiae divinae“ einen „fürtrefflichen Philosophus und Naturkündiger“, der es verstanden habe, Gottes Buchstaben in der Natur auszulegen.[33] Und in dem (echten, aber nur in deutscher Übersetzung erhaltenen) Brief an Erasmus Wolfart vom 25. Dezember 1599 verteidigte er nicht nur Paracelsus und Weigel, indem er auf Khunraths Symbolum Physico-chymicum (Hamburg, 1598, S. 19) hinwies, sondern schrieb noch dazu:

aus Dr. Khunraths Buche / genant Schau platz der Ewigen Weißheit / habe ich gelernet Gott und die rechte Weißheit auß der Schrifft der großen und kleinen Welt zu erkennen.[34]

Aus dem gleichen Brief an Wolfart geht übrigens auch hervor, dass Arndt und Khunrath schon seit geraumer Zeit Briefe ausgetauscht hatten.[35]

Wann und für wen aber Arndt sein Iudicium uber die 4 Figuren des großen Amphitheatri, das am Schluss von Khunraths De igne Magorum Philosophorumque secreto (Straßburg 1608) durch Benedictus Figulus herausgegeben wurde, tatsächlich verfasste, ist nicht bekannt. Von den fünf handschriftlichen Kopien des Iudicium, die mir zugänglich sind,[36] trägt nur die Kopie in Kassel eine ungefähre Zeitangabe: „Reddi Mansfelt. den 31. Januarii anno 1601 (oder 1607?). Kelbra“. Vielleicht sollte man doch „1607“ lesen, denn falls der Adressat der Gönner und Beschützer Arndts, Graf Ernst von Mansfeldt war, so war dieser 1601 kaum 16 Jahre alt.

Zum Inhalt von Arndts enthusiastischem Iudicium sowie zu seiner Auslegung der vier Figuren durch vier Stichworte (Alchymia oder „Secret der gantzen Natur“, Magia oder Licht der Natur, Kabbala oder engelisches Licht und Theologie oder Licht Gottes) seien hier nur die Ausführungen wiedergegeben, die vor beinahe zwanzig Jahren für einen Ausstellungskatalog der Bibliotheca Philosophica Hermetica geschrieben worden sind.[37]

Arndt hat sein Iudicium über Khunraths Figuren auf Verlangen eines Freundes geschrieben und in zwei Teile eingeteilt: Der erste handelt vom Text des Amphitheatrum und den dort abgedruckten Stellen aus dem Buch der Weisheit.

Darauß wil man beweisen / das Salomon in diesen seinen Büchern den grundt vnd Fundament gelegt hab / der Natürlichen Magiae, vbernatürlichen Cabalae, vnnd Göttlichen Theologiae […] in welchen die Semina vnnd Vhrsprung obgemeldter herrlichen Kunst spargirt vnnd begriffen sein.

Diese Kunst wird von Salomo folgendermaßen definiert:

Die Weißheit / spricht er / ist ein Liecht, vnnd der glantz, so von ihr gehet / verlischt nicht […].

Arndt ergänzt:

Dieses neben viel andern Sprüche leget nun der Author auff dreyerley weiß auß / vnnd theilets alles dreyfach / In Gott / den Menschen / vnd die Natur / vnd beschleust es zuletzt alles in der Unitet, in der Ewigkeit Gottes.

Im Folgenden erklärt Arndt diese drei Lichter in der Terminologie des Paracelsus: 1. „Liecht der Natur“, auch „Magia“ genannt, „ist ein erkandtnuß deß irdischen natürlichen Himmels / nach welchem der irdische Viehische / Thierische Mensch regirt wird“. 2. „Cabala oder Engelisches Liecht“ ist ein „Erkandtnuß des vbernatürlichen Himmels / nach welchem die Gottseligen regieret werden / welche einen andern Himmel haben / der sie regieret / nemlich den heiligen Geist“ […]. „Wo nun Magia auffhöret / da fehet Cabala an / vnd wo Cabala auffhöret / da fehet Theologia an / vnnd der Prophetische Geist“ […] 3. „Theologia ist das Liecht Gottes, der heilige Geist“. „Diese herrliche Sachen“, so schließt Arndt den ersten Teil seines Iudicium, „vnnd drey Liechter / die doch eines sind / vnd in den Göttlichen drei Eynigkeiten beschlossen sindt / tractieret nun das Amphitheatrum in dem Ersten theyl“ […] „Was nun der Author deß Amphitheatri mit worten gelehret / das wil er nun weitters auch augenscheinlich zeigen in den vier Figuren“.

Arndt kommt nun zur eigentlichen Erklärung der vier schönen Bilder, die er als anschauliche Darstellung der folgenden vier Erkenntnisbereiche interpretiert: 1. „Cabala“, 2. „Magia“, 3. „Chymia“, 4. „Theologia“.

In der ersten Figur / begreiffet er [Khunrath] alle drey Liechter / Natürlich / Vbernatürlich / Göttlich. Oder: Natürlich / Englisch / Göttlich: Daß ist / Magia, Cabala vnd Theologia, vnd beschleust alle drey in die erste einige Figur, umb der heiligen Trinitet willen / Vnd sind die Hebreische Namen / die im Circkel stehen: Erstlich Gottes namen / oder Göttliche krafft: Dann Gottes namen sind Göttliche krefften / Derer namen Gottes sind 72. Wie sie aber zu gebrauchen / weiß niemandt dann ein Cabalist / vnd gehet die Cabala vornemblich vmb mit den Göttlichen Namen. Auß diesen Namen Gottes fliessen nun die Namen der Engel / die auch in der ersten Figur im Circkel stehen / vnnd seyndt nichts dann Englische kreffte. An diesen Englischen krefften hangen nun die natürlichen krefft des Firmaments / die Virtutes Coelorum, davon der Herr sagt: Deß Himmels kreffte werden sich bewegen.

Auf die zweite Figur, welche die „Magia“ darstellt, geht Arndt nicht im Einzelnen ein; er erklärt sogleich die dritte, die „Chymia“:

Es hat aber Alchymia drey Operationes. In der ersten Operation wird gemacht Mercurius Philosophorum. Auß demselbigen wirdt in der andern Operation Luna Philosophorum. Auß derselbigen wirdt in der dritten Operation Sol Philosophorum.

Arndt übersetzt aber diese drei Operationes sogleich in die ihm vertraute Sprache des Paracelsus: „Auff Philosophisch“ heißen sie Wasser, Salz und Sulphur; „auff Elementisch“ Wasser, Luft und Feuer; „auff Microcosmisch“ Geist, Leib und Seele. „Der Geist erstlich, darauß ein Leib worden; vnd dann zum dritten ist die Seel die Perfectio vnd clarificiertes Wesen“.

Und Arndt beschließt seine Auslegung der Alchimia mit den Worten „aber der tausende wirdts nicht darinnen schmecken“, die sowohl bei Khunrath auf dem Titelblatt der Ausgabe von 1595 („e millibus vix uni“) wie auch in der Chymische[n] Hochzeit (1616, S. 17: „Sed quod vix millesimo hactenus obtigit“) gebraucht wurden. „In der 4. Figur“, schreibt Arndt zum Schluss,

lehret das Amphitheatrum Theologiam in Oratorio und ist Theologia nichts anders, dann Alloquium Divinum, ein Gespräch mit Gott durchs Gebet und durch den heiligen Geist.

Das „alloquium divinum“ ist ein grundlegender Begriff in Arndts Theosophie, wie eine Stelle aus seiner Schrift De Antiqua Philosophia: Et divina veterum Magorum Sapientia recuperanda, deque Vanitate scientiarum et artium huius seculi Oratio von etwa 1580 zeigt, die im lateinischen Original nur fragmentarisch, in deutscher Übersetzung aber doppelt überliefert ist:[38]

Esse itaque alium fontem verae sapientiae et verarum artium hactenus demonstravi. Nunc quid ille sit, ostendam porro. Est autem fons ille divina illa et naturalis veterum sapientiae, et antiqua Philosophia, quam alloquium divinum definio. Huc revoco omnes Theologos, Medicos, Iureconsultos, philosophos; per hoc ostium ingressi sunt Prophetae et Apostoli. Hac ratione divinitus erudiuntur, creantur, inaugurantur, confirmantur sinceri Doctores mystici, salutares Medici, iustitiae sacerdotes incorrupti et praeclari Theophilosophi.[39]

In den zwei deutschen Versionen lautet die Stelle:

Dahero dann ich biß dato gnugsam erwiesen, daß ein ander Brunn der waren Weißheit, vnd waren Künste vorhanden sey. Jtzt will ich ferner zeigen, wer derselbige sey: Es ist aber derselbe brunn, die Göttliche vnd Natürliche Weißheit der Alten, vnd die Vhralte Philosophia, die ich heiße: Alloquium divinum: Göttliche Anredung. Hiehero beruffe ich nun alle Theologen, Medicos, Rechtsgelehrte, vnd Philosophen; durch diese Thür seind eingangen die Propheten vnd Apostel; auff diese weise werden Göttlich unterricht, erwehlet, eingesetzt, vnd bestetiget alle geheimbe rechtschaffene Doctores, heilsame Medici, Vnverfälschte Priester der Gerechtigkeit vnd Vnverderbte vortreffliche Theophilosophi (Cod. guelf. 912 Novi 4°, S. 7v-8r). Biß anhero habe Jch angezeigt vnd bewiesen, das ein anderer grvndt vnd quell der Weißheit seÿ. Nun aber will Jch am tage geben vnd erclären was Es seÿ [Am Rande: Quid vera Philosophia]. Es ist aber derselbe Brunn die Himlische vnnd Natürliche der altten Vnserer Vorfahren Weißheit, vnd die rechte Vhralte Philosophia, welche Jch sage, das sie einen Zuspruch zu Gott, oder ein Göttlich gespräche seye. Hieher ziehe Jch alle Theologos, alle Iurisconsultos, alle Philosophos, durch diese Thür sindt alle Propheten vnd Apostell gegangen, durch diese Weise werden alle reine vnd warhafftige Christliche Lehrer, alle rechtschaffene Medici, alle unverfelschte Priester der Gerechtigkeit, vnd alle vortreffliche Philosophi gelehret, gebohren vnd volkommentlich geschaffen. [Am Rande: Vnde veri Theologi, Iurisconsulti, Philosophi, Prophetae, Apostoli, Medici. Vnde verae Artes] (Cod. germ. mon. 4416/11, S. 9r-v).

Ein weiterer Bewunderer von Khunrath war Oswald Croll, der in seiner programmatischen Vorrede (Praefatio admonitoria) zur Basilica Chymica von 1609 die Philosophie und Theologie des Paracelsus „aus dem Buch der Gnade und der Natur“ („e Libro Gratiae et Naturae“) systematisch einordnete[40] und darüber hinaus einige „fromme vnd gelährte Männer“ wie den Chiliasten Paul Lautensack aus Nürnberg, den Theosophen Valentin Weigel und den Arzt Petrus Wintzius aus Breslau sehr hoch rühmte als die namhaftesten Nachfolger des Paracelsus auf dem doppelten Weg der Erkenntnis im Licht der Gnade und im Licht der Natur:

Nota enim sunt duo Lumina, intra quae Omnia, extra quae Nihil, et nulla perfecta rerum cognitio. Lumen Gratiae verum Theologum gignit, non tamen sine Philosophia. Lumen Naturae (quae est Gazophylacium Sapientiae Dei sacris litteris confirmatum) verum Philosophum efficit, non tamen sine Theologia, quae Fundamentum est verae Sapientiae. Dann es sind die zwey Liechter bekannt / in welchen alles vnd ausser welchen nichts ist / wie gleichfalls auch keine vollkommene Erkanntnuß der Ding. Das Liecht der Gnaden gebähret einen rechten Theologum, jedoch nicht ohne die Philosophi[e]. Das Liecht der Natur (welches ein Schatzkammer ist der Weißheit Gottes durch die Heilige Schrifft bestätigt) macht einen rechten vnd wahren Philosophum, jedoch nicht ohne die Theologi[e], welche das Fundament der rechten Weißheit ist.[41]

Dass aber auch Khunrath in dieser „Praefatio“ von Croll lobend erwähnt wurde (1609, S. 33, am Rande: „Vide Amphitheatrum Khunradi cedro dignissimum“; 1629, S. 32, am Rande: „Besihe das (der Unsterblichkeit würdigste) Amphitheatrum Khunradi“), scheint allen Khunrath-Forschern entgangen zu sein, ebenso wie die Tatsache, dass Croll von Khunrath abgeschrieben hat, wie der folgende Vergleich beweist:

Ac ut Deus est unus in Essentia, Trinus in Personis, sic Homo unus in Persona, Trinus in Essentia distincta, scilicet terreno Corpore, Spiritu aethereo Schamaim, ac viva vivificante Anima à Deo inspirata, et Dei domicilio Triunus compositus est […].

Croll, Basilica Chymica, 1609, S. 33.

Qvapropter, o Jehova, Ens spirituale, Trivnvm […] ego Henricvs Khvnrath […] (in Adam protoplasto, sicuti homines omnes) ad Imaginem; Unus vero in persona, Trinus in Essentiis, ex Corpore nimirum terreno, Spiritu Coelesti (Schamaim) et Anima Divinitus inspirata, ad similitudinem tuam, Homo formatus […].
Khunrath, Amphitheatrum, 1595, S. [25] Epilogos.

Nicht entgangen war diese Stelle hingegen dem schärfsten Gegner von Croll, Andreas Libavius, der sich bereits in der Widmungsvorrede seiner Commentariorvm Alchymiae pars prima von 1606 an Jacques Bongars indirekt über Khunraths Terminologie mokiert hatte („curare vero mysticè, magicè, chymicè, cabalisticè etc. disserendo Theosophicè, macrocosmicè, Ensophicè, Diabolicè inquam et stultè“)[42] und der nun, zehn Jahre später, in seiner Schrift De Magia Paracelsi ex Crollio sowohl Khunraths Amphitheatrum wie auch Crolls Lob desselben wiederholt an den Pranger stellte:

Habetis totam Paracelsiam, et Amphitheatrum Thrasybuli diuinomagicum quod Crollius cedro dignum iudicauit, nos ignibus addicimus haereticis […].[43]

(Hier habt Ihr die ganze Paracelsia und das göttlich-magische Amphitheatrum des Thrasybulus [d. i. Khunrath], das Croll als der Unsterblichkeit würdig bezeichnet, das wir aber den Ketzerflammen übergeben möchten).

Während Croll in seiner Vorrede zur Basilica Chymica die Gedanken des Paracelsus über die Freiheit der philosophischen und wissenschaftlichen Forschung und über die unabsehbaren Möglichkeiten des forschenden Menschen auf eine wahrhaft modern klingende Formel reduziert hatte, bezichtigte Libavius solchen Fortschrittsglauben und solche Reformversuche des Paracelsismus, des Hermetismus, des Skeptizismus und der schwärzesten Magie.[44] Wie überhaupt für die Konservativen seiner Zeit waren auch für Libavius alle Künste und Wissenschaften zu ihrer höchsten Vollkommenheit gelangt; wenn es etwas Neues zu vollbringen gab, so wäre dies allenfalls, die Teile der Wissenschaft, „welche die Alten noch kannten und ihre Nachfahren verloren, wieder ans Licht hervorzubringen“. Die einzig wahre „divina humanaque sapientia“ erschöpfte sich für Libavius ganz offensichtlich in seinem eigenen erzreaktionären religiösen und wissenschaftlichen Standpunkt, den er wie ein fünftes Evangelium in alle Richtungen verkündete und zu dessen Verteidigung er sich berechtigt fühlte, jede abweichende Meinung mit Hass und Spott zu überschütten:

Ordo Dei est Philosophia quae docetur in Gymnasiis, Scholis et Academiis, ut et Theologia syncera declarata Augustana Confessione: Dei donum est medicina dogmatica et aliae artes scientiaeque.[45]

Und die an allen europäischen Schulen allein herrschende Philosophie war bekanntlich die aristotelische, eine Philosophie nämlich, die (nach Meinung des Libavius) durch den heiligen Geist erleuchtet war:

Si Christianè philosophandum est iuxta fundamentum fidei et autorem Christum, non magicè, non cabalisticè, chymicè, astrologicè, chiromanticè, etc. et omnino neque Paracelsicè, neque Crollicè, Hartmannicè, Scheunemannicè, etc. quia in libris de Christo, Propheticis et Apostolicis, nihil istarum rerum inuenitur, imo pleraque Paracelsica principiis Scripturarum euerti possunt, cum contra Peripatetica disciplina, exceptis his quae ad fidem pertinent, omnibus Philosophis extra Ecclesiam ignotam, minimum pugnet cum scripturis, ita vt si philosophandum sit cum Christo, peripateticè sit philosophandum, Philosophia nimirum luce Spiritus Sancti in sacris fulgente illuminata.[46]

(Wenn christlich zu philosophieren ist, darf man nicht die Magie, Kabbala, Chemie, Astrologie und Chiromantik hinzuziehen und es auf keinen Fall nach der Art des Paracelsus, Croll, Hartmann und Scheunemann tun, da in den Büchern der Propheten und Apostel nichts von diesen Dingen zu finden ist; mehr noch, viele der paracelsischen Behauptungen können die Grundsätze der heiligen Schrift zerrütten, während die Philosophie des Aristoteles, mit Ausnahme der spezifischen Glaubensinhalte, in keiner Weise der Schrift zuwiderläuft, so dass wir, wenn wir mit Christus philosophieren wollen, dies nach der aristotelischen Philosophie tun müssen: einer Philosophie, die freilich durch das Licht des heiligen Geistes erleuchtet wurde).

Kein Wunder also, dass Libavius auch jedesmal über den Antiaristoteliker Thrasybulus,[47] wie er Khunrath zu bezeichnen pflegte, mit seiner gefürchteten bösen Feder herfiel, wenn er in seiner Auseinandersetzung mit der „Praefatio admonitoria“ von Croll auf die Spuren des Amphitheatrum traf:

Henricus Kunrath edidit amphitheatrum quod uocauit Christiano-Kabalisticum, diuino-magicum, in cuius primae paginae apice nomen Dei essentiale Iehouah in triangulare schema sic cooptatum est, ut Serenus et alii magi scribi volunt Abracadabra figura mensae pythagoricae, aut pyramidis inuersae, vnde consensum agnoscas magorum à Simone illo in actis [apostolorum], Menendro, Basilide, imò à Zoroastre, Osthane, Ianne et Iambre, Hermeteque Aegyptiis et vlterius ex Babylonis primordio, deductorum. Quando ergo Crollius in sua Gabalistica coniungit unitque Deum precibus tacitis solicitatum phantasiae, et fidei naturali, ut putat horum coniunctorum vi omnia à mago posse produci, idem sentit cum diuinomagico Kunradii (Libavius, Examen Philosophiae novae, S. 62).

Unde et Hermetis doctrinam tam Crollius quam Kunrathus commendat […] Ut plenius intelligatur, quid sibi velit illa vnio magica, repetantur verba Trismegisti ex Pimandro, quae Kunrathus in suo Amphitheatro Hermetis tabulae Chymicae subscripsit [vgl. Amphitheatrum, Hanau 1609, Tafel VIII: Tabula Smaragdina]: ‚Cum de rerum natura cogitarem (inquit Hermes) ac mentis aciem ad superna erigerem, sopitis iam corporis sensibus, quemadmodum accidere solet iis, qui ob saturitatem, vel defatigationem somno grauitati sunt,‘ (rectius qui ecstasin, et raptus patiuntur tales, quales sagae cum post vnctionem exportari se credunt, concidunt autem tantum, tanquam mortuae, nisi quod subsultent q[uod] equitarent aut volarent) ‚subito mihi visus sum cernere quendam immensa magnitudine corporis, qui me nomine vocans in hunc modum clamaret: Quid est, ô Mercuri, quod et audire, et intueri desideras? Quid est, quod discere aut intelligere cupis? Tum ego, quisnam es, inquam? Sum, inquit ille, Pimander, mens diuinae potentiae, ac tu vide quid velis. Ipse vero tibi vbique adero. Cupio, inquam, rerum naturam discere, Deumque cognoscere. Ad haec ille: Tua me mente complectere, et ego te in cunctis, quae optaris, erudiam. Cum haec dixisset, mutauit formam, et vniuersa subito reuelauit‘ [vgl. Corpus Hermeticum, I 1-3]. Hactenus ex Hermete Kunrath subiicit: Sic et cuiuis doctrinae filio fideli: Amen. Nos qui Christiani sumus, non sic: sed cum Iohanne: Probate spiritus num ex Deo sint: Simulat enim Sathanas angelum lucis. […] Cum ergo Crollius, Kunrath, Hartmann, et alii Paracelsici velint esse Christiani, quid obstat vt non audiant Christum, et discipulos, sed Hermetem gentilem magum in causa supercoelesti de vnione cum Deo ad mirifica perpetranda? (Ebd., S. 66-67).

Sed examinemus Spiritum illum Pimandricum à Crollio et Kunratho in scenam reductum […] vt intelligere est ex tot impietatibus et stulticiis Pimandri et Asclepii. Atque hactenus ex Pimandro. Qui Amphitheatrum Kunrathi habet, is in sexta imagine [vgl. Hanau 1609, Tafel II] videre potest globum in medio, triangulo, et quadrato constantem, ambitu tres spheras exhibentes in quarum media est scala vnionis, quae complectitur fidem, meditationem, cognitionem, amorem, spem, orationem, coniunctionem, frequentiam, familiaritatem, similitudinem: quae ille proculdubio putauit spectanda esse etiam in vnione illa Gabalistica cum Deo. Si explicatio responderet diuinis scripturis, nonnihil dictum esse. In sphaeram primam gradus cognitionis retulit, qui sunt obiectum, medium, sensus exteriores, sensus interior, communis, phantasia, iudicium inferius et superius, Ratio, intellectus, mens. Si isto modo putauit ascendi posse vsque ad Archetypon Iehouam, non cum scriptura Euangelica putauit, quae ostium verum, veramque scalam Christum, et spiritum ducem per doctrinam fidei monstrat […] In praecedente figura, cui Decalogum Hebraice inscripsit cum Dei nominibus [vgl. Hanau 1609, Tafel I] et aliis per Ensoph ad triangulum magicum Iehouah ascendit. Magi etiam 50 portas habent intelligentiarum ex quinque praedicabilibus et 10 praedicamentis inter se multiplicatis […] [Am Rande: „Fundamentum diabolicae magiae die Gabelfahrt / hoc est gabalistica“]. Hoc est Pimandri praeceptum, quo mandat Hermeti, vt sua se mente complectatur accipiatque omnium, quae velit, informationem. Mens eleuanda est per portas intelligentiarum quinquaginta in scala Magica in Ensoph, indeque deferenda vicissim virtus, vt aliis Magis placet (Ebd., S. 67-69).

Mira est vero inscriptio Ihsvh. Hanc quidem transtulit Crollius ex Amphitheatro magico Kunrathi: sed qui legenda vox est? Latine, an Graece? si latine, jhsuh legetur: si graece ιησουη. Eo vero nomine Christus Iesus, Dominus et Saluator noster nunquam est appellatus, fitque magica deprauatio in contumeliam, et ignominiam eius […] Vt ergo Magi isti Crollius, et Kunrathus aliquid simile in voce Iesus effingerent, quod paris virtutis opinionem sustinere posset, aspirationem latinam ex Ebraeo translatam adiecerunt, non meliores hac in parte impiis Iudaeis vnde cognoscas spiritum Paracelsicum […] Sed inde non efficitur abusus magicus ad ea producenda quae magi solent. Vt enim supra diximus, diaboli non poterant vi nominis eius expelli, neque Crollius, Kunrathus et alii magi sibi vitam vsv eiusdem longam, aut alia ex voto magico comparare valuerunt (Ebd., S. 73-74; die Kursivierung stammt von Libavius).

Auch in seiner Abrechnung mit der Bruderschaft vom Rosenkreutz, Exercitatio paracelsica nova de notandis ex scripto Fraternitatis de Rosea Cruce, verwies Libavius neben vielen anderen Quellen auf Khunraths Buch (S. 264: „Thrasybulus Theatrum“), ohne jedoch zu bemerken, dass ausgerechnet das Amphitheatrum, wie wir gleich sehen werden, sowohl in der Fama wie auch in der Confessio Fraternitatis äußerst scharf kritisiert worden war. Die Erklärung für dieses Versehen liegt darin, dass Libavius die Confessio nur in der Ausgabe von Frankfurt 1615 zu lesen bekam, wo der berühmte Absatz im 12. Kapitel über den „Amphitheatralischen histrionem“ ersatzlos entfernt worden war. Hätte er stattdessen die Ausgabe Kassel 1615 mit dem lateinischen Originaltext gekannt, so kann man sich leicht vorstellen, mit welcher Schadenfreude Libavius in seiner darauffolgenden Analysis Confessionis Fraternitatis de Rosea Cruce den Theosophen Khunrath gegen die „Theosophen vom Rosenkreutz“ ausgespielt hätte.[48]

Ein weiterer Gegner sowohl von Khunrath und Croll als auch der Rosenkreuzer war Johannes Franke, der bereits 1571 mit Michael Toxites in Straßburg und Adam von Bodenstein in Basel freundschaftlich verkehrt,[49] dann 1572, unmittelbar vor der Bartholomäusnacht, Guillaume Postel in Paris getroffen[50] und noch 1578 mit Leonhard Thurneisser[51] korrespondiert hatte. Während aber Franke noch 1607, in der ersten Ausgabe seiner De arte chymica epistolae den Namen „Heinricus Cunradus“ anstandslos unter den „recentiores Hermetici“ zwischen Quercetanus, Penot und Libavius einreihte, ersetzte er ihn dann durch den Namen des „Cunradus Kunrat“ in seinem 1617 erschienenen dreifachen Discursus gegen die „neue Medizin, Philosophie und Theologie gewisser Alchemiker“, gegen die „Fraternität der Rosenkrone oder des Rosenkreuzes“ und im besonderen gegen Theophrastus Paracelsus, „welcher ganz Europa mit Hochstaplern angefüllt hat“ ( „[qui] totam Europam impostoribus implevisse“).[52] Heinrich Khunrath wird hier nun neu zwischen die „Chemici“ Valentin Weigel und Oswald Croll eingereiht, welche wie Khunrath ihre Philosophie und Theologie von Paracelsus übernommen hätten, und recht herablassend fügt Franke hinzu, dass aber nicht alle genau so schlimm seien: der eine sei mehr, der andere weniger wahnwitzig („sed non omnibus eadem est insania. Hic enim magis, ille minus delirat“). Am wahnwitzigsten findet Franke den „Mataelogus“ Weigel und dessen Buch Der Gülden Griff, und er bemerkt voller Verwunderung, dass sich sogar Fürsten sehr für solche Schriften, ob als Druck oder Manuskript, interessieren. Dann kommt, noch vor Croll, Khunrath an die Reihe:

In horum Chemicorum Philosophorum et Theologorum numero, non vult postremus esse Heinricus Cunradus, quem Authorem faciunt Amphitheatri Sapientiae aeternae. In quo libro, Sapientiam Salomonis suis gloßis potius commaculavit quam explicavit. Scribit enim: ‚Apud Iehovam Theosophicè hoc est Christiano Cabalicè, Divino Magicè, et Physico Chemicè, in Oratorio et laboratorio, Micro et macrocosmicè quaerenda est (sapientia) a Domino qui eam inspirat atque largitur, impetranda‘. Observandum autem est, Chemicos illos multa quidem de divina sapientia scribere, eamque omnibus commendare, et quanto in precio habenda et aliis omnibus rebus in hoc mundo sit praeferenda, testimoniis sacrarum literarum probare: sed per sapientiam nihil aliud, quàm Philosophiae et Medicinae adeptae, Magiae, Cabalae, Astrologiae, Astronomiae, Pyromantiae, Hydromantiae, Nectromantiae, Alchimiae, Transplantationis, Reductionis, Fixationis, Tincturae, etc. cognitionem intelligere, ut apparet ex libro Paracelsi, De fundamento artium et sapientiae, aliisque locis. Et qui hisce rebus operam dant, ab illis Sapientes appellari, licet inter eos etiam multi sint fatui, qui Astronomiam suam ex tertio coelo deducere, et de rebus futuris vaticinare posse, fingunt, quorum tamen vaticinia plerumque nihil aliud sunt quàm mendacia. Addo quod Paracelsus singularem habeat Magiam, Cabalam, et Astrologiam, de qua in Philosophia Sagaci multa nugatur, in eaque veram sapientiam esse absconditam Discipuli ejus somniant: cum tamen illarum rerum cognitio, nec ad corporis nec ad animae salutem sit necessaria, et ob id potius negligenda quàm investiganda et appetenda […] Gloriantur isti quidem multum de Sapientia, et tamen omnis Sapientiae rudes sunt. Nos Ecclesiae Christi membra ex Sacra scriptura didicimus, Sapientiam esse veram agnitionem Dei, et Domini nostri Iesu Christi, conjunctam cum vero timore Dei et fide ac totius vitae obedientia, juxta verbum divinitus per Prophetas et Apostolos traditum. De hac Sapientia divina loquitur liber Sapientiae Salomonis, non autem de Magia, Cabala, et Chemia, quam Agrippa, Trithemius et Paracelsus profitentur. […] Lapidem Philosophorum, Cunradus, sic definit: ‚Lapis Philosophorum est Ruach Elohim, qui incubabat aquis Genesis I.‘ [zu Figura III, Hanau 1609, S. 193]. Nos affirmamus Lapidem Philosophorum qui industria humana praeparatur, inepté et impiè vocari Ruach Elohim, qui tertia persona divinitatis creditur. Et eodem libro, pag. 193 [sic für 195], scribit: ‚Quid est Ruach Elohim? Est Spiritus, Spiraculum, anhelitus Iehovae sancti sanctus, vapor virtutis Dei omnipotentis atque omnitenentis, et emanatio quaedam emißiovè fecunditatis vitalis, primi summique motoris, vivifica atque virtuosa è profundißimo divinitatis suae recessu, etc. Addo, Ruach Elohim est μορφή seu forma rerum omnium interna οὐσιώδης et essentialis. Mundi anima universalis, Virtus substantialis, per se subsistens, caussa omnis creaturae mundi hujus subsistendi. Essentia (quia increatus) verè quinta, et ipsißima substantificaque rerum natura. Dei numen, divina ratio, toti mundo ejusque partibus insita, parens, rerumque harum oppifex‘, etc. Qua in re cum Servetianis sentit, qui fingunt, Spiritum Sanctum esse Vim illam quae à Deo rebus infusa est, per quam moventur et agitantur creaturae singulae, quam Philosophi naturam vocant.

Thrasibulus ipse suam Philosophiam et Theologiam additis elegantibus picturis illustrat, quibus aliis viam ad adipiscendam sapientiam vult monstrare, quam miser ipse ignorat. Addo quod idem author scribit: ‚Res gestae et nomina coelo duntaxat corruptibili inscribuntur, unde periti Astronomi (non vulgares illos circulatores puto, sed qui Magorum in Oriente callent artem) omnes res verè et praeclarè gestas, petere et literis denuò multo majori fide mandare possunt, etiamsi omnes libri historici interiissent, quod ignaris incredibile videri poßit‘, etc.

Quis non videt haec esse στωμύλματα et inanes verborum ampullas, à vera Philosophia et Orthodoxa religione dissentientes? Ita justo Dei judicio fit, ut qui relicto verbo Dei revelato, suis Phantasmatis delectantur, in tetras errorum foveas praecipitentur. Hisce similia non pauca etiam habet Crollius in prolixa sua praefatione Basilicae Chemicae praefixa, quam ex scriptis Paracelsi, Severini Dani, VVeigelii et aliorum quos laudibus evehit (nam mutuo muli scabunt) consarcinavit.[53]

Aber noch bevor sich Franke erneut Paracelsus zuwendet und den berühmten Brief Oporins, den er 1571 in Straßburg erworben hatte,[54] gegen die Paracelsisten ausschlachtet, kommt er auf die – wie er sie nennt – Brüdersch Und eben diesem Freund und getreuem Liebhaber und Erretter der Rosenkreuzer (‘als deren Sachen amatori et saluatori fideli’) hat Schweighardt alias Mögling sein Speculum Sophicum nicht nur allein gewidmet, sondern ihn zusätzlich in seiner berühmten Abbildung des Collegium Fraternitatis oder Haus Sancti Spiritus als den einzigen Verteidiger der Bruderschaft dargestellt: der mit einem Schwert bewaffnete Arm des ‘Iul. de Campis’ verteidigt die Botschaft, welche die C R F oder Crucis Roseae Fraternitas aus dem gegenüberliegenden Fenster ausposaunt, oder wie Mögling es im Text auf S. 8 formuliert: Wer war nun dieser Alchemiker Julianus de Campis, der in Tübingen wohnte, dort auch eine Gruppe von begeisterten Rosenkreuzanhängern um sich scharte und der in dem Sendbrieff oder Bericht an alle von sich selber sagt: Und eben diesem Freund und getreuem Liebhaber und Erretter der Rosenkreuzer (‘als deren Sachen amatori et saluatori fideli’) hat Schweighardt alias Mögling sein Speculum Sophicum nicht nur allein gewidmet, sondern ihn zusätzlich in seiner berühmten Abbildung des Collegium Fraternitatis oder Haus Sancti Spiritus als den einzigen Verteidiger der Bruderschaft dargestellt: der mit einem Schwert bewaffnete Arm des ‘Iul. de Campis’ verteidigt die Botschaft, welche die C R F oder Crucis Roseae Fraternitas aus dem gegenüberliegenden Fenster ausposaunt, oder wie Mögling es im Text auf S. 8 formuliert: Wer war nun dieser Alchemiker Julianus de Campis, der in Tübingen wohnte, dort auch eine Gruppe von begeisterten Rosenkreuzanhängern um sich scharte und der in dem Sendbrieff oder Bericht an alle von sich selber sagt: Und eben diesem Freund und getreuem Liebhaber und Erretter der Rosenkreuzer (‘als deren Sachen amatori et saluatori fideli’) hat Schweighardt alias Mögling sein Speculum Sophicum nicht nur allein gewidmet, sondern ihn zusätzlich in seiner berühmten Abbildung des Collegium Fraternitatis oder Haus Sancti Spiritus als den einzigen Verteidiger der Bruderschaft dargestellt: der mit einem Schwert bewaffnete Arm des ‘Iul. de Campis’ verteidigt die Botschaft, welche die C R F oder Crucis Roseae Fraternitas aus dem gegenüberliegenden Fenster ausposaunt, oder wie Mögling es im Text auf S. 8 formuliert: Wer war nun dieser Alchemiker Julianus de Campis, der in Tübingen wohnte, dort auch eine Gruppe von begeisterten Rosenkreuzanhängern um sich scharte und der in dem Sendbrieff oder Bericht an alle von sich selber sagt: Und eben diesem Freund und getreuem Liebhaber und Erretter der Rosenkreuzer (‘als deren Sachen amatori et saluatori fideli’) hat Schweighardt alias Mögling sein Speculum Sophicum nicht nur allein gewidmet, sondern ihn zusätzlich in seiner berühmten Abbildung des Collegium Fraternitatis oder Haus Sancti Spiritus als den einzigen Verteidiger der Bruderschaft dargestellt: der mit einem Schwert bewaffnete Arm des ‘Iul. de Campis’ verteidigt die Botschaft, welche die C R F oder Crucis Roseae Fraternitas aus dem gegenüberliegenden Fenster ausposaunt, oder wie Mögling es im Text auf S. 8 formuliert: Wer war nun dieser Alchemiker Julianus de Campis, der in Tübingen wohnte, dort auch eine Gruppe von begeisterten Rosenkreuzanhängern um sich scharte und der in dem Sendbrieff oder Bericht an alle von sich selber sagt: Und eben diesem Freund und getreuem Liebhaber und Erretter der Rosenkreuzer (‘als deren Sachen amatori et saluatori fideli’) hat Schweighardt alias Mögling sein Speculum Sophicum nicht nur allein gewidmet, sondern ihn zusätzlich in seiner berühmten Abbildung des Collegium Fraternitatis oder Haus Sancti Spiritus als den einzigen Verteidiger der Bruderschaft dargestellt: der mit einem Schwert bewaffnete Arm des ‘Iul. de Campis’ verteidigt die Botschaft, welche die C R F oder Crucis Roseae Fraternitas aus dem gegenüberliegenden Fenster ausposaunt, oder wie Mögling es im Text auf S. 8 formuliert: Wer war nun dieser Alchemiker Julianus de Campis, der in Tübingen wohnte, dort auch eine Gruppe von begeisterten Rosenkreuzanhängern um sich scharte und der in dem Sendbrieff oder Bericht an alle von sich selber sagt:t der Rosen Krone oder des Rosen Kreutzes zu sprechen, deren Philosophie er allerdings mit der „Praefatio admonitoria“ von Croll in Zusammenhang bringt, nicht jedoch mit dem Amphitheatrum Khunraths, wohl deshalb, weil er die lateinische Version der Confessio Fraternitatis mit der scharfen Kritik an dem „Amphitheatralem histrionem“ Khunrath gelesen hatte.[55]

  1. Khunrath und die Rosenkreuzer

Was die Teilnehmer an der Rosenkreuzerdebatte betrifft, so sei hier an vier Männer erinnert, die im Gegensatz zu Johann Valentin Andreae, aber ähnlich wie Arndt (und später Breckling und Kuhlmann)[56], von Khunraths Amphitheatrum begeistert waren.[57]

Der erste ist der Kupferstecher und Verlagsberater Johann Friedrich Jung aus Straßburg, der im Jahre 1601 eigenhändig eine wunderschöne handschriftliche Kopie des Amphitheatrum von 1595 anfertigte und diese auch mit farbigen Aquatinten verzierte, darunter ein Selbstporträt, das Jung in seiner Oratorio-Bibliothek zeigt.[58] Anschließend schrieb er auch Arndts Iudicium über Khunraths Figuren ab und versah es mit eigenen Randbemerkungen. Jung, der sich bereits 1602 durch die deutsche Übersetzung der Clavis totius philosophiae chimicae von Gerard Dorn (Straßburg 1602) einen Namen unter den Paracelsisten gemacht hatte, ist zugleich der Herausgeber einer Sammlung von Iudicia clarissimorum virorum über die Rosenkreuzer (Straßburg 1616), wo unter anderem erneut auch Arndts Gedicht für das Amphitheatrum steht. Jung war mit Andreae eng befreundet und hatte diesen 1616 dazu ermuntert, die bereits seit 1607 geschriebene Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz endlich im Druck erscheinen zu lassen. Ansonsten ist Johann Friedrich Jung durch einen schönen hermetisch-kabbalistischen Kupferstich (Scala descensionis et Ascensionis, Straßburg, im Verlag von Jacob von der Heiden, 1617) bekannt.[59] Man könnte das Blatt wegen Ausdrücken wie „Homo Microcosmus Tri-Unus“, „Harmonia micro-Macro-Cosmica“ oder „ad Dei, Hominis, et Naturae Cognitionis inserviens Speculum“ als eine abgekürzte Auslegung von Khunraths Amphitheatrum betrachten. Die von Barbara Bauer auf dem Blatt erblickten Anspielungen auf das Grab von Christian Rosenkreuz sind reine Phantasie.[60]

Der zweite Teilnehmer ist Anton Frey, Arzt zu Weissenburg, Cousin von Andreae, enger Vertrauter von Tobias Hess und begeisterter Leser von Ficino, Agrippa, Pelagius Eremita und von magischen Büchern wie Raziel und Arbatel. In seinen Briefen an den Herausgeber des fünften Bandes des Theatrum Chemicum von Ende September und Anfang Oktober 1623, den Anti-Rosenkreuzer Isaac Habrecht, kam Frey oft auf Khunrath zu sprechen. Auf Habrechts freundliche Warnung, sich von der Terminologie Khunraths zu distanzieren, antwortete Frey:

  1. Khunradi Scripta, a doctissimis quibusdam et in Spagyricis versatissimis judicata probataque, legi, perlegi, relegi et iterum perlegi aliquoties, sed nihil reperio inhonestatis, fallaciae et impietatis. Errasse interdum ipsius genium, humanum hoc est: Nemo enim sine crimine vivit. Profecto si propter vitia cuiusdam hominis scripta essent reiicienda, quorsum putas abiissent Paracelsi, Galeni nostri et aliorum infinitorum? Veritate coactus hoc affirmo, me in Khunradi scriptis, praesertim Amphitheatro suo Cedro dignissimo (ut doctissimi illius Crolli verbis in marginali positis utar) plus sapientiae, doctrinae et utilitatis hausisse, quam ex cunctis aliis Nominis celebritate et pietatis colore fucato tinctis. Videndum non quis, sed quid dicat. Et sapit, qui scripta non ex moribus judicat. Valeant et requiescant nunc manes ipsius, et si quid peccatum fuerit, Roseus Tyri cruor aeternus abstergat Jes[u].[61]

(Die Schriften des Doktor Khunrath, die bereits von ausgezeichneten und in der Chemie hocherfahrenen Gelehrten untersucht und besprochen wurden, habe ich gelesen, durchgelesen, wiedergelesen und noch einmal durchgelesen, ohne darin aber jemals auf etwas Unanständiges, Betrügerisches oder Gottloses gestoßen zu sein. Dass ihm manchmal sein Genius einen Streich gespielt haben mag, gehört zum gemeinsamen Los aller Menschen. Niemand lebt eben ohne Schuld. Und in der Tat, wollte man die Schriften eines Autors bloß wegen dessen Laster verwerfen oder vernichten, wohin, glaubst Du, wären dann die Bücher des Paracelsus oder auch diejenigen unseres Galen und unzähliger anderer Autoren geraten? Fürwahr, die Wahrheit zwingt mich Folgendes zu behaupten: Ich habe in den Schriften Khunraths, besonders in seinem Amphitheatrum, das ich (um mit Oswald Croll zu sprechen) der Unsterblichkeit für würdig halte, mehr an Weisheit, Gelehrsamkeit und Nutzen gefunden als in all den anderen Büchern von viel berühmteren Autoren, die ihre vermeintliche Rechtgläubigkeit zur Schau stellen. Allein, was gesagt wird, nicht wer es sagt, ist wichtig. Und weise ist nur, wer zwischen Leben und Werk zu unterscheiden vermag. Wohl also dem Khunrath, und möge sein Genius Ruhe finden, und falls er gesündigt hat, so reinige ihn das ewige purpurrote Blut Jesu.)

Der dritte Bewunderer Khunraths ist ein Lehrer Gustav Adolphs von Schweden, Johannes Bureus, den Gabriel Naudé wegen seiner Antwort an die Rosenkreuzer (Fama ex Scanzia Redux, Uppsala, 1616) im gleichen Atemzug wie Khunrath und das Amphitheatrum verdammen sollte.[62] Von den vielen Manuskripten, die Bureus hinterlassen hat, befindet sich in der Stifts- und Landesbibliothek Linköping unter der Signatur N 24 ein Codex mit dem Titel Cabbalistica (4°, 217 Bll.), in dem Bureus zwischen 1609 und 1613 aus den von ihm gelesenen Büchern (Zoroaster, Hermes Trismegistus, Pico della Mirandola, Reuchlin, Pietro Galatino, Teseo Ambrogio, Agrippa von Nettesheim, Paracelsus, Gerhard Dorn, John Dee, Sixtus Senensis, Cesare d’Evoli, Johannes Goropius Becanus, Elisäus Röslin) viele Exzerpte nach bestimmten Stichworten niederschrieb.[63] Das am häufigsten exzerpierte Buch ist aber Khunraths Amphitheatrum von 1609, aus dem er außerdem die Legenden sämtlicher Figuren transkribierte (ff. 139r-149v) und auch viele Motive aus denselben separat nachzeichnete und kommentierte (ff. 170v-174v). Aus diesen Zeichnungen entstand übrigens das bekannte Sigillum des Bureus (ebd. 173v-174r), das dieser in seinen zwei Antworten an die Rosenkreuzer von 1616 (Fama ex Scanzia Redux und Ara foederis theraphici F.X.R.) ausführlich erläuterte.

Der vierte Verehrer Khunraths unter den Teilnehmern an der Rosenkreuzer-Debatte ist der Arzt und Philosoph Heinrich Nollius, Verfasser von mehreren Schultraktaten zur systematischen Erschließung der Philosophie und Medizin aus der Sicht der Hermetik. Unter den Hermetikern, die Nollius am häufigsten zitiert, befinden sich zwar außer Paracelsus und Weigel auch Suchten, Severinus, Crollius, Drebbel und besonders Sendivogius, nicht jedoch Khunrath, dessen Name im gesamten Nollius’schen Werk kaum mehr als drei Mal Erwähnung findet. Um so mehr überrascht nun das Verdikt, das ein lutherischer Geistlicher und scharfer Gegner der Rosenkreuzer namens Valentin Griessmann über die 1620 von Nollius veröffentlichte Via Sapientiae trivna fällte:

Diß Scriptum Nollianum mit seinen 9 Kapiteln / ist nicht anders als ein extract aus dem Amphitheatro Sapientiae aeternae solius verae Christiano-Kabalistico, divino Magico etc. D. Heinrici Kunrath Lipsiensis.[64]

Griessmann hatte aber nicht ganz Unrecht. Denn in der Via Sapientiae trivna behandelt Nollius nicht nur das Eingangsthema („Via Sapientiae Regiae“), das durch das ganze Amphitheatrum immer wieder aufgegriffen wird. Auch in der Sprache imitiert er zuweilen Khunrath (Cap. iv: „Deus triunus est…“; „Homo triunus est…“; „Magnesia sapientium triuna est…“), und mit Khunrath (annot. 118/48, 121/49, 135/83, 190/145) bezeichnet Nollius die H. Schrift, den Makrokosmos und den Mikrokosmos als die drei einzigen Wege (auch die drei einzigen Bücher), die dem Wahrheitsschüler zur Verfügung stehen, um zum festen Grund der Weisheit zu gelangen (Cap. v: „S.S. Scripturam esse viam…“; Cap.vi: „Macrocosmum esse etiam viam…“; Cap. vii: „Microcosmum esse etiam viam, quae ad solidum Sapientiae Fundamentum veritatis studiosos deducat“). Man könnte durchaus die Via Sapientiae trivna für eine Art Kommentar zur dritten Figur des Amphitheatrum, oder auch für eine erklärende Zusammenfassung ähnlich dem Doppelblatt „Svmma Amphitheatri Sapientiae Aeternae“ halten, welches das Werk in der Hanauer Ausgabe von 1609 – je nach Exemplar – eröffnet oder beschließt. Von Khunrath (annot. 28/117) stammt übrigens auch das Zitat des [Johannes] Ludovicus Vives auf dem Titelblatt der Via Sapientiae trivna, das im Freundeskreis des Nollius (Breler, Werdenhagen) weiterhin verwendet wurde.[65]

Die Tatsache aber, dass sich Nollius in dieser kleinen Schrift zu Khunrath nicht geäußert, ja ihn nicht einmal erwähnt hat, lässt sich vielleicht durch ein Zeugnis von Nollius selbst in seinem philosophischen Hauptwerk Naturae Sanctuarium oder Physica Hermetica von 1619 erklären. Er hatte hier nämlich die Studenten der Pansophie und der hermetischen Philosophie und Medizin dringend davor gewarnt, gleich bei den ersten eigenen Erfahrungen auf dem Gebiet einem verfrühten Übermut zu verfallen und sich auf einmal für große Eingeweihte zu halten, als ob sie schon alle Stufen der Weisheit erklommen hätten – und als Beispiel dafür brachte er sowohl Khunrath wie auch sich selbst ins Spiel:

Accidit tamen interdum, vt initiati, qui primum limen sapientiae ex longinquo intuentur, summo gaudio ex eiusmodi cognitione perfundantur, ac aliquando ex improuiso erumpant, seque sapientiae omnes gradus transcendisse opinentur. Talis fuit Henricus Kunrathi, Med. V.D. et Theosophiae initiatus. Talis fui aliquando et ego, vbi fundamentum verae Sapientiae primis, quod aiunt labris tantum gustaveram. Sed iidem coguntur tandem suum errorem agnoscere et confiteri, quando in vera humilitate continuis et ardentibus precibus ad Deum sapientiae sincerioris studium prosequuntur, et tam manus, quam mente plura mysteria naturae explorarunt. Tum enim tacere et in suo sinu gaudere addiscunt. Imprudenter non sunt propalanda, quae Deus mundo occultata manere voluit.[66]

Nollius hat aber später die guten wie auch schlechten Erfahrungen während seiner rastlosen Suche nach der Weisheit literarisch aufgearbeitet und dabei die nach der Chymische[n] Hochzeit wohl schönste Schrift der ganzen Rosenkreuzer-Literatur, Parergi Philosophici Speculum, geschrieben, die ihm 1623 einen Prozess „wegen Rosenkreuzerei und weigelianischer Schwärmerei“ an der Universität Giessen einbrachte.[67]

Der Verfasser der Chymische[n] Hochzeit und der zwei anderen Manifeste der Rosenkreuzer, Johann Valentin Andreae, hegte hingegen nicht die geringste Sympathie für Khunrath und dessen Buch. Im Gegenteil: Für ihn war Khunrath ein Pseudochymicus und das Amphitheatrum ein höchst blasphemisches Buch. Und diese Meinung vertrat er sowohl in der Fama wie auch in der Confessio Fraternitatis R.C., die beide noch unmittelbar vor der Drucklegung der zweiten Ausgabe des Amphitheatrum redigiert wurden. Am Schluss der Fama heißt es zwar noch allgemein:

Wir bezeugen auch, daß unter dem Chymischen Namen sein Bücher und Figuren außkommen in Contumeliam Gloriae Dei, wie wir solche zu seiner Zeit benennen und den reinen Hertzen einen Catalogum mittheilen wollen.[68]

Im Kapitel XII der Confessio Fraternitatis hingegen wird Khunrath zwar nicht namentlich, aber doch deutlich genug als Komödiant und Gotteslästerer denunziert, der nicht davor zurückschreckt, den göttlichen Namen für seine Wortspiele zu missbrauchen:

In fine vero confessionis nostrae illud serio inculcamus, abijciendos esse, si non omnes, plerosque tamen Pseudochymicorum nequam libellos; quibus vel SS. Triade ad futilia abuti lusus: vel monstrosis figuris atque aenigmatibus homines decipere jocus: vel credulorum curiositas lucrum est: quales aetas nostra plurimos produxit: unum ex iis praecipuum Amphitheatralem histrionem, hominem ad imponendum satis ingeniosum.[69]

Und in der Chymische[n] Hochzeit schließlich reiht Andreae solch falsche Alchemiker (darunter besonders Khunrath mit seinen Figuren) unter die unwürdigen und betrügerischen Gäste, die bereits am dritten Tag von den anderen getrennt und verurteilt werden:

Sie wüßten grundtlich wol und weren in irem gewissen uberzeugt, daß sie Falsche erdichte Bücher geschmiedet, andere genarret, betrogen, und hierdurch Königliche Ehr männiglich geschmälert. So wüßten sie was Gottloser verfürische Figuren sie gebraucht. Da sie auch Göttlicher Dreyfaltigkeit nit verschonet, sondern sich derselben, Land und Leute zu betrügen, gebraucht.[70]

Ob auch die anderen Mitglieder des Freundeskreises um Tobias Hess die Einstellung Andreaes zu Khunrath und dem Amphitheatrum teilten, bleibe dahingestellt. Anton Frey, der sehr früh zum Vertrauten von Hess avancierte, teilte sie jedenfalls nicht. Und dasselbe gilt für den unbekannten Übersetzer der deutschen Fassung der Confessio, die 1615 in Frankfurt a. M. erschien und zum Textus receptus für alle späteren Ausgaben wurde: Er ließ nämlich in seiner Version den ganzen Passus über Khunrath einfach aus!

Übrigens: Diese negative Einstellung zu Khunrath ist ein weiteres gewichtiges Argument, um in Andreae den Hauptredaktor der Manifeste der Rosenkreuzer zu sehen. Denn im Gegensatz zu der Ansicht Gottfried Arnolds, die bis heute kritiklos akzeptiert wird,[71] haben Arndt und Andreae nicht in der gleichen Weise über Khunrath geschrieben. Die Meinung Arndts haben wir oben vernommen. Andreae hingegen hat Khunrath keineswegs gelobt, sondern ihn als einen Sonderling („insolitae eruditionis“) dargestellt, dessen ungewöhnliche Gelehrsamkeit darin bestehe, dass man ihn nicht verstehen kann (Mythologia christiana, III 23).[72] Und im Menippus (Apol. 85) steht auch nicht, dass Khunrath „von den Unwissenden wegen seiner unbekannten Weisheit verachtet wurde“, wie Arnold schrieb, sondern vielmehr folgendes Gespräch:

  1. Ad te ibam. B. Laudo sed quid fers? A. Figuram mysticam. B. Ad Cunradum eundum erat, qui talibus orbem fascinavit. A. Atqui aiunt te quoque, aliquid tale suxisse alicubi. B. Ha ha he, quam liberalis est credulitas […].[73]

(A. Zu Dir wollte ich gerade gehen. B. Das freut mich. Aber was trägst Du da unter dem Arm? A. Eine mystische Figur. B. Dann solltest Du lieber zu Khunrath gehen, der mit solchen Figuren die Welt betört hat. A. Aber von Dir wird behauptet, dass auch Du irgendwo etwas Ähnliches ausgebrütet hast. B. Ha, ha, he, wie leichtgläubig sind doch die meisten Leute.)

Im Gegensatz zu den übrigen, von Andreae anschließend erwähnten Personen (Giacchino da Fiore, Brigitta, Paracelsus, Theodor Bibliander oder Bernardino Ochino) ist Khunrath der einzige, den Andreae im Menippus negativ beurteilt. Doch es gibt eine noch viel eindeutigere Stelle, wo Andreae mit Khunrath und seinem Amphitheatrum endgültig abrechnet; sie wurde aber sowohl von Arnold als auch von fast der gesamten Andreaeforschung übersehen. Diese Stelle befindet sich in der Mythologia Christiana (V, 45) im Kapitel „Thraso“ (Prahlerei):

Da kam ein verschwenderischer Charlatan (agyrta) auf den Platz und rief mit lauten Trompetenstößen die Leute herbei, um ihnen seine Wundermedizin anzudrehen. Da waren Salbentöpfe mit so auserlesenen Schildern wie Christiano-Cabalicum, Divino-Magicum, Phicochymicum, Tertriunum Catholicon, Hallelu-Iah.[74]

Bis hierher hat Andreae übrigens nichts anderes als das Titelblatt von Khunraths Amphitheatrum transkribiert; dann fährt er mit weiteren Anspielungen und Verballhornungen fort und schließt wiederum mit den letzten Worten aus Khunraths Titelblatt („ex millibus vix uni“):

Chaos Magnesiae, Pyramis Triumphalis, bonum Macrocosmicon, Arx primaterialis, Antrum Naturae, Gymnasium Universale, Porta Sapientiae, Speculum legis, Oratoriolaboratorium, rejectio binarii et similia Orbimperiportendificuncta, undiquoquoversum bombitaratantarantia, verbocinatoria etc. ‚Und als die Leute den Betrug durchschauten und den Charlatan zur Rede stellen wollten, so gab dieser ganz ungerührt zur Antwort: das ist eben das geheimnisvollste aller Geheimnisse; meine Sache ist für alle unsichtbar, außer für die Schüler dieser Kunst, und kaum einer von Tausend ist imstande, sie zu fassen: „ex millibus uni“.[75]

Die schroff ablehnende Einstellung zum Amphitheatrum erklärt sich wohl aus der Tatsache, dass Andreae von Anfang an (und dies im Gegensatz zu Arndt und anderen guten Freunden) in den oft bombastischen Wortkombinationen von Khunrath eine ernste Gefahr für sein hermetisch-rosenkreuzerisches Reformprogramm witterte, das an sich schon riskant genug war. Für ihn galt es offenbar, sich schleunigst von Khunrath zu distanzieren, um dem zu erwartenden Ansturm der Feinde nicht leichtfertig noch eine Angriffsfläche zu bieten. So schloss er sich vielen Postulaten Khunraths nicht an, obschon diese im Grunde auch seine eigenen waren. All dies sollte ihm aber wenig nützen. Denn die etablierten Akademiker – ob Theologen oder Ärzte – warfen Khunrath und die Rosenkreuzer unverzüglich in einen Topf.

  1. Zu Khunraths Werk

Was Khunraths Werk betrifft, so ist die bibliographische Bestandsaufnahme seiner im Druck erschienenen Bücher sowohl in Bezug auf die Titel wie auch auf die unterschiedlichen Ausgaben beinahe abgeschlossen, auch wenn immer noch kein Verzeichnis existiert, das alle Editionen umfasst. Schlimm steht es hingegen um die Erfassung der Manuskripte von Khunrath, denn diese sind in der Forschung oft nicht einmal dem Titel nach bekannt.

Einige von Khunraths hinterlassenen Manuskripten befanden sich in Bretten bei dem Arzt Johann Thurmünzer und wurden am 15. April 1617 von dem Rosenkreuzeranhänger Johannes Heupelius, Pfarrer in Buschweiler, dem Landgrafen Moritz von Hessen in Kassel zum Kauf angeboten.[76] Der beigelegte ausführliche Katalog erwähnt folgende Titel: I. Lux in Tenebris; II. Signatura naturalis; III. Apocalypsis Magnesiae Sapientium; IV. Harmonia Analogica Lapidis cum Christo; V. Interpretatio Tabulae Smaragdinae Hermetis nach ihrem rechten naturgemessen verstand; VI. Liber Physicus chemice practicus; VII. Consilium informatorium chemico-practicum. Das vollständige Dokument lautet:

[Bl. 205r] Catalogus Ettlicher Secretorum scriptorum, das ist, in vera Cabala, Magia, vnd Alchymia fürnembste vnd geheimste Kunstbücher, von dem hochgelehrten Herrn doct[ore] Henrico Khunratho, seeligen, hinderlaßen, darinnen das ganze fundament vnd wissenschafft der wahren vnd reinen Alchymia begriffen, vnd daraus zu erlernen, wie man nemblich zu dem rechten, wahren vnd eigentlichen subjecto oder materia Lapidis Philosophici vnd derselben heymblichen praeparation, perfection vndt plusquamperfection, vndt Also, nechst Gottes willen vndt segen, zu dem allein rechten vnd wahrhafften Auro potabilio, Tinctur, oder großen, wunderthätigen des g[ebenedei]ten Universal Steins, vnd desselben geheimnußreichen dreieinigen näher kommen vnd gelangen solle, könne vnd möge; welche den filiis doctrinae fidelibus, vff vnher gehende assecuration, ehrliche vnd notwendige pflicht vnd gelübde, vnd mitt gwissen conditionibus commendiret worden:

I°       „Lvx in Tenebris das ist, Liecht vnd Wegweysung derer die in Alchymia mitt finsternus vnd Irrthumb vmbgeben vnd ausserhalben dem Licht der Natur laboriren; wie Sie nemblich durch die gnade Gottes, daraus kommen vnd solchen mangel ersehen sollen, Universaliter et particulariter etc.“ [nicht zu verwechseln mit dem Lux lucens in tenebris von Pseudo-Lull und Adam Haslmayr; Kopien befinden sich heute in Kopenhagen KB, GKS 1765 4°, 141r-151v, Hamburg SUB, Cod. alchim. 1722, und Erlangen UB, Ms. B 266].

II°      „Signatura Naturalis sive naturae characterismus Magnesia Philosophorum, Natürliche gemerck vnd malzeichen der allein wahren, schlichten, echten, rechten unfehl[ba]ren Magnesia der weyßen, vnd derselben Expositiones vnd Außlegungen etc.“ [Signatura Magnesiae Henr. Kunr., befindet sich in Kassel MBLB, 8° Ms. chem. 25, 134r-138v, Kopie aus der Hand von Benedictus Figulus].

III°    Apocalypsis Magnesiae Sapientum cum confirmationibus orthodoxis, oder deren rechtlehrende vnvmbstößliche confirmationes, vnderweyssungen des großen wunderthätigen plusquamperfecten Universal Steins der Weyßen subiecti, etc. [nicht lokalisiert].

IV°    Harmonia Analogica Magnesiae Sophorum Catholica perfecta atque mirabilis, nec non ma[ter]ia Lapidis Philosophorum Universalis plusquamperfecti et mirifici, cum ψ verbo Dei Patris mirifico incarnato admiranda, et contra etc. [In einem Brief vom 17.9.1700 aus Reutlingen an Friedrich Breckling in Den Haag erkundigte sich G. Hofstetter nach dem Verbleib von Khunraths Harmonia Jesu Christi cum Lapide Philosophorum admiranda (Gotha LB, Ms. B 198, 196-197, 204, 210v)].

V°     Interpretatio Tabulae Smaragdinae Hermetis nach Jhrem rechten naturgemeßen Verstand / darinnen Alles, was bey der Theoria, so wol der Practica zu conficktiren vnd zu wissen von nöthen etc. [verschollen].

VI°    Liber Physicus chemice practicus, in quo tractatur, quomodo Vulcanus Dei Optimi Maximi totius Universi Monarchae Professor invictissimus, sincere interpretatur et explicat Summum naturae et artis bonum, Lapid[is] nimirum Philosophorum, etc. [verschollen].

VII°   Consilium informatorium Chemicum-practicum, tam in pictura quam scriptura, super Magnesiae Philosophorum praeparatione etc. darinnen seindt auch die Öfen, gläßer, Jnstrumenta etc. depingirt [?], deren man sich zu gebrauchen etc. [ob es sich um das Ms. Halle UB, Ms. 14 A 12 (2) handelt?].

Ein Teil dieser Titel, diesmal aber ohne jede Erwähnung Khunraths, erscheint wiederum in einem umfangreichen Katalog mystischer, magischer und alchemischer Manuskripte, die der Kirchheimer Handschriftenabschreiber und -sammler David Ehinger 1627 seinem hierin eifrigen Konkurrenten, Karl Widemann in Augsburg, zur Abschrift in Aussicht stellte:

14)     Virtutes psalmorum.

15)     Vrim et Thummim cum speculis duobus cum Cabala.

23)     Divinatio per sortes cum 3 tessa.

24)     Liber phÿsicus chemicopracticus, quomodo Vulcanus explicet summum Naturae et artis        bonum, lapidem philosophorum veterum sapientum, medicinam universalem.

25)     Expositiones philosophicae signaturae naturalis sive characterismus Magnesiae                    sapientum.

26)     Clavis Apocalÿptica Magnesiae Sapientum, lapidis philosophorum sive medicinae                universalis, subiecti debiti et materiae ex qua luna cum confirmationibus philosophicis.

27)     Harmonia analogica lapidis philosophici cum lapide benedicto et caelesti.

28)     Consilium practicum de praeparatione lapidis philosophici sive medicinae universalis.[77]

Zwei autographe und der Forschung bis jetzt unbekannte Schriften Khunraths aus dem Besitz des Fürsten August von Anhalt, die noch vor 1945 in Köthen vorhanden waren, befinden sich heute in der Universitäts- und Landesbibliothek Halle, Ms. 14 A 12 (1):

Consilivm Philosophicvm, das ist, Philosophisches Guthachten vnd Rathsames Bedencken von dem Kunstlichen Geheimen Genese Hermetis vnd Anderer Weisen, welches sie ihr Ovum philosophicum artificiale, das kunstliche philosophische Ey nennen: So sie in praeparatione Ihres Vniversal Steins, aus Azoth catholico, in geheim gebrauchet, vnd alle Jhre Nachvolgere disfals forthin brauchen mussen. H[enrici] K[hunrath] L[ipsensis] Theosophiae amatoris ac Medicinae vtriusque doctoris.

und Ms. 14 A 12 (2):

Trew-Hertziges vndt wohlgemeintes […] vnprejudicirliches, vnnachvertiges vnd vnverweisliches Consilivm Philosophicvm Practicvm, […] wie sehr vielen verborgener Magnesiae der weisen, des geheimen Vniversal Steins, würdigerweiß-chymischer Philosophorum allein rechten, ehrlichten, wahren vnd vnfehlbaren Svbiecti. Henrici Khunrath Lips., Theosophiae amatoris fidelis et medicinae vtriusque doctoris.

Eine Handschrift aus dem Nachlass von Khunrath mit der pseudoparacelsischen Prophezeiung über den ‚Löwen aus Mitternacht’ gelangte 1614 in die Hände von Joachim Morsius, und zwar durch Vermittlung des Freiherrn Karl Richard von Minckwitz, wie Morsius in seinem Widmungsbrief an Andreas Hoberweschel ab Hobernfeld vom März 1625 mitteilte. Morsius wusste, dass Hoberweschel Schriften sowohl von Paracelsus wie auch von Petrus Severinus nach Holland mitgenommen hatte und versuchte, ihn zur baldigen Drucklegung dieser Schätze zu bewegen, indem er ihm diese Magische Propheceyung aus dem Nachlass von Khunrath dedizierte:

En tibi nunc in antecessum excerpta haec ex Vaticiniis illius [Paracelsi] de detectione trium Thesaurorum, quae inter relictas Schedas Doctoris Henrici Khunrathi, manu illustris Baronis Carlo Richardi à Mincquitz, 13. Junii A.C. M.DC.XIV fideliter consignata, ad me devenerunt?[78]

Ein weiteres, zum Teil autographes Manuskript Khunraths mit dem Liber Albedachi de sortilegiis, der Operatio geomantica Astrophili Megalopii, dem Antipalus maleficiorum und anderen magischen Schriften des Trithemius befindet sich in New York, Cornell Univ., Ms. Witchcraft BF A 32.[79]

Das Manuskript Thott 213 2° in der KB Kopenhagen und der Codex in Karlsruhe BLB, Ms. Allerheiligen 3, S. 403-405, enthalten eine sonst nicht bekannte Schrift Khunraths mit dem Titel

Practica Chaos Philosophorum Catholicon Naturaliter Triunum, h.e. Coelum Terra et Aqua scintilla Ruach Elohim Catholica animatum Catholicon Filius Mundi Maioris Microcosmus vel Homo Microcosmicus Philosophorum Magnesia.

Den interessantesten Fund zum literarischen Wirken Khunraths bildet jedoch eine Schrift, welche in der Forschung bisher als Werk von Konrad Khunrath galt,[80] und welche von Helmut Möller und dem Autor, unabhängig voneinander, eindeutig als Werk von Heinrich Khunrath und als ein Teil von Staricius’ Heldenschatz identifiziert worden ist.[81] Es handelt sich um ein Consilium de Vulcani magna Fabrefactione Armorum Achillis, das Heinrich Khunrath in dem 1608 in Straßburg posthum erschienenen De igne Magorum Philosophorumque secreto, S. 36-37, als eigenes Werk reklamiert:

[nämlich] sein Vsvs oder Brauch ist / gleich wie deß vorigen in Martialischen Natürlich-Magischen sachen / als in meinem Consilio de Physico-Magica Vulcani fabrefactione armorum Achillis etc. von mir auch annotirt worden.

Der Titel wird am Rande in voller Länge noch einmal wiederholt: „Consilium oder Rhatsames Bedencken / bey vnd vber Vulcanischer auch natürlich Magischer Fabrefactione Armorum Achillis“.

Von dieser Schrift befinden sich Manuskripte in Stockholm KB, Ms. Rål 4, Consilivm de Vulcani magica fabrefactione Armorvm Achillis Graecorvm omnivm fortissimi et cedere nescii, mit einer Widmung an den König von Schweden von 1597 durch Konrad Khunrath, und in Kopenhagen KB, Ms. Thott 210 Fol., mit dem Titel Heldenschatz, Das ist, Ein wunderbarliches Buch genandt rathsames bedencken, bey vnd vber Vulcanischer, auch natürlich Magischer fabrefaction a[r]morum Achillis, Graecorum omnium, fortissimi et cedere nescij. Von einem dritten Manuskript, das 1598 nach Kassel gelangt ist, erfahren wir aus einem Brief, wiederum von Konrad Khunrath (!), an den Landgrafen Moritz von Hessen in Kassel, worin es heißt:

Gnediger Fürst vnd Herr, E[urer] F[ürstlichen] G[naden] gebe in aller Vnterthenigkeitt ich zubekhennen, wie das ein gar herlichs schönes wercklein, Consilium de Vulcani Magica Fabrefactione Armorum Achillis, Graecorum omnium fortissimi et cede nescii etc. ich beihanden, welches in wahrheitt grosser sachen inhälttig, Vnd E[ure] F[ürstliche] G[naden] aber ein treflicher hochuerstendiger Fürst, der neben andern großen gaaben, sonderlich der auskundigen Kunst Astronomey (der dan des Opusculum excellentiss. mit angehtt) woll erfahren. E[ure] F[ürstliche] G[naden] ansonsten, alle gute Kunste gern gnedigklichen fürstmildig befördern, wie sie dan dessen für vielen andern hohen Potentaten billigen ruhm tragen. Also ich kein vmbgang haben mögen, E[urer] F[ürstlichen] G[naden] dasselbige, hirmit schriftlich zuuberschicken, vnnd vnterthenig domit zuuerehren, Vnterthenig, demuttig, bittende, E[urer] F[ürstlichen] G[naden] wollen solches von mir gnedig anzunemen sich nicht weigern, sondern ihrem hochen fürstlichen Verstande nach, es E[urer] F[ürstlichen] G[naden] wolgefallen wird deren dorinnen begriffenen nutzbarkeit hallben lieb sein lassen. Auch es in aller fürstlichen Gnaden, mildiglichen im besten segen mir widerumb erkhennen. Das bin von E[urer] F[ürstlichen] G[naden] höchlich zu rühmen, vnd mit vielen andern Arcanen, so ich Gott lob bei mir habe, darzu noch in allen getreuen diensten vnterthenigklichen zu uerdinen ichs stets geflissen […] Schleswig, den 7. Mai 1598.[82]

Leider erfahren wir aus diesem Brief wiederum nichts über die kürzlich erwiesene Verwandtschaft zwischen Konrad und Heinrich Khunrath, auch wenn die Autorschaft des Consilium de Vulcani magica fabrefactione durch Heinrich weiterhin festzustehen scheint. Allerdings erfolgten der Erstdruck und auch die vielen Nachdrucke dieses Consilium weder unter dem Namen Heinrich Khunraths noch unter demjenigen Konrad Khunraths, sondern unter dem Namen des Johannes Staricius, der aufgrund eben dieser Schrift zu einem der erfolgreichsten Autoren des 17. und 18. Jahrhundert avancierte:

HeldenSchatz / Das ist; Naturkündliches Bedencken vber vn[d] bey Vulcanischer / auch Natürlicher Magischer Fabrefaction vnd zubereitung der Waffen deß Helden Achillis in Griechenlandt […] Gestellet durch einen fürtrefflichen hocherfahrnen Philosophum vnnd Kunstwissenden […] an Tag gegeben, Durch Joannem Staricium publicum Notarium, Franckfurt, Nicolaus Steinius, 1615.

Zu seiner Ehre sei hier gesagt, dass Staricius auf dem Titelblatt der ersten Ausgaben keineswegs sich selbst als Verfasser ausgab und dass er überdies, in seiner Vorrede, den Leser über die Herkunft der von ihm bearbeiteten Schrift ziemlich genau unterrichtete:

Sonsten so viel gegenwärtigen Heldenschatz antrifft / hat es damit diese Bewandnuß: Es ist ohnlängsthin ein berühmter / erfahrner vnd vortrefflicher Medicus bey mir im Losament ein zeitlang gelegen / der zu seinem abraisen / durch vbersehen / vnter vielen hohen gehaimen Secretis (damit er sehr zehe / fest still gewesen / vnd gewaltig an sich gehalten) jetztgedachten Tractat zwar Titulotenus angefangen / aber sonsten noch gantz ohnauß geführt in rudi saltem et indigesta forma hinder sich beligen lassen. Wann dann nachmahls ich mich darin ersehen / vnd so viel verspüret / daß gemelter Tractat seinem Titul nicht vngemäß / sondern das jenige / so er in fronte promittirt, in recessu völlig laiste / also Rittermässigen Adels vnd Kriegspersonen / so zu Ernst vnd Schimpff / in Zügen vnd Ritterspielen sich zu vben gefliessen / nicht ohndienlich seyn / sondern allerhand gute Secreta subministriren könne. Also hab ich bey mir erwogen (ohnerachtet vom Autore selbsten / wie mir sein Gemüth vnd Natural bekandt / solches dem gemeinen Truck nimmermehr zu Liecht geben worden were) quod omne bonum sit in se diuisum, ideoque communicativum sui: Derowegen mich nicht lange besonne[n] / sondern dahin getrachtet / wie dem gemeinen Wesen / vnserm geliebten Vatterlandt Teutscher Nation zum besten / einer Edlen / werden vnd thewren Ritterschafft aber zu besonderlichen Ehren / Lied vnd Wolgefallen / ich es in seine ordenliche Formb richten / vnd zu offentlichem Truck fertigen möchte / gestalt in solchem trewgemeinten Vorsatz ich hiemit dasselbige bester massen im Werck praestiret / gelaistet / vnd vnterdienstlichen praesentirt haben will […] Datum Aschaffenburg ex Musaeo, den 5. Augusti, Anno 1615.[83]

Wahr ist, dass Staricius den ursprünglichen Heldenschatz stark bearbeitete, insbesondere viele sprachliche Unebenheiten glättete, manche nur angedeuteten Beispiele zu Ende schrieb oder sämtliche lateinischen Zitate ins Deutsche übersetzte. Sein Bericht über den Besuch des anonymen Verfassers und das von diesem angeblich liegengelassene Manuskript klingt jedoch wenig glaubwürdig. Der Verdacht liegt nahe, Staricius habe, wenn er auch nicht um die Identität des wirklichen Verfassers des Heldenschatz’ wusste, so doch mindestens geahnt, dass dieser nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Die Kenntnis von der weitaus spannenderen Folge dieser Geschichte verdanken wir Helmut Möller, der aus einem apologetischen Nachtrag in der dritten Ausgabe des Heldenschatz’ von 1618 sowohl jenen Medicus identifiziert wie auch dessen Plagiatsvorwurf an Staricius besprochen hat:

Nach dem Erscheinen des Heldenschatzes, der kein geringes Echo gefunden hatte, habe jener Medicus […] nämlich ‚Doctor Iacob Alstenius [Alstein] zu Leiptzig / Praag vnnd sonsten spargiert vnnd außgeben / als wann er Autor dieses Wercks / vnd [Staricius] selbiges se inuito heimblich von jme abgeschrieben / vnd zum Truck gegeben / welches dann nachmahls etliche lose Gesellen als arme Musterschreiber / Dauidt Schmidt / vnnd andere ertichter weiß weiters nachgeredt / vnnd auß jhren vnwarhafften Hälsen außgespien’. Gegen diese ‚offentliche Vnwarheit’ stellt Staricius für den ‚gut-hertzigen Leser’ noch einmal den Sachverhalt – den ersten Bericht etwas variierend – klar: Er habe ‚zwar das naturkündliche Bedencken / vnd etwas von der Artilerey […] von Alstenio abgeschrieben / vnd zwar nicht heimblich vnd vnwissendt seiner / sondern hatt er mir das Original / als ich jhms zustellen wollen / gantz vnd gar in meinem Losamenent gelasen / mit vermelden / er achte sein nicht groß?’. Und kurz darauf folgt noch ein Seitenhieb: ‚Das weiß aber Alstenius wol / was ich bey jme vnd vmb seinet willen gethan / wz er auch mir dauor zugesagt vnnd versprochen’ […].[84]

Nach anschließender Würdigung der Person von Jacob Alstein und dessen Klagen über das ihm durch Staricius angeblich zugefügte Unrecht fährt Möller fort:

Wir kennen diese Vorgänge leider nur aus der Sicht von Staricius. Aber man wird ihm zugutehalten müssen, daß es schwer nachvollziehbar ist, daß sich damals jemand nicht um ein vergessenes Manuskript bemüht haben sollte, wenn ihm daran gelegen gewesen wäre.

Was immer Alstenius bewogen hat, nach der Publikation zu lamentieren, und selbst gesetzt den Fall, er habe mit seinen Anklagen auf 1615 bezogen nicht völlig unrecht, so kann Staricius jetzt ganz andere Argumente vorbringen, wenn er zum eigentlichen Verteidigungsschlag ausholt: Alstein sei ja gar nicht der Autor jenes Textes, ‚wie er sich anmasset / sondern Doctor Henricus Khunrath, besihe sein Tractätlein de Igne Magorum, oder von dem Philosophischen glut vnd Flammenfewr / da wirstu vnderschiedlich finden in margine vnd im contextu, daß in eben dergleichen Discursu von Martialischen Fewren er sich vf diß sein naturkündliches Bedencken mit außgetrückten Worten zeucht / wie mag Alstein sich dann rühmen / er sey der Autor? vnd da er nicht Autor, wie mag jhn dann die publication bekümmern / so jhn nichts angehet? Zugeschweigen / daß er die nicht alleine gehabt / sondern hab die zu Heidelberg / jtem / bey deme [Freiherrn]von Ficken / vnd anderer Orten vnterschiedlich gefunden’ […].[85]

Staricius hatte Recht, denn viele besaßen Kopien von Khunraths Consilium, ohne jedoch zu wissen, wer der Verfasser war. So zum Beispiel der große Sammler von paracelsischen, magischen, spiritualistischen und theosophischen Handschriften, Karl Widemann in Augsburg, der die Schrift in zweien seiner Kataloge als anonymes Werk vermerkt hat.

De secreto Martiali liber plenus Mÿsteriorum, das ist Rathsames Bedencken aines hochgelertten und vill erfarnen Naturkündiger über und bei Vulcanischer auch Natürlich Magischer fabrefaction armorum Herculis Graecorum Omnium fortissimi et caedere nescii zue sonderbahrer Martialischer ausrüstung aines dapfferen Höldens.

Von den Martialischen ghaimnussen zue nutz und verwunderung aines dapferen Höldens, das ist, Rathsames Bedencken aines hochgelertten und vill erfarnen Naturkündigers über und bei Vulcanischer auch natürlich Magischer fabrefaction Armarum Herculis, Graecorum Omnium fortissimi et caedere nescii Zue sonderbahrer Martialischer Ausrüstung aines dapferen Höldens.[86]

Übrigens blieb die Tat des Staricius kein Einzelfall, denn auch ohne den Namen Khunraths zu nennen oder von Staricius’ Edition zu wissen, meldete sich fünf Jahre später, nämlich 1620, ein Michael Krebs aus Allenfeld brieflich beim Landgrafen Moritz von Hessen in Kassel, um diesem „einen gwaltigen schönen Tractatum, so meins wüssens nie gedruckt, von Helden Schatz“ zum Kauf anzubieten.

Krebs, der im gleichen Jahr eine Teutsche Politick oder von der Weise wol zu Regieren in Frieden und Kriegszeiten (Frankfurt a. M., Unckel, 1620) veröffentlicht hatte, war offensichtlich von seinem Manuskript des HeldenSchatz so angetan, dass er nicht nur dessen Inhalt für den Landgrafen ausführlich beschrieb („wie desselben Inhalt auch hierbey zu finden“), sondern diesem auch den Gang zu einem der Magie kundigen Waffenschmied nahelegte: „Vnd wann Ich ein geborner Held oder sonsten ein vermögen hette, liß ichs nit vnder wegen, die rüstung auszufertigen“. Aber im Gegensatz zu Staricius hat Krebs die enge Verwandtschaft zwischen dem Heldenschatz und den Schriften Khunrats nicht nur gespürt, sondern vor Moritz von Hessen auch zugegeben: denn kaum eine Woche nach dem ersten Brief schrieb er erneut an den Landgrafen, um ihn auf die Regeln in der Figur der Festung „Hypothyposis Arcis“ in Khunraths Amphitheatrum aufmerksam zu machen:

[Celsitudinem suam] hortari volui, quod si in Amphitheatro Henr[ici] Khunrath / ni fallor, Sextae suarum figurarum ph[ysi]carum, in margine, simile forte indicatum reperirit; vt eius meminisse dignaretur, ne uane laboraretur S[ua]. Celsit[udo] nullum ad manus exemplar, extractum dictarum Regularum super particularia etiam debensque communicabo.[87]

Die von Krebs für seine Rezension benutzte handschriftliche Vorlage („Inhalt des HeldenSchatzs“) hatte übrigens mit derjenigen des Staricius wenig zu tun, denn wie schon allein ihr Titel verrät, entsprach sie genau der viel längeren Fassung des Heldenschatz, die sich in dem Kopenhagener Manuskript Thott 210 Fol. erhalten hat.[88]

Michael Krebs, „Inhalt des HeldenSchatzs

Kassel LMB, 2° Ms. Chem. 19 II, S. 104r-v

[Heinrich Khunrath], Heldenschatz

Kopenhagen KB, Ms. Thott 210 Fol., S. 1r.

Jn diesem Heldenschatz oder Consilio von und uber Vulcanischer, auch naturlich Magischer fabrefactione Armorum Achillis graecorum fortassim omnium, et cedere nescii, wie ihn der Poet Horatius [sic!] nennet, auch sonsten zu sonderbarer Martialischer vnndt natürlich magischer Außrustung eines Manhafften dapferen Helden wirdt nicht allein in genere uil schöner underschiedlicher arten, hochnützlichen vnd wonderbarlichen geheimnus der Natur, herfür gebracht vnd communicirt: sondern auch wurdt vber dieselben noch in specie gehandelt von Zubereitung eines Schwerts vnd Dolchens, dardurch den gegentheill sonderbares schrecken vnd grausame furcht, aus natürlicher Antipathia, auch im balgen oder dreffen desselbigen Klingen bald zerspringet, vnd in stuck zerschlagen werden. Item von vergifftung der wafen, spissen, feustkolben oder streithamer, so wohl auch von gegen artzney deßelben Veneni. Jtem von Naturlichen mitteln durch Stechen vnd Hauen nit uerwundet zu werden, Auch sonsten Victoriam zuerhalten in Thurniren vnd mit Spilen. Jtem die Röhr oder Buchsen zu sonderlichem Vorteill zu laden. Auch Sporen, Huffeisen vnd Mundstuck der rossen durch Naturlich mittel konstlich zuzurichten, vnd sonsten auch ein Pferdt, dermassen zu qualificiren, daß das Pferdt, so damit versorget wirt, weit sehr geschwinder als ein anderes. Auch oft etliche meil wegs, in zweien gantzen tag vnd nächten ohne gebrauchliche futterung, ohn sein verderben gehen kann. Item von Praeparation vnd gebrauch des heilsamen Waffensalbes zu Wunden vnd beinbrechen. Auch von schrot vnd kugeln bey rossen vnd Man, wonderbarlich geschwindt aus dem schaden zu fordern etc.Letztlich auch von einem Aqua Magnanimitatis oder Waßer der Großmudigkeit, dardurch den Jenigen, so es geneußen, alle furcht vnnd Zaghafftigkeit benommen, eines dapferen Helden muth erwecket, vnd also recht heroisch qualificirt wurdt, mit behaltung guter bescheidenheit, vernunfft vnd sinnen, vnd sonsten auch noch mancherley wunderbarliche Kunststucken mehr, als einem dapferen Hoffman nit ohnmöglich zu wissen, wie im angedeutem buch ausgeführet ist. Heldenschatz, Das ist, Ein wunderbarliches Buch genandt rathsames bedencken, bey vnd vber Vulcanischer, auch natürlich Magischer fabrefaction a[r]morum Achillis, Graecorum omnium, fortissimi et cedere nescij – Wie Jhr der Poet Homerus nennet: Auch sonsten zu sonderbarer martialischer vnnd Natürlicher Magischer Außrustungk eines Manhafften dapfern Helden. Dorinnen nicht allein in gemeine viel schöne vnderschiedtliche artenn, geheimniße der Natur herfür bracht vnd eroffnet werden, sonder auch in specie gehandelt wirdt. Von zubereitung eines Schwerdts vnnd Tolchen, dardurch den Kegentheill sonderbarer schrecken vnd grawsame furcht ankumbt, auch im palgen deßelbigen Klinge balde zersprenget vnd in stucken zerschlagen wirdt. Jtem von vergifftung der Buchsen kugeln des Faustkolbens oder Streithammers, so woll auch gegen Artzeneÿ deßelbigen Veneni. Jtem von Naturlichen mittheln durch Stechen vnd Hawen nicht verwundet zu werden, Auch sonsten Victori zuerhal[t]en in Tornieren vnnd spielen. Jtem die Röhre vnd Buchsen zu sonderlichem Vorteill zu laden. Auch Sporen, Hueffeÿsen vnnd Mundtstucke des Rosses durch Naturliche Kunst zuzurichten, daß daß pferdt so dormit versorget wirdt, sehr geschwinder als ander Pferde, auch oft etliche viell meilen, ohne Fueterung (Jdoch trincken muß es) gelauffe. Auch von einem Aqua magnanimitatis oder Waßer der großmuetigkeit, dardurch dem Jenigen, der es geneußet, alle furcht vnnd zaghafftigkeit benommen, eines tapffern Helden muth erwecket, vnd also recht heroisch qualificiret wirdt, mit behaltung guter bescheidenheit, vernunfft vnnd Sinne. Jtem seine meinung ohne suspicion einem andern zuwißen zuthuen, vnd darauff dergleichen widerumb bericht zuempfahen. Ja das es Auch die Jenigen, so der Kunst berichtet, nicht offenbarenn konne[n]. Deß gleichen daß Vnguentum Martis oder Waffensalbe vnd derer Außfurlichen gebrauch, vnd viel andere schöne geheimbniße mher, die allhir im Titel zu weitleuffig angezeigt werden. Alles nach weitern inhalt angedeutes geschriebenen Buchs etc.

Der um das dreifache vermehrte Text des Heldenschatz’ im Kopenhagener Manuskript ist sehr wohl als die Fassung von Khunraths letzter Hand zu betrachten, auch wenn sich erweisen sollte, dass die am Rande hinzugefügten Korrekturen und Zusätze nicht von ihm selbst stammen. Denn an die Angabe im Titel der Stockholmer Handschrift von 1597, wonach an der Redaktion dieses Consilium de Vulcani magica fabrefactione drei Autoren beteiligt waren („der Erste, ein hochgelarter Cabalist vnd Astronomus; der Ander, ein tiefsinniger Philosophus und wohlgeübter Alchimist; der Letzte aber ein subtiler und geschwinder Naturgemessener Magus“), vermag ich überhaupt nicht zu glauben. Den Namen des wirklichen Verfassers hat Khunrath übrigens in der erweiterten Fassung von Kopenhagen dem aufmerksamen Leser unmissverständlich mitgeteilt, indem er ausdrücklich auf seinen (posthum erschienenen) Traktat De igne magorum philosophorumque secreto externo verwies:

O ihr Naturae Mastiges, schemet Euch ewrer Schuelpoßen. Hieruon dießmall genugh; Jn meinem Tractatu vom E[u]ssern geheimen feur, der alten Philosophen habe Jch de Magnete naturae hoc auch etwas Philosophice discurriret, dahin Jch den Kunstliebenden Leser will remittiret haben.[89]

VII. Lob und Kritik des Amphitheatrum

Vom Nachruhm des Amphitheatrum zeugt nicht nur die Übernahme des Titels durch Giulio Cesare Vanini,

Amphitheatrvm Aeternae Providentiae Divino-Magicvm, Christiano-Physicvm, nec non Astrologo-Catholicvm, aduersus veteres Philosophos, Atheos, Epicureos, Peripateticos, et Stoicos. Autore Iulio Caesare Vanino, Philosopho, Theologo, ac Iuris vtriusque Doctore, Lyon, apud viduam Antonii de Harsy, 1615.[90]

sondern vor allem die Verurteilung und das anschließende Verbot des Amphitheatrum durch die Sorbonne im Jahr 1625, die dem Opus zu noch größerer Publizität verhalfen, wurde dieses doch im Urteil als „verpestet“, „frevlerisch“, „mit Ketzereien vollgestopft“, „zur Magie verführend“, „die Religion verderbend“, „dem Glauben schadend“ und vieles mehr gebrandmarkt.[91]

Anno Domini Millesimo sexcentesimo vicesimo quinto die prima Februarii sacra theologiae Facultas Parisiensis post missam de Sancto Spiritu more solito celebratam ordinaria habuit comitia in aula collegii Sorbonae super sequentibus articulis. […] 2° Honorandus Magister noster Johannes Filesac theologus Ecclesiae Parisiensis dixit sibi a principe Senatus esse demandatum ut renuntiaret Facultati suum tandem ferre judicium de libro cujus titulus est Amphitheatrum sapientiae aeternae solius verae Christianocabalisticum etc. auctore Henrico Kunrati [sic] Lipsiense a multis jam mensibus sibi examinandum tradito. Cujus audita petitione, honorandi Magistri nostri Franciscus Chastelain canonicus Ecclesiae Parisiensis, Petrus Chapelas parochus S. Jacobi de Carneficina et Hieronymus Bachelier, quibus commissa fuerat provincia istius libri examinandi, praetulerunt se accurate a capite ad calcem perlegisse et in eo multa et varia deprehendisse quae censurae Facultatis indigerent, ut ex quorumdam lectione manifestum fuit […] De quibus omnibus sic censuit Facultas. […] [§] Secundo, audita relatione Magistrorum nostrorum Chastelain, Chapelas et Bachelier quoad examen Libri Conrathi, habitis prius gratiis ob labores in hujus lectione susceptos, gravissima censura illum tanquam perniciosum, blasphemum, impium et in fide periculosum notavit ejusque censurae formulam iisdem Magistris nostris conficiendum commisit, ea lege ut proximis comitiis priusquam evulgaretur innotesceret Facultati […].[92]

Conclusio S. Facultatis qua damnatur Liber Amphitheatrum aeternae sapientiae solius verae Christiano-cabalisticum, etc. Formula censurae latae in librum qui inscribitur Amphiteatrum sapientiae aeternae solius verae christianocabalisticum, divinomagicum necnon physicochimicum, tertriunum catholicon, auctore Henrico Kunrath Lipsiense, theosophiae amatore fideli et medicinae utriusque Doctore. [§] Universis catholicae fidei cultoribus sacra theologiae Facultas Parisiensis, quoniam ex Apostolo omnia probare, quod autem bonum est tenere debemus, ne dum haereticae pravitatis antidotum quaerimus, secreta diabolicae impietatis venena admittamus; ideo cum paucis ab hinc mensibus ad catholicorum manus pervenisset perniciosissimus quidam liber, schematis primo nonnullis, deinde pluribus variarum Scripturae sacrae sententiarum per gradus septem explicationibus, ac demum corollariis aliquot constans; cui titulus Amphiteatrum sapientiae aeternae solius verae christianocabalisticum etc. Praefata theologiae Facultas, singulis per nonnullos ad hoc specialiter deputatos Doctores adamussim perlectis et examinatis, omnium Magistrorum consensu, censuit tam explicationes illas, ut sonant, quam corollaria, prout jacent, tum librum ipsum esse damnandum, maxime quod impietatibus, erroribus et haeresibus scatitis, et continua locorum sacrae Scripturae profanatione sacrilega contextus, augustioribus etiam catholicae religionis mysteriis abute, demum lectores ad secretas sceleratasque artes sollicitet. Quare pestiferum opus, nec sine fidei periculo, aut religionis detrimento vel pietatis damno, passim legi, neque tuto in publicum divulgari posse judicavit. Signé Roguenant. (Parisiis, calendis martiis a. 1625). La Sacrée Faculté de la Theologie de Paris, à tous les Catholiques.

Puisque l’Apostre nous enjoint d’éprouver toutes choses, et de retenir ce qui est bon, ayant apperceu que depuis quelques mois les Catholiques ont un certain livre tres-pernicieux entre les mains, dans lequel il y a premierement quelques figures, et puis plusieurs explications de divers passages de la saincte Escriture disposées par sept degrez, et finalement quelques corollaires, et dont le titre est, l’Amphitheatre Christianocabalistique, Divinomagique, Tertriun.catholique, de la sagesse eternelle seule veritable, par Henri Kunrath de Lipse, amateur fidelle de la Theosophie, et Docteur de l’une et de l’autre Medecine: La susdite Faculté de Theologie ayant leu exactement, et examiné le livre entier par quelques Docteurs qu’elle a specialement deputez pour ce sujet, a jugé que les explications estant prises à la lettre, et tous les corollaires pris comme ils sont, avec le livre mesme, doivent estre condamnés, particulierement parce qu’estant remply d’impietez, d’erreurs, et d’heresies, et d’une perpetuelle profanation sacrilege des passages de la saincte Escriture, il abuse des plus sainctes mysteres de la Religion Catholique, et conduit les lecteurs aux arts deffendus, et abominables. C’est pourquoy elle a jugé qu’un livre si contagieux ne peut estre leu, ny exposé en public sans perte de la Foy, de la Religion, et de la pieté.

Fait à Paris dans nostre assemblée generalle, celebrée solemnellement au College de Sorbonne, l’an de nostre Seigneur 1625, le I. jour de Mars.

Par le commandement de Monsieur le Doyen, et des Maistres de ladite Sacrée Faculté de la Theologie de Paris. Ph. Bouvot.

Dieser Text wurde bekanntlich durch Marin Mersenne ins Französische übersetzt,[93] welcher schon 1625 – unmittelbar nach Gabriel Naudé[94] und zur gleichen Zeit wie François Garasse[95] – mit allen Mitteln versucht hatte, das mit „bouffonneries“ gefüllte Amphitheatrum Khunraths der Lächerlichkeit preiszugeben.[96]

Ihm folgte dann François La Noue, der in seinem an Mersenne gerichteten Judicium die Philosophie des Robert Fludd einfach mit der von Khunrath gleichsetzte und über beide Theosophen das gleiche Urteil fällte: Fludd verdiene dieselbe Zensur und Verurteilung wie Khunrath, denn beide benutzten dieselben Quellen, machten sich gleichermaßen des „Sakrilegs“ und der „Blasphemie“ schuldig, sie seien beide ähnlich gottlos und gehörten somit vor das gleiche Gericht:

Quod vero ad Chymiae etiam mysteria earundem autoritatem trahat, sacrilegum est et blasphemum, nec addi quidquam necesse est ad Sorbonae Censuram, qua Khunrathi persimilis impietas damnata est: sunt enim ambo in eadem causa.[97]

Worauf Fludd in seiner Clavis Philosophiae et Alchymiae antwortete:

Quam iniquus est iste Iudex, qui caussa minime intellecta, in Iudicium tanta temeritate se praecipitat. Qualis vero sit mea Alchymia hSorbière Samuel-Joseph deic paucis, et in membro huius Tractatus 4. Parte 2. stylo vberiore explicabo. Meam igitur agnosco Alchymiam in lapidis angularis cognitione atque acquisitione versari; quem quidem lapidem tales pseudostructores, quales sunt Mersennus et Lanouius, in suum ipsorum damnum repudiant et derident. Anne sacrilegum et blasphemum erat in Patriarchis, Prophetis et Apostolis; imo vero omnibus, qui sacra atque Christiana Philosophia stabilitis, lapidis istius possessionem tam auide affectare? Sed de hoc Subiecto infra (vt dictum est) latius.

Denique pro concesso non habeo, quod Khunrathus ideo sit criminis aut sacrilegii aut blasphemiae, reuera et coram Deo reus; quia ad Sorbonnae censuram condemnatus; sed potius eius Iudices coram Deo, qui est solus cordium et renum scrutator, damnabuntur, qui, re penitus ignorata, tanta securitate et audacia quempiam condemnare audent […] Concludo autem, quod solummodo nude dicat sacrilegum esse et blasphemum, ad mysteria Chymiae authoritatem Sanctam trahere, et nihil probet. Sed quomodo probaret? cum subiectum rei, quam probare debebat, prorsus ignoret. Hic ergo (candide Lector) Viri istius in vera Alchymia profunditatem potes perspicere.[98]

In wenigen Worten: Fludd wirft Mersenne und La Noue vor, bösartige Richter zu sein, da sie beide überstürzt und leichtfertig zu Gericht säßen, ohne vom Sachverhalt das Geringste zu verstehen. Denn Khunrath werde keineswegs nur deshalb zum Verbrecher, Religionsschänder oder Gotteslästerer, weil ihn die Sorbonne durch ihre Zensur verdammt habe. Vielmehr seien seine Richter die wahren Verbrecher, da sie in völliger Unkenntnis des Tatbestandes mit solcher Selbstherrlichkeit und Dreistigkeit das Urteil über andere fällten.

Die Verwandtschaft zwischen Khunrath und Fludd war übrigens so offensichtlich, dass ein Friedrich Breckling einige Jahrzehnte später beide Theosophen in seinem Christus Mysticus, Sol et Sal Sapientiae noch einmal zusammenführte:

Den Philosophis, Chymicis, Magis und Cabalisten weiß ich keinen bessern Weg zu zeigen, als welchen der Senior dem Adolpho in seiner Aurelia occulta Philosophorum geofenbahret / wie auch der Theosophus Henricus Khunrath in seinem Amphitheatro Sapientiae, und welchen der treffliche Philosophus Robertus Flud in seiner Philosophia Mosaica Macro- et Microcosmica und in seiner schönen Clavi Alchymiae et Philosophiae geweisset.[99]

In seiner Begeisterung für Khunrath war Breckling jedoch von einem weiteren deutschen Exulanten in Holland, Quirinus Kuhlmann, übertroffen worden, der einige Jahre zuvor in seinem Neubegeisterte[n] Böhme manche Stellen aus Khunraths Amphitheatrum von 1609 übernahm (annot. 28/117) und selbst ins Deutsche übersetzte:

Der erste sei der verwunderungswehrte Mann Henrich Khunrath / eine hochansehnliche Zirath seines Leipzigs / und ein Mensch fürwahr weit seltnerer und höherer Verständnis / als man von ihm glaubet. Er war um di allertifsten sachen durchzuforschen / mit grosser begirde von Göttlichem Feuer entflammet / durchlaß der urältesten und alten als neuen Weltweisen Bücher; auf vielen Reisen hatte er mit allen überwigung gehalten / ja vermerket endlich / wi Gott selbst in der H. Schrift / Natur und ihm selbst redete und antwortete. Als nun ihm der jenige / der es alleine kann / Jesus Christus / di Vatersweißheit das allgemeine Buch in der Dreizahl aufgethan / so erbaute er den Schauplatz der ewigen alleinwahren Weißheit / nach Christlichcabalistischer / Göttlichmagischer / wi auch Physischchymischer dreieinig allgemeiner Lehrart / ein rechtes Wunderbuch. Was redet er aber darinnen von den heutigen Wissenschaften? ‚Die weltliche Weißheit‘ / spricht er / ‚di da heuchelhafftig / aufgeblasen / hoffärtig / zankhaftig / prahlend / mit Leerer Worte schwatzhaftigkeit einen verstandlosen Schall plaudert / mit dialectischen Zauberwerk durch sophismatische umschweife / verführungsnetze aufspannet / diese ist jenes reitzerisches / schmeichelhaftes und verführerisches Weib / so närrisch und schreiend / welche sich mit lugenhaften Tittel vor di wahre Weißheit teuflisch den Narren verkaufet; da doch noch Paulus spricht / bei Gott keine grössere Narrheit ist / als di Erdenweißheit; demselben nothwendig wegzuwerfen / welcher klug zu werden begehret. O höret doch in der Weltweißheit den Weltweisen Ludwig Vives [deme als einem Künstler in seiner Kunst zuglauben] im hohen Alter, viler Gelahrtheit und Erfahrung kündig: Was ich in der Jugend / spricht er / hochaufgeblasen vor schätze in der Weltweißheit hilt / sehe ich bejahret kaum Noth zu sein, und daß solches nur verhindernisse eines Gottseligen Lebens und der nothwendigen Studien gewesen. So weit dieser. Gleichfals hats auch di H. Väter / den Hieronymus / Ambrosius / Augustinus / Cyprianus / Hilarius / Basilius / Cyrillus / Tertullian / Bernharden / Prudentien / Jsidoren und vil andere Gottselige und fromme Männer (deren ich könnte / wann Zeit und Ort zulissen / ein weitläuftig Nahmenregister machen / wi ihre Bücher überflüssig solches bezeugen) nicht wenig gereuet di angewendete Müe / welche sie gehabt / in der neidisch heidnischen und allzeit disputirischen Weltweißheit / und kommen alle nach vil angewendeter Arbeit / endlich darinnen überein / daß di Weltweißheit sei eine Pest der Warheit / recht gründlicher Wissenschaft / des Gesätzes Gottes und des Christusglaubens. Derohalben flihet / flihet / O ihr Jünglinge / diese Hure / und höret nach dem Beispil Kaiser Maximilian des ersten / di Heidnisch- oder Jrrdisch philosophen enden / wi die Frösche / niemals als Nachtigalen. Der dises (wo der Teufel nicht verhindert) kann fassen / fasse es / und bessere sich. Derohalben lernet, O ihr Sterblichen / auf so vil und so wichtige ermahnung / vor dieser euch zu hütten; und folget nicht der aus Jugendunwissenheit verführten irrthum / sondern vilmehr ihre aus altersklugheit weit weisere bereuung‘. An einem andern Orte schreibet Khunrath weiter: ‚O ihr Narren und Bösewichter / di ihr di salbung des H. Geistes weglassend euch bemühet / von etlichen meineidigen Heidnischen Philosophen (verdamten geistern und irrthums lehrmeistern) das jenige zu lernen / welches ihr von der ewigen in der zeit eingefleischten und allein wahren weißheit auf heiliges anblasen des Heil. Geistes / wann ihr durch Gottes handleitung in euch selbst ginget / köntet erlernen / und soltet erkennen. Die einige und alleinweise weißheit Gottes sol / kann und wil uns lehren / in ihrem Dreieinigen Buch / nemlich der Heil. Schrifft / Natur und dem Spigel deines gemüttes‘.[100]

Auf diese Lobpreisungen von Breckling und Kuhlmann hat als erster Gottfried Arnold in seiner Unpartheyische[n] Kirchen- und Ketzer-Historie von 1700 hingewiesen, in der er übrigens eine erste Biographie von Khunrath entwarf und eine eingehende Würdigung von dessen Confessio und Amphitheatrum verfasste. Arnold wies vor allem auf die zahlreichen Widrigkeiten hin, die Khunrath nicht nur wegen seiner Kritik an den „betrügerischen Argchymisten“, sondern vor allem aufgrund seiner radikalen Ablehnung des „Abgotts“ Aristoteles und „desselben kalte[r] Philosophie“ erleiden musste, was er anhand einer Analyse der Figuren IX. „Porta Amphitheatri“ und V. „Calumnianten“ in der Ausgabe von Hanau 1609 eindrücklich illustrierte, um dann mit Khunraths Worten zu schließen: „Was derer närrischen Leute unverstand nicht gemäß seye / müsse ketzerey und unrecht seyn“.[101]

Aber genau dies war es, was man Khunrath auch noch während des 18. Jahrhunderts am häufigsten vorwarf: Narrheit und Arroganz. So reihte ihn der Verfasser des bekannten Fegfeuer der Chymisten von 1702 unter die „Bönhasen“ oder Sophisten mit den Worten:

Khunradus Amphitheatrum Sapientiae aeternae, nebst noch andern Dingen / die alle von seiner stinckenden hoffart und Unwissenheit zeugen / Er hat nicht aus dem Geist Gottes / sondern aus dem unwissenden Hoffarts-Teufel geschrieben.[102]

Abgesehen vom Herausgeber des Von Hylealischen Chaos von 1708, G.C.J. in Zweibrücken, der immerhin die biographischen Angaben aus Arnolds Kirchen- und Ketzer-Historie zusammenfasste, haben die Verteidiger der Alchemie kaum etwas unternommen, um Khunrath aus diesem in der „Insul Schmäheland“ gelegenen „Chymischen Fegefeuer“ zu befreien. Denn in der anonym erschienenen Erlösung der Philosophen aus dem Fegfeuer der Chymisten von 1702 wurde Khunrath gar nicht erwähnt, und auch in der darauffolgenden Glückliche Erober- und Demolierung des […] Fegefeuers der Scheidekunst von 1705 begnügte sich der Verfasser Alethophilus damit, die oben zitierten Schimpfworte gegen den selbsternannten „Chymischen Pabst und Ketzenmacher“ umzudrehen:

und wenn Khunradus von ihm sagte / daß er aus dem unwissenden Hoffarths-Teufel geschrieben / würde ihm nichts mehrers beygemessen werden können / als daß er legitimo modo retorquiret hätte.[103]

Seit dem Erscheinen von Werken wie der Idea Chemiae Böhmianae adeptae von 1690 und der Metallurgia Böhmianae von 1695[104] war die von Khunrath vertretene theosophische Alchemie längst einer durch die Gedankenwelt Jacob Böhmes erneuerten Alchemie gewichen, zu deren erfolgreichstem Propagandisten sich bald Sincerus Renatus, alias Samuel Richter, in Breslau profilieren sollte, indem er die Formel prägte:

Wer nach Böhmes Schrifften und Philosophie in der Furcht Gottes seine Chemie wird einrichten / wird gewissen Nutzen haben.[105]

Kein Wunder also, dass Richter in seinen theo-alchemischen Traktaten den Namen Khunrath nicht erwähnt. Und selbst ein Georg von Welling, der sich sowohl in seinen alchemo-kabbalistischen Texten wie in seinen theosophischen Figuren oft auf Khunraths Vorlagen stützte, hielt es offensichtlich nicht für nötig, sich auf seinen Vorgänger zu berufen. Auf jeden Fall wird Khunrath weder in den Ausgaben des berühmten Opus mago-cabbalisticum et theosophicum[106] noch in dessen nur handschriftlich überliefertem Anhang Die ewige Weisheit[107] je beim Namen erwähnt.

Eine Rehabilitierung Khunraths erfolgte dann doch noch in den verschiedenen Redaktionen des Chymisch-Philosophische Probier-Stein des rätselhaften Hermann Fictuld von 1740 und 1753. Zwar war Fictuld in der Regel geneigt, dem Verfasser des Fegefeuer der Chymisten gegen dessen Widersacher Alethophilus Recht zu geben, aber bei Khunrath machte er eine Ausnahme, wie aus den zwei Fassungen seines Berichts hervorgeht:

63: Heinrich Conrad, Doctor von Leipzig,

hat das primum materialische natürliche Chaos, samt noch andern mehr der Nachwelt hinterlassen,

daraus zu ersehen, daß er ein hochweiser gottseliger Mann gewesen, der denen Scholasticis jederzeit contrair gewesen, weil er ihren Fuchsschwäntzereyen feind gewesen, daß sie als Hirten nicht den geraden Weg gewandelt, sondern die Wiedergeburth eine Enthusiasterey genannt. Er war in seinem Leben vor einen Ketzer ausgeruffen, nach seinem Tode aber musten seine Feinde leiden, daß er in das Register der Wiedergebohrnen Heiligen geschrieben wurde. Er hat die gantze Kunst so deutlich und hell beschrieben, als andere seines gleichen wenig; Wir lieben es mehr als alle andere, recommendiren es allen Anfängern und andern, weil den geistlichen und irrdischen Stein beschrieben.

Er war mit Liebe und Weisheit angefüllt, als eine Quelle mit Wasser, darum haltet ihn hoch.[108]

87. Khunrath, (Heinrich) Doct. Med. in Leipzig, lebte um das Jahr 1575. Ein hochgelehrter, frommer und Gott-liebender Mann, der grosse Gaaben und Einsichten hatte in die Theologie, Theosophie und Hermetische Philosophie, so daß er schon in dem 23. Jahr seines Alters derselbigen zugethan war; Gleichwie er aber Gott liebete, so liebete er auch den nächsten, darum schriebe er verschiedene Tractäte von dem Theosophischen auch Philosophischen Stein, wie auch einen Tractat von dem Hylealischen, das ist, primaterialischen, Catholischen oder allgemeinen Chaos, von welchem wir gegenwärtig handlen wollen, (sein Amphitheatrum Sapientiae, welches Anno 1602 auch Teutsch gedruckt seyn solle, habe noch nicht gesehen) darinnen er gar herrlich schreibet von der prima materia, von der Praxi, von dem geheimen Feur, und von den betriegerischen Sophisten; Weil er nun so gottselig und lehrreich schreibet, so ist er von der Clerisey und den Scholasticis unrecht verstanden, und für einen Enthusiasten, Schwermer und Ketzer ausgeruffen worden; allein sie mußten gleichwol leiden, daß er nach seinem Tod unter die Wiedergebohrenen, Heiligen und von Gott Beruffenen gesetzt worden ist. Er hat von der Alchimie so deutlich geschrieben, daß es wohl nicht deutlicher wäre möglich gewesen, ohne das Geheimnuß zu verrathen, ob ihn gleich D. Söldner in seinem Fegfeuer schändlich durchziehet, und darmit seine eigene Dummheit verrathet. Daher ihr Liebhaber beyder Weißheit und beyder Liechteren habt ihn lieb. Er hat auch geschrieben: Gar notwendige drey fragen /de anno 1607. Es sind nur wenige Blätter / aber sein mit der Liebe Jesu erfülltes Hertz liesse ihn nicht ruhen, dem Nächsten bey aller Gelegenheit zu dienen, und ihn zu seinem Heil anzufrischen.[109]

Zu bedauern ist nur, dass Fictuld, wie er selbst sagt, das Amphitheatrum Sapientiae aeternae Khunraths zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichungen noch nicht gesehen hatte und es deshalb nicht besprechen konnte. Denn die Besprechungen, die nun folgten, waren alles andere als schmeichelhaft für den Theosophen von Leipzig. Die erste erschien in den vielgelesenen Nachrichten von einer hallischen Bibliothek von 1751 und war noch relativ moderat, denn nach kurzer Auseinandersetzung mit den früheren Bibliographen und der Wiedergabe des langen ursprünglichen Titels von Khunrath endete sie mit den Worten:

Diese Sprache und Schreibart, welche in dem ganzen Buch so lautet, scheinet nicht wenig dazu beigetragen zu haben, daß der Verfasser von einigen Leuten für einen ächten Adeptum ist gehalten worden.[110]

Die nächste Besprechung erfolgte aber in einem beachtenswerten Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie von über 700 Seiten mit fünf bibliographischen Anhängen, der sich für „ein Lesebuch für Alchemisten, Theosophen und Weisensteinsforscher“ ausgab und 1785 in Leipzig erschien.[111] Hier kam der Verfasser, der die Vorrede als „Carbonarius“ unterschreibt, mehrmals auf Khunrath zu sprechen, widmete ihm aber auch ein eigenes Kapitel, um besonders mit dem Amphitheatrum auf das schärfste abzurechnen.[112]

Die erste Ausgabe dieses berüchtigten Werks erschien im Jahre 1598 [sic] mit kaiserlichen Befreyung, daß ja niemand diesen seltnen Schatz verborgner Weisheit nachdrucken möchte. Bald war der gantze Abdruck, der gewis zu tausenden gefertigt ward, verkauft, weil jeder die geheime Kunst der Steinbereitung daraus erlernen wollte. Khunrath vermehrte das Werk mit beträchtlichen Zusätzen, und hinterlies kurz vor seinem Hingange die Besorgung der Ausgabe einem seiner Freunde, Erasmus Wohlfarth, der zu Wernigeroda haußte. Dieser veranstaltete den zweiten Abdruck zu Magdeburg 1608, fol. – Am Ende des Werks, das 1 Alph[abeth], 13 Bogen beträgt, stehen die Worte: Gedruckt zu Hanau 1609 durch Wilhelm Anton. – Der Herausgeber ziehet in der Vorrede das Buch, nächst der Bibel, allen andern vor, und behauptet standhaft, man könne aus ihm allein wahre Weisheit lernen. Unsrer Meynung nach ist es, die vielen ohne Absicht und Auswahl angeführten biblischen Stellen ausgenommen, ein Buch voll mystischen Unsinns, und kaum für Böhmisten lesbar […] Noch jetzt wird dieses Amphitheater in Auktionen mit einem, zwey und mehr Dukaten bezahlt, – ein Beweis, daß es auch in unsern nahrhaften Zeiten Menschen giebt, die sich bey allem Ueberfluß gern mit unschmackhaften, kraftlosen und unverdaulichen Speisen nähren! – Wer aus diesem unverständlichen Buche glaubt, Gold machen zu lernen, betrügt sich sehr. Der grosse und kleine Bauer, so wenig sie auch befriedigend und lichtgewährens sind, geben doch einen matten Schimmer, bey dessen Glanz man im Nothfall nicht ganz vergebens arbeiten könnte. Jch will lieber im ländlichen Zirkel dieser truglosen Bauern, nach ermüdenden unharmonischen Leyerton rasch und muthig herumspringen, als auf dem Theater mit geschminkten Dirnen nach schmelzenden Zaubertönen tanzen. – Quot capita, tot sensus, sagt das veraltete Sprüchwort sehr richtig.[113]

In seiner vernichtenden Kritik am gesamten Werk Khunraths ließ sich dann unser aufgeklärter Carbonarius, für den offensichtlich Theosophie und Goldmacherei ein und dasselbe war, zu einem literarischen Höhenflug verleiten, der sich wie folgt liest:

Seine theosophischen und alchemistischen Schriften sind über alle menschliche Vernunft erhaben, und wahrlich unverständlicher als Jakob Böhmens Wahnsinn. Er schrieb sie in der tiefsten verstandlosesten Begeisterung nieder, und ich glaube schwerlich, daß sie Engel und Erzengel, Dämonen und Sylphen, Gnomen und Kobolde verstehen würden, wenn man sie ihnen zur Einsicht und Beurtheilung vorlegen wollte. Alles ist da dunkel und rätselhaft, alles in dicke mitternächtliche Finsternis eingehüllet; kein matter Lichtstrahl schimmert in unser düsternes Auge, kein freundlicher Jrrwitz wandelt da in nächtlicher Einsamkeit, und beleuchtet mit salben Schwefelfeuer unsre irrenden Füsse. Berglichter halten es nicht aus, sie verlöschen, sobald man diese trüben melancholischen Gegenden, wo ewiger Todenschlummer herrscht, betritt. – Fliehe diese gefährlichen Abwege, lieber guter Wandrer! fliehe sie, wenn dir noch dein Leben, wenn dir dein guter gesunder Menschenverstand theuer und schätzbar ist! Jch warne dich als Freund, folge meinem freundschaftlichen Wink, sonst – bange Ahndung bebt in meine Seele auf – wird dein Verstand ohne Rettung an schneidenden Klippen scheitern, dein Bewußtseyn wird plötzlich schwinden, gleich als ob du ewigen und unerforschlichen Geheimnissen nachspähetest. – Jch will dir hier diese gefahrvollen Klippen und Abwege in der Ferne zeigen – Meide sie, so gut du kannst.[114]

Bei der chronologischen Aufzählung der angeblichen Beherrscher der Goldmacherkunst gerät der „Dr. Heinrich Khunrath, mehr Theosoph als Weisensteinsforscher“ noch einmal ins Visier des Carbonarius:

Die Dunkelheit seiner Schriften, vorzüglich des magischen Amphitheaters, kann nicht mit Worten beschrieben werden, sie übersteigt alle menschliche Denk- und Fassungskraft. Jacob Böhmens, Aegidius Gutmanns, Abrahams von Franckenberg, Quirin Kuhlmanns und andrer Theosophen und Mystiker philosophische Werke, sind gleichsam nur mit undurchsichtigen Nebel verhüllet, aber Khunraths, – in dicke, undurchdringliche mitternächtige Finsternis eingehüllet, oder, wenn man lieber will, in donnerschwangere Wolken eingeschlossen. Wer sich nicht durch Erlernung magischer, theosophischer und kabalistischer Geheimnisse, auf ihre Lektüre vorbereitet, ist in Gefahr, – seines Verstandes verlustig zu werden. – Jch wasche meine Hände in Unschuld, wenn meine Warnungen fruchtlos seyn sollten, und verweise alle ungeweihte Leser wohlmeynend auf den 36. Abschnitt [über Khunrath] zurück.[115]

Die „rabies philosophica“ des Carbonarius besonders Khunrath gegenüber lässt sich vielleicht damit erklären, dass ausgerechnet zu dieser Zeit eine Khunrath-Renaissance angebrochen war, wie Carbonarius selbst bei der Besprechung der übrigen Werke Khunraths zugeben musste:

Diese und die folgenden Schriften hat ein uns unbekannter Theosoph und Weisensteinforscher in Ad. Fr. Böhmens Verlag zu Leipzig; zu Nutz und Frommen aller Kunstverwandten, die nicht nach dem gemeinen Schlag arbeiten, wieder auflegen lassen. Er verdient ihren wärmsten Dank, wenn nur aber auch die guten Leute das, was sie lesen, verständen, wenn sie nur die geheimnisvollesten Räthsel entziffern, und Khunraths unerforschlichen Ideengang erreichen könnten![116]

Der von Carbonarius erwähnte und ihm unbekannt gebliebene Herausgeber im Verlag des Adam Friedrich Böhme war der „Schreib- und Rechenmeister der Universität zu Leipzig“ Johann Christoph Lenz aus Schleusingen, der zwischen 1782 und 1786 und unter dem Namenskürzel I.Y.R. vier der wichtigsten Schriften Khunraths neu herausgegeben hatte. Das Kürzel I.Y.R. stand für das Kryptogramm „Jetunn Ytlikhmet Ronb“, unter welchem Lenz 1780 je eine Ausgabe von Bernardus Trevirensis und Nicolas Flammell in Hildesheim hatte erscheinen lassen.[117]

Lenz hatte 1782 als ersten Nachdruck Khunraths das De igne magorum mit einer begeisterten Vorrede herausgegeben, in der unter anderem die deutschen Verleger zur Finanzierung einer neuen Ausgabe in deutscher Übersetzung des Amphitheatrum Sapientiae aeternae aufgefordert wurden:

Es wäre also zu wünschen, daß ein Buchhändler ein Exemplar (von Khunraths Amphitheatrum) aufkaufen, auf Pränumeration die Figuren abstechen, und den Text in einer deutschen Uebersetzung abdrucken liesse, damit es wieder in die Hände der hermetischen Schüler um einen billigern, als itzigen hohen Auctionspreiß kommen könnte. Wie bald wäre dieser Vorschlag nicht ins Werk gerichtet, wenn eine hinlängliche Anzahl Liebhaber einen Verleger dazu aufforderten.[118]

Für den darauffolgenden Nachdruck ein Jahr später, Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor, verfertigte Lenz dann ein vorzügliches Schriftenverzeichnis Khunraths mit bibliographischen Angaben und dem Hinweis auf etwaige Manuskripte.[119] Im folgenden Jahr 1784 gab Lenz auch die Magnesia Catholica Philosophorum von Khunrath heraus, diesmal mit Ausführungen über seine editorische Methode, „die lateinisch deutsche Schreibart des Verfassers“ zu verbessern, ohne jedoch den Text zu verfälschen.[120] Fraglich bleibt indes, ob auch das 1786 beim selben Verlag erschienene und von „den deutschen Sprachfelern gesäuberte“ Alchymisch philosophisches Bekenntnis vom universellen Chaos der naturgemässen Alchymie vom gleichen Herausgeber Johann Christoph Lenz besorgt wurde.[121]

Schon in der Vorrede zu seiner Ausgabe des De igne magorum stellt Lenz Khunrath als einen „der größten Hermetischen Philosophen“ dar, dessen Schriften für allzu viele „verborgene Liebhaber der Hermetik“ schwer zugänglich seien. Und dies nicht allein wegen der höchsten Seltenheit seiner Schriften, sondern vielmehr aufgrund der „darinnen herrschenden verworrenen Schreibart“ und der „vielen Einschaltungen und heutiges Tages ganz ungewöhnlichen Randglossen“, die sich als Hindernis erwiesen, „um den Sinn“ in dem ihm gebührenden „größern Lichte herzustellen“.

Welcher Verleger würde wohl heutiges Tages so confuses Deutsch als in den Khunrathischen Schriften ist, abdrucken lassen? […] Ueberhaupt wäre meines Erachtens eine Sprachverbesserung auch bey vielen andern Rosenkreutzerschriften höchstnothwendig, und zu wünschen, daß alle, die dergleichen alte Traktate, wovon ich sogar einige Fictuldische nicht ausnehmen kann, wieder sollten auflegen lassen, vorher einen wahren Kenner derselben um Rath fragten, oder ihm wenigsten eine Vergleichung mit andern Ausgaben auftrügen, damit einmal das Alberne und Abgeschmackte, das vielen zum Gelächter ist, aus dieser Art Schriften verbannet würde; denn Hans Sachsens und Frosch[m]äuslers Zeiten sind längst vorbey, wiewohl in diesem manchmal bessere Redensarten anzutreffen sind, als in alten deutschen alchymistischen Traktaten.[122]

Bei seiner Darstellung von Khunraths Biographie in der Vorrede zum Bericht vom philosophischen Athanor stützt sich Lenz vornehmlich auf Arnold und Fictuld und geht dann gleich zum Werkverzeichnis über, wo er nur bei den wichtigsten Schriften Exkurse einschiebt. So kommt er bei der Besprechung der äußerst seltenen Ausgaben vom Athanor-Bericht, den er für ein ausgezeichnetes Buch für fortgeschrittene Rosenkreuzer hält, auf das Problem von Khunraths Sprache zurück:

So oft er in Auctionen vorkam, wurde er mit 6 bis 8 Thalern bezahlt. Es wird daher denen vom goldnen Geschlecht und ihren Schülern ein großer Gefallen seyn, daß sie einen neuen, umgearbeiteten, unverfälschten Abdruck in die Hände bekommen. So hoch auch seine Schriften von allen Liebhabern geschätzt werden, so unangenehm und widrig lassen sich die lesen, so er in deutscher Sprache geschrieben; denn bald stehen lateinische, bald deutsche Worte, bald sind die lateinischen auch zugleich deutsch übersetzt, und beynah alle Seiten mit Randglossen angefüllt, daß der Leser viele Gedult haben, und oft einige Seiten überlesen muß, ehe er den Sinn und die Verbindung finden kann. Ueberdem sind viele deutsche Wörter mit großen lateinischen Lettern gedruckt, wodurch das Auge derer, so kein Latein verstehen, ermühet wird. Jch habe also mit Bedacht und Vorsicht die überflüssigen lateinischen Worte weggelassen, die nöthigen übersetzt, ohne Verletzung des Sinnes andre Unterscheidungszeichen und Redensarten hingesetzt, die vielen Einschaltungen in Anmerkungen verwandelt, und Paragraphen gemacht. Jch weiß zwar wohl, daß in dergleichen Schriften, sogar in manchen Wörtern und Buchstaben, Geheimnisse gesucht werden, ich kann aber die Leser versichern, daß die Schreibart des Verfassers mehr tändelnd, weitläuftig und offenherzig ist, als daß er in einzelnen Wörtern und Buchstaben seine Geheimnisse sollte versteckt haben, vielmehr wiederholet er eine Sache zwanzigmal. Jch gebe Jhnen also mein Wort, Sie sollen um kein einziges Geheimniß kommen, denn ich bin mit Vorsicht zu Werke gegangen.[123]

Und als Lenz schließlich zur bibliographischen Besprechung des Amphitheatrum Sapientiae aeternae übergeht, referiert er nicht nur über die verschiedenen (zumeist Phantom-) Ausgaben, die wir schon eingangs besprochen haben, sondern vermittelt seinen Lesern zugleich den Eindruck, den das Buch bei ihm selbst hinterlassen hat:

Dieses Werk, das einige die theosophische Bibel nennen, hat der Verfasser im Jahr 1602 in deutscher Sprache herausgegeben, wie er in der Confession, pag. 423, selber gesagt hat, mit den Worten, daß es von ihm mit Anwendung großer Kosten, Reisen, Zeit und Mühe geschrieben sey. Fictuld klagt, er habe diese deutsche Ausgabe nicht gesehen, und viele andre sagen das nämliche, da sie doch nach eigner Aussage des Verfassers existieren muß. Wie es scheint, hat Fictuld nicht einmal das lateinische Exemplar gesehen, sonst hätte er den Titel vollständiger angegeben, und als vorgeblicher diktatorischer Hauptlehrer den Liebhabern die beste Ausgabe bekannt gemacht. Nur so viel sagt er, daß der Verfasser darinnen gar herrlich von der prima materia, von der praxi, von dem geheimen Feuer, und von den betrügerischen Sophisten schreibe, und weil er so gottselig und lehrreich geschrieben, wäre er von den scholasticis unrecht verstanden, und für einen Enthusiasten ausgerufen worden, wie davon ein mehreres in G. Arnolds K. und K. Historie kann nachgelesen werden. Jch will nur die verschiedenen Ausgaben hersetzen.[124]

Wie wir nun wissen, hat die von Lenz hier erwähnte deutsche Ausgabe 1602 von Khunraths Amphitheatrum überhaupt nicht existiert, aber auch die von Lenz geforderte neue deutsche Ausgabe von Khunraths Amphitheatrum kam damals nicht zustande. Der Grund dafür ist wohl nicht auf die letzten großen Angriffe gegen Khunrath und dessen Werk zurückzuführen (1785 von Carbonarius und 1787 von Adelung), denn diese haben bei den Adepten kaum Wirkung gezeigt, sondern liegt wohl vielmehr darin, dass durch die kostspielige Veröffentlichung der Geheime Figuren der Rosenkreuzer aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert 1786-1788 in Altona wichtige symbolische und graphische Elemente aus dem Amphitheatrum obsolet geworden waren, da diese zum Teil in mehrere Tafeln des Einfältig ABC Büchlein für junge Schüler, wie die Geheime Figuren eigentlich heißen, aufgenommen worden waren.[125]

Die Veröffentlichung der Geheime Figuren zu diesem Zeitpunkt war übrigens zum Teil auch Lenz zu verdanken, denn dieser hatte bereits in dem bibliographischen Anhang zum bekannten Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des Goldenen und Rosenkreutzes […] Nebst einem noch nie im Druck erschienenen vollständigen historisch-kritischen Verzeichniß von 200 Rosenkreutzerschriften, das 1783 bei Böhme in Leipzig erschienen war, die über vierzig schönen Figuren und Sinnbilder des Einfältig ABC Büchlein einzeln beschrieben und dazu noch die Subskriptionseinladung eines Hamburger Verlegers von 1766 nachgedruckt, wodurch das Editionsprojekt wohl erneute Aktualität erlangte.[126]

Lenzens Identität sowohl als anonymer Herausgeber des Missiv wie auch als Verfasser des bis dahin vollständigsten Verzeichnisses rosenkreuzerischer Literatur[127] ergibt sich eindeutig aus dem Vergleich des dort abgedruckten bibliographischen Anhangs mit den von Lenz eigenhändig geschriebenen Bücher- und Handschriftenkatalogen seiner Bibliothek, die sich jetzt in Den Haag befinden.[128] So schrieb Lenz 1781 im Verzeichnis von meinen Alchymistischen und Theosophischen meistentheils überaus seltenen Büchern (Den Haag, BOV, Ms. 240. A. 42) über die erste Ausgabe des Missiv:

Nr. 108: L. Christoph Hellwigs casus et observationes medicinales, anatomicae, chymicae, Anmerkungen von allerhand raren chemischen dingen, in 5 Theilen, Frankfurt und Leipzig 1710 […] Jm 4ten Theil stehet das Missiv an die hocherleuchtete Bruderschaft des Ordens des goldenen und Rosencreützes lux in cruce et crux in luce. Dieses wurde Hellwigen auf der Post zugesendet, worauf ers gleich hier mit eindruken lassen, daß also dieses der erste Abdruck ist.

Ganz ähnlich äußert sich zwei Jahre später der „Ausgeber“ T.Y.R. in seinem Vorbericht über den Verfasser des Missiv:

Er schrieb sie im Jahr 1710 und schickte das Manuskript dem damaligen schreibsüchtigen Stadtphysicus zu Tännstädt in Thüringen, Christoph Hellwig, auf der Post zu, um es abdrucken zu lassen, welches er auch sogleich dem viertel Theil seines Buchs: Casus et Obseruationes medicinales, anatomicae, chymicae, chyrurgicae, physicae, rariores, Frankfurt und Leipzig 1711, vordrucken ließ.[129]

Was das „Verzeichnis der Rosenkreutzerschriften“ am Schluss des Missiv betrifft, wurde dieses nicht nur in ähnlicher Art gestaltet, wie Lenz im Vorwort zu seiner Ausgabe Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor von 1783 mit den Schriften Khunraths verfahren war, sondern die Beschreibungen sowohl der rosenkreuzerischen Drucke wie auch der Manuskripte entsprechen bis auf die Angabe des Preises den Notizen in Lenzens Katalogen von 1781.[130] Selbst die Beschreibung der bis jetzt ältesten Handschrift der Geheime Figuren von 1731, „Mysterium Magnum sive Studium vniversale, MSCt. in Folio“, wurde dem gleichen „Catalogus rarer Manuscriptorum alchymicorum in 4°“ des Teubnerischen Buchladens in Leipzig entnommen (vgl. Missiv, S. 123-124), den Lenz bereits in seinem handschriftlichen Verzeichnis von 1781 als Nr. 576 vermerkt hatte.[131]

Aber zurück zu Khunrath. Den letzten großen Angriff gegen ihn im 18. Jahrhundert führte der Aufklärer, Sprachtheoretiker und Lexikograph Johann Christoph Adelung, der als ausgebildeter Bibliothekar eine relativ gute Bibliographie von Khunraths Schriften verfasste, diesen aber ein für alle Mal als verrückten Pantheisten zu disqualifizieren trachtete:

Was für ein verworrener vnd verrückter Kopf er war, erhellet am besten aus seinem Amphitheatro Sapientiae aeternae solius verae Christiano-Kabbalistico, divino-magico, nec non physico-chymico, tertriuno catholico, seinem wichtigsten, aber auch abenteuerlichen Buche, welches ein kurzer Begriffes ganzen mosaisch-christlichen oder vielmehr kabbalistischen Pantheismus ist, und daher auch bey allen Narren dieser Art in einem vorzüglichen Ansehen stehet.[132]

Und nachdem er über das Amphitheatrum mit schulmeisterlicher Süffisanz herfällt und sich auch über Arndts Interpretation der „abenteuerlichen Kupfer“ abschätzig äußert, versucht Adelung seinen Lesern den Erfolg von Khunrath zu erklären:

Dieses Unsinnes wegen ist er [Khunrath] denn von allen Schwärmern und Schwärmerfreunden von je her für eines der größten Lichter ihrer Zunft gehalten worden. Daß Friedrich Breckling, Quirinus Kuhlmann und andere ähnliche Fantasten ihn mit Lobeserhebungen überschütten, läßt sich schon ohne dieß erwarten; daß auch Johann Arndt und Arnold ihn für einen göttlich erleuchteten Mann halten, läßt sich auch leicht begreifen, indem der letztere erklärter Freund und Verfechter aller Fantasten, der erste aber ein bekannter Mysticker und Theosoph ist; aber das so gar Johann Valentin Andreä ihm eine vorzügliche Weißheit zutraute, könnte eher befremden. Indessen ist gewiß, daß dieser sonst verdiente Mann wenigsten eine Zeitlang mit den theosophischen Schwärmern lief, und immer noch eine geheime Neigung für sie behielt, so sehr er auch von ihrem Unfug in der Folge überzeugt ward. Es ist nichts leichter, als bey dieser Art Menschen den Ruf einer hohen Weisheit und unmittelbaren Erleuchtung zu erlangen […].

Ob Theophrastus Paracelsus, Sebastian Franck, Guillaume Postel, Etienne Dolet, David Joris, Giordano Bruno, Tommaso Campanella, Nicolas Barnaud, Heinrich Khunrath, Johann Arndt, Jacob Böhme, Cornelis Drebbel, Franciscus Mercurius van Helmont, Anna Owena Hoyer, Jan Amos Comenius, Oliger Pauli oder Johann Conrad Dippel, und wie sie alle heißen, – der kirchentreue „Aufklärer“ Adelung macht mit ihnen kurzen Prozess: Er erklärt sie unter anderem für Schwarzkünstler, Schwärmer und philosophische Unholde und weist ihnen lediglich in der Geschichte der menschlichen Narrheit einen Platz zu.

Hingegen erklärt er erstaunlicherweise „alle Nicht-Pantheisten und Nicht-Theosophen“ – das heißt, die orthodoxen Gegner der oben genannten Dissidenten – allesamt für Vorkämpfer der menschlichen Vernunft.[133]

Viel nüchterner als Adelung urteilt zehn Jahre später der große Chemiker und Naturwissenschaftler Johann Friedrich Gmelin, als er dem Amphitheatrum Khunraths zu Recht keinen Platz in der Geschichte der Chemie zuweist, sondern feststellt: „nur sein wahrhafter Bericht von dem Philosophischen Athanor und dessen Gebrauch und Nutzen dürfte hier einer Anzeige werth sein, wiewohl er auch diesen Nutzen viel zu hoch angeschlagen hat“.[134]

Aber auch diese von hoher wissenschaftlicher Warte ausgesprochene Anerkennung des Athanor-Berichts vermochte am Schicksal von Khunraths Büchern in seiner Heimat nichts mehr zu ändern, denn zwischen 1788 und 1990 erschien kein einziges seiner Werke, nicht einmal als lithographischer oder photomechanischer Nachdruck, auf dem deutschsprachigen Büchermarkt.

In Russland hingegen erlebte das Hauptwerk Khunraths unmittelbar nach Erscheinen von Arndts Judicium über die vier Figuren des Amphitheatrum in der Zeitschrift Izbrannaja biblioteca (Bd. I, 8, 1786)[135] eine unerwartete Renaissance, von der noch die relativ zahlreichen handschriftlichen Kopien des Amphitheatrum in russischer Sprache Zeugnis ablegen.[136] So schrieb der bekannte Rechtswissenschaftler, hochrangige Staatsbeamte und Freimaurer Wassili S. Arsenieff am 23. Februar 1858 in seinem Tagebuch:

Das Amphitheatrum Khunraths ist das wichtigste Buch, auf dessen 4 Figuren hat J. Arndt seinen Kommentar geschrieben. Der Schwiegervater [Fürst J. A. Dolgorukij (1807-1882)] hat es in Krasnoje auf lateinisch, Dmitrij Ivanovitsch Popov [1793-1863] hat davon eine Übersetzung mit Bildern, Ivan Semionovitsch [Vesselovskij (1795-1867)] hat es auf lateinisch ohne Bilder.[137]

Auch in Frankreich und England verzeichnete das Amphitheatrum Aeternae sapientiae während des ganzen 19. Jahrhunderts besonders in okkultistischen Kreisen (Eliphas Levi, Papus, Stanislas de Guaita, Blawatski, MacGregor Mathers, Arthur Edward Waite) großen Erfolg, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit der vorzüglichen französischen Version des Amphithéâtre de l’éternelle sapience durch Emile-Jules Grillot de Givry (Paris 1900) und dem dazugehörenden phototypischen Nachdruck der Tafel (Paris 1898) einen Höhepunkt erreichte. Denn wie sich der Leser in dem in diesem Band enthaltenen Werkverzeichnis vergewissern kann, gehen sämtliche moderne Nachdrucke auf diese französische Ausgabe der ehemaligen Bibliothèque Chacornac in Paris zurück.

Mit der vorliegenden Ausgabe verfügt der geneigte Leser erstmals über den faksimilierten Text der zwei Originalausgaben von Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae aeternae, mit sämtlichen dazugehörenden kunstvollen Figuren, die auch heute noch viele Rätsel aufgeben. Möge diese Ausgabe die wissenschaftliche Forschung erleichtern.

[1]     Heinrich Khunrath, De igne magorum philosophorumque secreto externo et visibili: Das ist: Philosophische Erklährung / von / vnd vber dem geheymen / eusserlichen / sichtbaren / Gludt und Flammenfewer der vhralten Magorum oder Weysen / vnd andern wahren Philosophen, hrsg. von Benedictus Figulus, Straßburg, Lazarus Zetzner, 1608, S. 125-126.
[2]     Heinrich Khunrath, De igne magorvm philosophorumque secreto externo et visibili, das ist, Philosophische Erklärung des geheimen, äußerlichen, sichtbaren, Glut-Flammenfeuers der uralten Weisen und andrer wahren Philosophen. Nebst Johann Arndts philosophisch-kabalistischen Judicio über die vier ersten Figuren des großen Khunrathischen Amphitheaters, hrsg. v. I. Y. R. [Johann Christoph Lenz], Leipzig, Adam Friedrich Böhme, 1783, S. 94-95.
[3]     Heinrich Khunrath, De igne magorvm philosophorumque 1783 (wie Anm. 2), S. 94-95. Für den gleichen Verlag von Adam Friedrich Böhme hat Johann Christoph Lenz unter dem Namenskürzel „T. Y. R“ das Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des Goldenen und Rosenkreutzes. Lux in Cruce et Crux in Luce. Wegen seiner großen Seltenheit und Wichtigkeit mit vier alten Ausgaben verglichen, und mit verschiedenen Lesarten versehen. Nebst einem noch nie im Druck erschienenen vollständigen historisch-kritischen Verzeichniß von 200 Rosenkreutzerschriften vom Jahre 1614 bis 1783. Als ein Beytrag zum Fictuldischen Probierstein, Leipzig, Adam Friedrich Böhme, 1783, herausgegeben. Zur Identität des Herausgebers vgl. Anm. 117, 127; zum Fictuldischen Probierstein vgl. Anm. 108, 109.
[4]     Johann Moller, Cimbria literaria, sive, Scriptorum ducatus utriusque Slevicensis et Holsatici, quibus et alii vicini quidam accessentur, historia literaria tripartita, cujus Tomus I. comprehendit scriptores universos indigenas […] Tomus II: Adoptivos sive exteros, in Ducatu utroque Slevicensi et Holsatico vel officiis functos vel diutius commoratos, complectens […] Tomus III: exhibet quadraginta sex insigniorum Scriptorum […] historias multo longiores, Havniae, Fried. Kisel, Orphanotrophii Regii typographi, Bd. II, 1744, S. 440-441.
[5]     Nicht bei Johann Moller erwähnt waren die zwei Phantom-Ausgaben von Khunraths „Opera, Hamburg 1605, in 4. Germanice“ und „Ejusdem volumen secundum, Hamburg 1619, in 4. Germanice“, die Pierre Borel, Bibliotheca Chymica, Paris, Du Mesnil, 1654, S. 124, verzeichnete. Das Jahr 1619 taucht aber wieder auf in der oben erwähnten Einleitung von I. Y. R. [Johann Christoph Lenz] zum Nachdruck des De igne magorvm philosophorumque 1783 (wie Anm. 2), und ebenfalls in der Einleitung desselben I. Y. R. zum Neudruck von Khunraths Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor und dessen Gebrauch und Nutzen, von Heinrich Khunrath, beyder Arzneygelahrheit Doktor, und treuen Liebhaber göttlicher Weisheit. Wegen seiner uberaus großen Seltenheit nach der dritten im Jahr 1615 zu Magdeburg im Verlag des Verfassers gedruckten Ausgabe aufs neue von den deutschen Sprachfehlern ohne Verletzung des Sinnes gesäubert, und mit einem historischen Vorberichte von seinen sämmtlichen Schriften, nebst dem in Kupfer gestochenen Athanor auf Begehren herausgegeben, Leipzig, Adam Friedrich Böhme, 1783, S. 14: „Hanoviae, excudebat Guilielmus Antonius, 1619, in Folio“, woraus dann Papus und Marc Haven eine „erste vollständige“ Ausgabe des Amphitheatrum „mit den zwölf Tafeln“ konstruierten, vgl. Papus [Gérard Anaclet Vincent Encausse] und Marc Haven [Emmanuel Lalande], La Clef mystérieuse de la Sagesse éternelle chrétienne et kabbalistique, divine et magique, universelle Tri-Unité établie par Henri Khunrath, Paris, Ficker, 1906 (Nachdruck u. d. T. Amphithéâtre de la Sagesse Éternelle, Lyon, Derain, 1957, S. [3]). Bei der Ausgabe „Hanover 1609“, die Ursula Szulakowska, The Alchemy of Light, Leiden, Brill, 2000, S. 85, 103, 113, immer wieder zitiert, handelt es sich nicht um eine Phantomausgabe, sondern vielmehr um eine Erfindung der Verfasserin, die „Hanoviae“ als Hannover übersetzt haben will mit der merkwürdigen Begründung, dass Hannover, „as the name is usually translated“ [sic], auch von Gottfried Arnold („since he was closer in time to the facts“) als der eigentliche Druckort anerkannt worden sei. Was aber überhaupt nicht stimmt: In seinem Kapitel über Khunrath in der Kirchen- und Ketzer-Historie (Schaffhausen 1740-1742, Bd. 3, wie Anm. 72) hat Arnold richtig „Hanoviae 1609“ geschrieben. Übrigens hat Wilhelm Antonius zwischen 1593 und 1611 in Hanau gedruckt, während in Hannover, laut einem Kenner wie Josef Benzing, zwischen 1550 und 1643 keine einzige Druckerei existiert hat. Aber auch Allen G. Debus (The Chemical Philosophy, New York, 1977, 2002, S. 67; Chemists, Physicians, and Changing Perspective, in: „Isis“, 89 (1998), S. 72) schreibt stets „Hanover, Gulielmus Antonius, 1609“. Auch Philip Beitchman, Alchemy of the Word. Cabala of the Renaissance, Albany, State University of New York Press, 1998, meldet eine Ausgabe von „Hanover 1609“ und erfindet dazu noch eine englische Übersetzung von Khunraths Amphitheatrum: „ Amp[h]itheatre of the Only True Eternal Wisdom, of Christian, Cabalistic, Divine Magic, London 1609; Hanover 1609 (in Latin)“. Die neueste erfundene Ausgabe „Magdeburg, Francke, 1615, mit 180 S.“ ist Volker Fritz Brüning, Bibliographie der alchemistischen Literatur, Bd. 1: Die alchemistischen Druckwerke von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis zum Jahre 1690, München, K. G. Saur, 2004, S. 107, zu verdanken, der dazu noch eine Ausgabe „1602“ mit vollem Titel beschreibt, ebd., S. 127. Da Brüning übrigens zwischen Titelausgaben und Neudrucken überhaupt nicht unterscheidet, hat er außerdem die Zahl der Amphitheatrum-Drucke (von 1609) verfünffacht (vgl. ebd., Nr. 772, 950, 951, 1841, 1842 und 1843). Auch die von ihm vorgenommene Unterscheidung zwischen einer „Variante A (ohne Eule)“ für „Hanau 1609“ und einer „Variante B (mit Eule)“ für „Magdeburg 1608“ erweist sich schon bei der Autopsie von ganz wenigen Exemplaren als völlig unhaltbar.
[6]     Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde in ihrem ganzen Umfange. Ein Lesebuch für Alchemisten, Theosophen und Weisensteinsforscher, Leipzig, Christian Gottlob Hilscher, 1785, S. 292-294; Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit, oder Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner, Zeichen- und Liniendeuter, Schwärmer, Wahrsager und anderer philosophischer Unholden, Fünfter Theil, Leipzig, Weygandsche Buchhandlung, 1787, S. 91-105, zit. 102; Johann Friedrich Gmelin, Geschichte der Chemie seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften bis an das Ende des achtzehenden Jahrhunderts, Bd. 1, Göttingen, J. G. Rosenbusch, 1797, S. 287 (mit zwei neuen Phantomausgaben „Magdeburg 1588“ und „Frankfurt a. M. 1613“); John Ferguson, Bibliotheca chemica. A catalogue of the alchemical, chemical and pharmaceutical books in the collection of the late James Young of Kelly and Durris, 2 Bde., Glasgow, J. Maclehose & Sons, 1906, Bd. 1, S. 463-464; Denis L. Duveen, Notes on some Alchemical Books (Bd. 1: Khunrath’s „Amphitheatrum Sapientiae Solius Verae“), in: „The Library“, 5th Series, 1 (1947), S. 56-59; Umberto Eco, Lo strano caso della Hanau 1609, in: „L’Esopo“ 40 (1988), S. 9-36. Hier ist nur von den Phantomdrucken die Rede, denn Denis L. Duveen hat zu Recht die Ausgaben von 1595, 1609 und 1653 und Umberto Eco noch exakter diejenigen von 1595 und 1609 (plus Titelausgaben 1608 und 1653) für die einzigen real existierenden Ausgaben des Amphitheatrum erklärt.
[7]     Johann Vogt, Catalogus historico-criticus Librorum rariorum jam curis tertiis recognitus, Hamburg, Ch. Herold, 1747, S. 380. In den zwei ersten Ausgaben von Vogts Catalogus, Hamburg 1732 und 1738 kommt das Amphitheatrum Khunraths noch nicht vor; Guillaume-François De Bure, Bibliographie instructive: ou Traité de la connoissance des livres rares et singuliers [II] Volume de la Jurisprudence et des sciences et arts, Paris, De Bure, 1764, S. 246-248. Auch Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit (wie Anm. 6), S.103, gibt am Schluss seiner Aufzählung von Ausgaben des Amphitheatrum zu, dass die Ausgabe Hanau 1609 „vielleicht die einzige wahre ist“.
[8]     Maggs Bros. Antiquariat London: Catalogue 574: „Curiouser and curiouser!“ – cried Alice. A Catalogue of strange books and curious titles, London, Maggs Bros., 1932, S. 62: „[Nr.] 91: „Khunrath (H.). Amphitheatrum Sapientiae aeternae solius verae, Cabalae, Mageiae, Alchemiae, Cabalisticum, Mageicum. Physicochemicum, tertriunum, Catholicon etc. Title, 24 pp. text and 4 large engraved plates of a very extraordinary character coloured by hand. Oblong folio. Original calf binding. [Hamburg], 1595. £ 25. This is the original privately issued of Khunrath’s occult, cabalistic work, of wich the first published edition was printed in 1609. It is of extreme rarity, and not recorded by Caillet or Ferguson“; vgl. dazu Lynn Thorndike, A History of Magic and Experimental Science, Bd. VII, New York, 1958, S. 274. Die erste wissenschaftliche Beschreibung mit Wiedergabe von zwei Figuren erfolgte 1947 durch den Besitzer eines der beiden damals bekannten Exemplare, Denis L. Duveen, Notes on some Alchemical Books (wie Anm. 6), S. 56-59. Das zweite Exemplar befand sich im Besitz des Nobelpreisträgers für Chemie, Tadeus Reichstein, in Basel, der es 1955 der Universitätsbibliothek schenkte. Der Historiker und leidenschaftliche Sammler kabbalistischer Literatur, Gershom Scholem, hat in einem Brief an Walter Pagel vom 18. Dezember 1962 außerordentlich bedauert, dieses Exemplar von Tadeus Reichstein nicht bekommen zu haben: „Neulich hatte ich Besuch von einem Herrn, der mein Herz durch die Mitteilung brach, er hätte kurz bevor er mich kennenlernte ein Exemplar des unbekannten Erstdrucks von Khunradhs Amphitheatrum Eternae Sapientiae, das er mir sonst natürlich geschenkt hätte, der Basler Bibliothek, die es nur unter Widerstreben überhaupt annahm, zum Geschenk gemacht. So etwas muß mir passieren!“, vgl. Cis van Heertum, ‚Schöne Buch-Stunden‘: The correspondence between Walter Pagel and Gershom Scholem, in: Boek & Letter. Boekwetenschappelijke bijdragen ter gelegenheid van het afscheid van prof. dr. Frans A. Janssen, hrsg. v. Jos Biemans, Lisa Kuitert und Piet Verkruijsse, Amsterdam, De Buitenkant, 2004, S. 611-644, hier 631.
[9]     Umberto Eco, L’énigme de la Hanau 1609. Enquête bio-bibliographique sur „l’Amphithéâtre de l’Eternelle Sapience“ de Heinrich Khunrath, suivie des 12 planches de l’Amphitheatrum, Paris, Bailly, 1990.
[10]   Zur Biographie Khunraths, außer den bereits Zitierten: Arnold, Moller, Adelung, Ferguson, Duveen und Eco, vgl. Hans Kangro, „Khunrath, Heinrich“, in: Dictionary of Scientific Biography, hrsg. v. Charles Coulston Gillespie, Bd. VII, New York, Scribner, 1973, S. 354-355; Joachim Telle, Khunraths Amphitheatrum – ein frühes Zeugnis der physikotheologischen Literatur, in: Bibliotheca Palatina. Katalog zur Ausstellung [der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Bibliotheca Apostolica Vaticana] vom 8. Juli bis 2. November 1986, Textband, hrsg. v. Elmar Mittler, Heidelberg, Braus, 1986, S. 346-347; ders., „Khunrath, Conrad, Heinrich, auch Ricenus Thrasibulus“, in: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, hrsg. v. Walther Killy, Bde. 1-15, Gütersloh, Bertelsmann, 1988-1993, Bd. 6, S. 317-318; ders., „Khunrath, Heinrich“, in: Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, hrsg. v. Claus Priesner und Karin Figala, München, Beck, 1998, S. 194-196; ders, „Khunrath, Heinrich (Ps.: Ricenus Thrasilabus)“, in: Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, hrsg. v. Wouter Hanegraaff in Zusammenarbeit mit Antoine Faivre, Roelof van den Broek und Jean-Pierre Brach, Leiden, Brill, 2005, Bd. 2., S. 662-663; Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar. Untersuchungen zu vier ausgewählten Kupferstichen aus Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae Solius Verae (Hanau 1609), Ammersbek bei Hamburg, Verlag an der Lottbek, 1991, S. 28; vgl. zuletzt auch Oliver Humberg, Der Alchemist Conrad Khunrath. Texte – Dokumente – Studien, Elberfeld, Humberg (Quellen und Forschungen zur Alchemie), 2006, bes. S. 40-43, wo zum ersten Mal die Verwandtschaft zwischen Heinrich und [seinem älteren Bruder] Conrad Khunrath (1555-1614) dokumentarisch belegt wurde. Khunraths Vater hiess Sebastian Conrad oder Kunrat und erwarb 1555 als „Kaufgesell“ das Leipziger Bürgerrecht; die Mutter hiess Anna Meier und war Tochter des Schusters Wilhelm Meier, vgl. ebd., S. 12.
[11]   Zu einem weiteren Aufenthalt Khunraths 1601 in Berlin vgl. Khunraths autographen Brief an Graf Albrecht VII. von Schwarzburg-Rudolstadt (Thüringen) vom 10. März 1601 aus Berlin (wie Anm. 17).
[12]   James Orchard Halliwell, The Private Diary of Dr. John Dee, and the Catalogue of his library of manuscripts, from the Original manuscripts in the Ashmolean Museum at Oxford, and Trinity College Library, Cambridge, London, J. B. Nichols, 1842, S. 31; Robert J. W. Evans, The making of the Habsburg monarchy, 1550-1700. An Interpretation, Oxford, Clarendon, 1979, S. 213-214; Deborah E. Harkness, John Dee’s Conversations with Angels. Cabala, Alchemy and the End of Nature, Cambridge, Cambridge Univ. Press, 1999, S. 54.
[13]   Elias Ashmole, Theatrum chemicvm britannicum, London 1653 (Nachdruck mit einem Vorwort von Conrad Hermann Josten, Hildesheim, Olms, 1968), S. 483; Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar (wie Anm. 10), S. 30, wo aber Bremen mit Kassel verwechselt wird.
[14]   Václav Březan, Poledsní Rožmberkové, hrsg. v. J. Dostál, Praha 1941, S. 165-166; Robert J. W. Evans, Rudolf II and His World. A Study in Intellectual History 1576-1612, Oxford, Clarendon, 1973, S. 213-215; Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar (wie Anm. 10), S. 29.
[15]   Heinrich Khunrath, Von Hylealischen, Das ist / Pri-Materialischen Catholischen oder Algemejnem Natürljchen Chaos. Der Naturgemessen Alchymiae vnd Alchymisten; Widerholete / vernewerte und woluermehrete Naturgemeß-Alchymisch vnd Rechtlehrende Philosophische Confessio oder Bekentnus, Magdeburg 1597, S. 424; ders., De igne magorum philosophorumque 1608 (wie Anm. 1), S. 125. Für die Bibliographie des Druckers Jacob Lucius d. J. vgl. die Webseite von Falk J. Lucius, Bibliographie des Druckers Jacobus Lucius d. Ä. und seiner Erben, http://web.archive.org/web/20070927215514/http://www.luciusnet.de/biblio/jacobus.html, wo aber das Amphitheatrum von Khunrath fehlt. In den Jahren 1595-1596 war Lucius mit dem Druck der sogenannten „Hamburger Polyglotte“ von Elias Hutter beschäftigt, in der neben der versio vulgata auch die nova tralatio des Santes Pagnini erscheint, und zwar in der gleichen Weise, wie sie beide auch in Khunraths Amphitheatrum vorkommen.
[16]   Johann Arndt, Das große Geheimniß der Menschenwerdung des ewigen Worts. In einem Sendschreiben an seinen guten Freund Erasmum Wolfartum Notar. Publ. Caes. erkläret […] Jtzo von neuem in reine Teutsche Sprache gebracht um der Einfältigen willen, o. O. 1686, S. 16-18. Zur Echtheit dieses Briefes vgl. Hans Schneider, Johann Arndt als Lutheraner?, in: Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland, hrsg. v. Hans-Christoph Rublack (Schriften für Reformationsgeschichte 197), Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus, 1992, S. 274-298, besonders 282 f.
[17]   Rudolstadt, Thüringisches Staatsarchiv, Sammelakte (Schreiben von Ärzten aus dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts und dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts); Sign. A XVI 4g, Nr. 16. Vier autographe Schreiben Khunraths an Graf Albrecht: Brief Nr. 1, Bl. 212r/v: Berlin, 10. März 1601; Brief Nr. 2, Bl. 194r-195v: Magdeburg, 22. Februar 1603; Brief Nr. 3, Bl. 132r-133v: Gera, Juni 1604; Brief Nr. 4: Bl. 258r-259v: o. O., o. J. VII Bl. 212r/v. (Freundliche Auskunft von Joachim Telle in Heidelberg).
[18]   Indicis Generalis continuatio sexta, in qua continetur designatio librorum, qui nundinis vernalibus Francofurtensibus et Lipsiensibus Anni 1602, vel novi, vel emendatiores aut auctiores prodierunt, Das ist / Continuation vnd Verzeichnis Aller Bücher / so zu Franckfurt in der Fastmeß vnd zu Leipzig im Ostermarckt beydes dieses 1602. Jahres entweder gantz new oder sonsten vorbessert oder auffs newe widerumb aufgelegt / vnd in Hennning Grossens Buchladen zu Leipzig mehrentheils zu finden, [Leipzig], In officina Grossiana, [1602], S. B3r.
[19]   Heinrich Khunrath, De igne magorum philosophorumque 1608 (wie Anm. 1), S. 36-37, 69-70.
[20]   Burkhard Gotthelf Struve, Introdvctio ad notitiam rei litterariae et vsvm bibliothecarum, Jena, Bailliar, 1704, S. 32 (ed. Frankfurt a. M.; Leipzig, J. L. Broener, 1754, S. 390, und Würzburg, J. J. Stahel, 1768, S. 210); vgl. auch die deutsche Rezension von Wilhelm Ernst Tentzel, Curieuse Bibliothec, oder Fortsetzung der Monatlichen Unterredungen einiger guten Freunde von allerhand Büchern und andern annehmlichen Geschichten allen Liebhabern der Curiositäten zur Ergötzlichkeit und Nachsinnen, Frankfurt a. M.; Leipzig, Stock, 1704, S. 425-514 (zit. S. 458); Johann Moller, Cimbria literaria, Bd. 2 (wie Anm. 4), S. 441; Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit (wie Anm. 6), S. 105.
[21]   Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6), S. 297, 690.
[22]   [Jacob Böhme], Psychologia vera I[acobi] B[oemii] T[eutonici] XL Quaestionibus explicata. Et rerum publicarum vero regimine: ac eorum Maiestatico Ivri applicata a Iohanne Angelio Werdenhagen, Amsterdam, J. Janssonius, 1632, S. 550.
[23]   Oranienbaum HStA, Findbuch: Abteilung Köthen, A 17a, Nr. 105: „Korrespondenz Fürst August mit verschiedenen, alchymistischen, medizinischen Inhalts, und dazu gehörige Schriftstücke, 1607-1653“.
[24]   Henning Witte, Diarium biographicum, Quo Eruditorum cujusvis gentis et generis, hujus seculi virorum Vitae et Scripta, juxta anni, mensis et diei emortualis seriem breviter recensentur, Danzig, Martin Hallevorden, 1688, S. D4r: „1605, 9. Septembr. Henricus Khunrath, Germanus, Lipsiensis, Phil. et Med. Doctor, aet. 45. Dresdae“. John Ferguson (wie Anm. 6) nennt Leipzig als Sterbeort, Hans Kangro (wie Anm. 10) bevorzugt Dresden, während Joachim Telle und Ralf Töllner (wie Anm. 10), mangels zeitgenössischer Belege, die Frage offen lassen. Zur angeblichen Todesursache vgl. unten, Anm. 70, den späten Bericht über Khunraths Ableben in einem Brief von Joachim Polemann an Samuel Hartlib.
[25]   Heinrich Khunrath, Amphitheatrum Sapientiae Aeternae, o. O. [Hamburg], o. Dr. [Jacob Lucius d. J.], 1595, S. 1. Auch in Von Hylealischen…Chaos 1597 (wie Anm. 15), S. 181, zitiert Khunrath den gedruckten Text seines Werkes als Prologus: „De quo vide, in Prologo Amphitheatri Sapientiae aeternae, etc. meo, plura“, während die in Kupfer gestochenen Figuren das eigentliche Amphitheatrum darstellen: „Wie in Secunda Amphitheatri Sapientiae aeternae etc. figura, von mir abgemalet vnd beschriben wird“, ebd., S. 210. Zu Jacob Lucius d. J. als Drucker des Amphitheatrum vgl. Anm. 15.
[26]   Die „Annotationes“ bzw. „Interpretationes“ werden hier und im Folgenden stets mit ihren jeweiligen Nummern aus den beiden Ausgaben des Amphitheatrum zitiert (z.B.: annot. 35/205): Die erste Zahl bezieht sich auf den Druck von 1595, die zweite auf die Ausgabe von 1609, in der sich sowohl die Anzahl als auch die Verteilung der „Annotationes“ ändern (vgl. u. S. 126 sowie die Konkordanz in diesem Band). Wird nicht durch einen Schrägstrich, sondern durch Kommatta getrennt, handelt es sich um Nachweise aus ein und derselben Ausgabe, die entsprechend kenntlich gemacht wird.
[27]   François Secret, Kabbale et philosophie hermétique, Amsterdam, Bibliotheca Philosophica Hermetica, 1989, S. 7-31; Magia, alchimia, scienza dal ’400 al ’700: l’influsso di Ermete Trismegisto / Magic, alchemy and science 15th-18th centuries: The influence of Hermes Trismegistus, hrsg. v. Carlos Gilly und Cis van Heertum, (Ausstellungskatalog der) Biblioteca Nazionale Marciana, Venezia; (und der) Bibliotheca Philosophica Hermetica Amsterdam, Firenze, Centro Di, 2002, Bd. 1, S. 277 f., 282, 288 f., 293.
[28]   Heinrich Khunrath, Amphitheatrum Sapientiae Aeternae, Hanau 1609, S. 6 (vers. 5).
[29]   Carlos Gilly, Das Sprichwort „Die Gelehrten die Verkehrten“ oder der Verrat der Intellektuellen im Zeitalter der Glaubensspaltung, in: Forme e destinazione del messagio religioso. Aspetti della propaganda religiosa nel Cinquecento, hrsg. v. Antonio Rotondò (Studi per la storia religiosa del Cinquecento 2), Firenze, Olschki, 1991, S. 229-375.
[30]   Ursula Szulakowska, The Alchemy of Light (wie Anm. 5), S. 139-152, hat dieser Figur („Calumniatores“) ein volles und erfindungsreiches Kapitel gewidmet (Kapitel X: Epicureans, blasphemers, sophists and black-magicians: the persecution of Heinrich Khunrath). Die Autorin stellt die Gruppe von Khunraths Feinden auf der rechten Seite des Bildes als abscheulichen Verbund („monstrous group“) von „Lutheran Theologians“ und „materialistic alchemists, demonic magicians and epicureans atheists“ dar, während sie in der Gruppe auf der linken Seite eine Darstellung des Kampfes des Kurfürsten von Sachsen gegen Philipisten, Calvinisten und andere Dissidenten in „Boehme’s homeland“ erblickt!
[31]   Es sei zudem auf die Dissertation von Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar, von 1991 hingewiesen, der für die vier wohl wichtigsten Figuren („der Stein der Weisen“, „das Oratorium-Laboratorium“, „die Porta Amphitheatri“ und „die alchemische Festung“) eine Analyse geliefert hat. Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar (wie Anm. 10), S. 36-201.
[32]   Dass Khunraths Werk ein Torso geblieben ist, haben selbst manche Gegner konstatiert, so z. B. der Anhaltiner Calvinist Christian Beckmann, der zu einigen ins Leere führenden Verweisen schrieb: „Heinricus Chunr[adus] in Amphitheatri gradu 1., p. 30: ‚Ad veritatem‘, inquit, ‚convertimini et ad Sophiae supercoelestis fontem anhelantes, theosophicè, Christiano-cabalisticè, Divino-magicè et Physico-chemicè, secundum leges atque doctrinam Amphitheatri huius, Orando et Laborando, properate catholicon, triunum, ad libros, inquam, SS. scripturae, naturae, et vosmetipsos poenitentiae methodo regeneratos, Theosophiaeque radio illustratos; illic lactem haurite aethereum, et bibite pro saturitate mentium vestrarum. Huius venas non sophisticè, sed Theosophicè scrutemini: reperietis ibi Sapientiae mineram; et ex hac acquas vivas salientes in veritatem Physicam, Physico-medicam, Physico-chemicam, Physico-magicam, Hyperphysico-Magicam, Ethicam, Politicam, Cabalisticam, Theosophicam, omnem‘. Qualia etiam videntur in aditu Gradus sexti. Sed facta tantis promissionibus digna non apparuerunt. Ipse [Khunrath] enim in vita communi nihil praevidit, nihil legibus Amphitheatri sui ἀνάλογον praestitit: sed et immatura morte praereptus obiit. Quod fatetur Erasmus Wolfart in praefatione Amphitheatri, qui hoc ipsum, ut opus posthumum, edidit in lucem. Etiam idem hic Wolfart, utut Chunrado fuerit intima familiaritate junctus, et ab eodem relicta secretiora (ejus verba refero) habuerit: tamen hoc turbulento dubioque Martis tempore nihil protulit, sive pro se, sive pro aliis, quod hoc Amphitheatrum et Theosophiae studium pollicetur. Nempe quid faciendum, quid secus: quid hic aut illic futurum: quem victoria mansura sit: quem bellorum Germaniae exitum fata spondeant. Idque ex ore Wolfarti sic libere confitentis haustum, bona fide hic refero“, vgl. Christiani Beckmann, Exercitationes theologicae. In quibus De argumentis pro vera Deitate Christi Servatoris nostri Contra Fausti Socini, Valentini Smalcii, Christophori Ostorodi, Johannis Crellii Franci, Vt et De argumentis pro vera humana Natura Christi ejusdem, Contra Mennonem Simonis, Theophrastum Paracelsum, Valentinum Weigelium, Paulum Felgenhauerum et alios huius notae: Necnon De multis aliis […] agitur, Amsterdam, J. Janssonius, 1644, S. 397-398; für weitere Erwähnungen Khunraths vgl. ebd., S. 367, 371, 392, 399, 403, 502.
[33]   Johann Arndt, Ikonographia: Gründtlicher und christlicher Bericht von Bildern, ihrem uhrsprung, rechtem gebrauch und mißbrauch, im alten und newen Testament, Halberstadt, Georg Kote, [1597], S. 32v.
[34]   Johann Arndt, Das große Geheimniß der Menschwerdung des ewigen Worts 1686 (wie Anm. 16), S. 8.
[35]   Vgl. Anm. 16.
[36]   A) Kopenhagen KB, Ms. GKS 1765, Bl. 137r-140r. Ivdicivm vnd kurtzer Bericht vber die 4 figuren des Grossen Amphitheatri hieuorn. [incipit:] „Mein Judicium vnd einfeltig bedencken vber das große hieuor beschriebene Amphitheatrum vnd deßen 4 figuren Jst dises: Das gantz werck […] Also hastu Nun freundlicher lieber Sohn vffs kurzest mein Judicium von dem zuuorn gesetzten Amphitheatro, Auß welchem Bericht vernunftig zu sehen vnd abzunehmen, Ob Ich in disen dingen was verstehe oder nicht. Was von den Magischen Transmutationibus weyter zuuermelden, wie nemblichen die Magi in Egypten Jhre Stäbe zu schlangen gemacht, vnnd wasser zu blut, wie den dergleichen vnausprechliche Transmutationes Jn der Magia stecken vnd geschehen können, vnd vff Magisch weiß verrichtet werden mögen, dauon wird vieleicht, vf ein andere Zeit etwas mehrers hernacher folgen…“; B) Kassel MBLB, 4° Ms. Chem. 44, Bl. 194r-199v. [ohne Titel; incipit:] „Weil aber auch der Herr mein weniges Judicium vnndt bedencken, des großen Amphitheatrum begeren, wolle mich der Herr in diesem weg vernehmen. Das gantze wergk…“; [explicit:] „Vndt also hat der Herr mein Judicium aufs kurzte von dem großen Amphitheatrum. Auß welchem meinen bericht der Herr zuersehen, Ob ich in diesen dingen etwas verstehe oder nicht“ (Am Rande: „Reddi Mansfelt. den 31. Januarii anno 1601 (oder 1607?). Kelbra“); C) Prag Strahov, ms. D F IV 59, Bl. 172v-176v: Cabala Amphitheatrum. [incipit:] „Daß gantz Werck…“; [explicit:] „durch Gebett vnd den heiligen Geist. Diß ist also das Judicium vber das groß Amphitheatrum…“; D) Den Haag VMB, Ms. 240.A.44, S. III-XI. Judicium Philosophi Anonymi über die 4 figuren des großen Amphitheatri Heinrich Khunraths. [incipit:] „Weilen der Herr mein weniges Judicium und bedencken…“; [explicit:] „in Magia stecken und geschen auch die transmutationes auf Magische Weise, und nichts anders. Hiermit den herren dem lieben Gott befehlend“ [Kopie aus dem Druck von 1608]; E) Hamburg SUB, cod. mag. 722, S. [40r-46r], ist eine Abschrift aus der Kopie A. Sämtliche Kopien ohne Nennung des Verfassers, mit Ausnahme des Hamburger Codex E, wo irrtümlich der Kopist des Kopenhagener Manuskripts A für den Verfasser des Judicium gehalten wird: „Johannis Friderici Jungens Gefälletes Judicium über H. Khunraths Amphitheatrum Sapientiae“! Selbst ein intimer Freund von Arndt, Christoph Hirsch, wollte noch Jahrzehnte später den Namen des wirklichen Verfassers nicht verraten: „…und im Buch der Weißheit / nach des Dr. Khunraths Unterricht in seinem Amphitheatro ewiger Weißheit; Dann auch / nach der von einem Mago gründlich geschriebenen Erklärung dieses grossen Amphitheatri“, vgl. [Christoph Hirsch], Gemma Magica oder Magisches Edelgestein / das ist / Eine kurtze Erklärung des Buchs der Natur / nach dessen sieben grösten Blättern / auff welchen beydes die Göttliche und Natürliche Weißheit / durch Gottes Finger hinein geschrieben / zu lesen ist, Amsterdam 1768, S. 10.
[37]   Carlos Gilly, Johann Valentin Andreae. Die Manifeste der Rosenkreuzerbruderschaft 1586-1986, Katalog einer Ausstellung in der Bibliotheca Philosophica Hermetica, Amsterdam 1986, S. 37-40. Vgl. auch S. $$$-$$$, den faksimilierten Text des Iudicium aus dem Erstdruck von 1608 bei Zetzner in Straßburg. Außer in den Nachdrucken des De igne magorum philosophorumque von Straßburg 1700 und Leipzig 1783 wurde das Iudicium, unter dem Namen Arndts, in: Christian Gottlieb König, Wahre Göttliche Hierarchie, oder Grund-Riß des Himmlischen Neuen Jerusalems Dort oben […] Mit einem voran-gesetzten Urtheil des seel. Herrn Johann Arndts, Von der wahren Magia, Cabbala und Theologia, Frankfurt, A. Heinscheit, 1740, Bl. [2]r/v (in leicht verkürzter Form) und in dem Sammelwerk Chymisches Lust-Gärtlein, Ludwigsburg, C. H. Pfotenhauer, 1747, S. 87-96 („D. Joh. Arnds Judicium über Henrici Khunraths Amphitheatrum“), nachgedruckt.
[38]   Zu dieser Schrift Arndts und zur frühen Datierung von deren Entstehung (um 1580 in Basel) vgl. Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), S. 351-398, besonders 358 und 383; vgl. jetzt auch Carlos Gilly, Hermes oder Luther. Der philosophische Hintergrund von Johann Arndts Frühschrift „De antiqua philosophia et divina veterum Magorum Sapientia recuperanda“, in: Frömmigkeit oder Theologie. Johann Arndt und die „Vier Bücher vom wahren Christentum“, hrsg. v. Hans Otte und Hans Schneider, (Studien zur Kirchengeschichte Niedersachsens 40), Göttingen, 2007, S. 163-199.
[39]   Justus Groscurd, Angelus apocalypticus, Schola enthusiastica et Scriptura coeli. Das ist, Drey wundertolle Fastnachts Auffzüge deß newen Schwermers Pauli Nagelii Lipsensis, Braunschweig, A. Duncker, 1622, S. 33-34. Als lutherischer Superintendent in Göttingen war Groscurd der nächste Gegenspieler von Arndt, doch erst nach dessen Tod 1621, denunzierte Groscurd seinen Kollegen in Celle als Verfasser dieser gefährlichen Schrift mit den Worten: „Sonst mausete vor Jahren auch ein latinum scriptum im Lande herumb, de antiqua philosophia et divina veterum Magorum sapientia recuperanda deque vanitate scientiarum et artium huius seculi, und solte ja dessen Auctor sein I[ohann] A[rndt] jetzo zu C[elle], wie [der bekannte Alchemiker in Altenstein] Nicolaus de Solea für gab, und ward in demselben gäntzlich für nichtig erkandt, das man sich also in den Büchern zu bleuhet und martert. Die Wort lauteten also: ‚Quisquis es, quem exercent hodie Theologicae et Philosophicae controversiae, et quicumque flagras amore verarum artium, nihil est, quod modo hunc, modo illum librum evolvis, ut nempe inscitiae remedium et litium compositionem invenias. Nunquam inventurus, inquam, quod laboriosa et anxia mente quaeris, nisi saepositis, relictis, repudiatis papyreis libris, qui non ex spiritu sancto, sed ex spiritu mundi originem traxerunt, quorum sunt hodie magna pars librorum Theologicorum‘. Es ward auch im selben scripto das studium linguarum nicht wenig vernichtet. Denn unter andern ward darin eine solche interrogatio angestellet: ‚Quorsum igitur te tot linguarum subtilitatibus innectis, cum non opus illis habeas ad librum seu verbi divini, seu naturae intelligendum?‘ […] Würde nun aber hie Jemand fragen, woher denn diß alles zunehmen und zu lernen sey, so remittirte unß solches scriptum ad alloquium divinum, zu Gottes zu- und Einspruch. Die Wort lauteten hievon also: ‚Esse itaque alium fontem verae sapientiae et verarum artium […] Hac ratione divinitus erudiuntur, creantur, inaugurantur, confirmantur sinceri Doctores mystici, salutares Medici, iustitiae sacerdotes incorrupti et praeclari Theophilosophi‘.“
[40]   Oswald Croll, Basilica Chymica continens Philosophicam propria laborum experientia confirmatam descriptionem et usum remediorum Chymicorum Selectissimorum e Lumine Gratiae et Naturae desumptorum, Frankfurt a. M., Claude de Marne und Erben des Johann Aubry [aber gedruckt in Hanau, in der Officina Wecheliana], 1609, S. 3-110. Crolls „Praefatio Admonitoria“ galt während des ganzen 17. Jahrhunderts als die beste Einführung in die Gedankenwelt des Paracelsus. Von der Basilica Chymica erschienen mehrere lateinische, aber auch deutsche, französische und englische Ausgaben, vgl. Oswaldus Crollius, De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio princeps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623), hrsg. und eingeleitet v. Wilhelm Kühlmann und Joachim Telle (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit 5), Stuttgart, 1996, S. 9-12, 254-274; James R. Partington, A History of Chemistry, Bd. 2, London, Macmillan, 1961, S. 175. Noch Diderot bezeichnete Croll als den Mann, der die Lehre des Paracelsus zu einem System reduzierte („Oswald Crollius reduisit le paracelsisme en Système“) und in seinem langen Artikel über Paracelsus und die Theosophen machte er nichts anderes als die Praefatio Crolls zu excerpieren, ohne ihn weiter zu nennen, vgl. Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Bd. 16, Paris, Briasson, 1765, S. 255-258.
[41]   Oswald Croll, Basilica Chymica 1609 (wie Anm. 40), S. 65-66; ders., Basilica Chymica oder Alchÿmistisch Königlich Kleÿnod, Frankfurt a. M., G. Tampach, 1629, S. 71-72; 335-446. S. 335-406, zit. S. 340, 349-350; Oswaldus Crollius, De signaturis internis rerum (wie Anm. 40), S. 8.
[42]   Andreas Libavius, Commentariorum Alchymiae pars prima, in: ders., Alchymia recognita, emendata, et aucta, Frankfurt a. M., Johann Saurius für Kopff, 1606, S. Aa3v. Khunrath wird hier nicht ausdrücklich genannt, aber auf S. 13 wird er von Libavius unter den noch lebenden Paracelsisten („uti putamus“) als „Thrasybulus“ aufgeführt. Dieses Werk des Libavius ist im Internet zugänglich (http://www.bium.univ-paris5.fr/histmed/medica/alchimie.htm).
[43]   Andreas Libavius, Examen Philosophiae novae, quae veteri abrogandae opponitur. In quo agitur de modo discendi nouo: De veterum autoritate. De Magia Paracelsi ex Crollio. De Philosophia viuente ex Seuerino per Johannem Hartmannum. De Philosophia harmonica magica Fraternitatis de Rosea Cruce, Frankfurt a. M., [N. Hoffmann ] sumptibus Petri Kopffii, 1615, S. 62.
[44]   Carlos Gilly, Zwischen Erfahrung und Spekulation. Theodor Zwinger und die religiöse und kulturelle Krise seiner Zeit, in: „Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde“ 77 (1977), S. 57-137; 79 (1979), S. 125-223, zit. (1979), S. 174-176, 220-221; ders., ,Theodor Zwingers’s Theatrum humanae vitae: from natural Anthropology to a Novum Organum of sciences‘, in: Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), S. 399-415; zu Zwinger vgl. jetzt auch Corpus Paracelsisticum, Bd. II: Dokumente frühneuzeitlicher Naturphilosophie in Deutschland. Der Frühparacelsismus: Zweiter Teil, hrsg. und erläutert v. Wilhelm Kühlmann und Joachim Telle, Tübingen, Niemeyer, 2004, S. 745-822.
[45]   Andreas Libavius, Variarum controversiarum, earumque etiam subtiliorum, inter nostri temporis philosophos et medicos, peripateticos, ramaeos, Hippocraticos, Paracelsicos etc. in scholis, et aliàs à sophistis agitatarum libri duo schediastici, Frankfurt a. M., P. Kopff, 1600, S. 298.
[46]   Andreas Libavius, Examen Philosophiae novae 1615 (wie Anm. 43), S. 6; Carlos Gilly, Zwischen Erfahrung und Spekulation (wie Anm. 44), S. 66-67; zu Libavius vgl. auch den Aufsatz The ‚fifth column’ within Hermetism: Andreas Libavius, in: Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), S. 399-415; für eine positive Bewertung von Libavius als Wissenschaftler vgl. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Andreas Libavius im Lichte der Geschichte der Chemie. Zur kritischen Einordnung des Coburger Universalgelehrten, in: „Jahrbuch der Coburger Landestiftung“ 17 (1972), S. 205-230; Ludwig Schnurrer, ‚Andreas Libavius (ca. 1558-1616)‘, in: „Fränkische Lebensbilder“ NF 15 (1993), S. 85-106, und besonders Bruce T. Moran, Andreas Libavius and the Transformation of Alchemy. Separating Chemical Cultures with Polemical Fire, Sagamore Beach, 2007.
[47]   Libavius hat wohl als erster die Identität des pseudonymen „Ricenus Thrasybulus“ mit Khunrath festgestellt (vgl. Anm. 42). Ihm folgten dann 1617 Johannes Franke, Discursus de Chemicorum quorundam non modo Nova Medicina et medendi ratione: sed etiam Nova Philosophia et Theologia: Addita consideratione Famae Fraternitatis Roseae coronae vel crucis, cum annexo fragmento Epistolae et Orationis de Theophrasto Paracelso, Bautzen, N. Zipser, [1617], S. 19, und Melchior Goldast in seinem posthum erschienenen Rechtliches Bedencken / von Confiscation der Zauberer und Hexen-Güther, Bremen, Wessel, 1661, S. 55: „Ricenus Thrasibulus, oder Henric Khunrath in Trewhertziger Warnungs-Vermahnung […].“ Nicht mit Khunrath zu tun, hat hingegen die Bemerkung von David Herlicius in seinem Prognosticon Astronomicum, Oder Grosse Practica auff das Jahr M.DC.XVI, Stettin [1615], S. H2r, in dem er, für den Fall eines drohenden Kriegs, gegen die etwaigen Ratschlägen dreier fingierten Personen, „Herr Thrasybulus Kühnrath“, „Polybulus Vielrath“ und „Autobulus Eigenrath“ zugunsten einer vierten Stellung nimmt: „Wo diese drey Personen im Kriege Bestellung weg bleiben / da wird Fridericus Friedenrath das Regiment behalten / vnd im Friede die Länder vnd Städte erhalten“.
[48]   Andreas Libavius, Analysis Confessionis Fraternitatis de Rosea Cruce pro admonitione et instructione eorum, qui, quid iudicandum sit de ista noua factione, scire cupiunt, Frankfurt a. M., [N. Hoffmann für] P. Kopff, 1615, S. 1-28.
[49]   Johannes Franke, De arte chemica eiusqve cultoribus. Epistolae Tres, Bautzen, N. Zipser, 1607, S. A2r: „Cum ante annos triginta sex Argentorati Philosophiae et Medicae arti operam darem, cum D. Michaele Toxite, Chemicae artis perito, familiariter sum conversatus. Deinde etiam ad D. Adamum à Bodenstein, quem Basileae in hac arte excellere fama erat, me contuli, ut si quid egregii haberent (valdè enim in ea aetate eram curiosus et discendi avidus) expiscarer. Sed utrumque multum pecuniae decoxisse et parum hac arte praestitisse, intellexi“. Vgl. auch Corpus Paracelsisticum, Bd. II: Der Frühparacelsismus, Zweiter Teil (wie Anm. 44), S. 50, 237, 261.
[50]   Johannes Franke, De arte chemica eivsqve cvltoribvs. Epistolae Quatuor, Bautzen, N. Zipser, 1610, S. G2v-G3r: „Equidem anno 1572 Mense Augusto, paulo ante crudelem illam lanienam, Lutetiae Parisiorum vidi et allocutus sum, virum ut doctißimum ita et humanissimum Dominum Guilielmum Postellum, qui propter excellentem doctrinam linguarum cognitionem, et fere per totum orbem terrarum peregrinationes, (de paradoxi ejus in Religione nihil dico. Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit, inqui[t] Seneca) in omnium admiratione fuit, et tunc temporis cruda senectute habuit nigram barbam nigrosque capillos, cum ante annos quindecim (ut a viris fide dignis accepi) capite et barba omnino fuisse canus. Mortuus est (ut scribitur) anno 1581 aetatis centesimo trigesimo […]“. Zur Episode mit dem Farbwechsel von Postels Bart vgl. auch den Bericht von Antoine du Verdier in: Vie et caractère de Guillaume Postel, hrsg. v. Georges Weil und François Secret, Milano, Arché, 1987, S. 142.
[51]   Johannes Franke, De arte chemica eivsqve cvltoribvs 1610 (wie Anm. 50), S. A2r: „Progressu temporis etiam in aliorum quorundam Chemicorum amicitiam, ut pote Ioannis Montani Strigonensis et Leonardi Turneisseri […] me insinuavi“. Vgl. auch Rudolph Zaunick, Johannes Franke (1545-1617), sein Leben und sein Wirken, in: Johannes Franke, „Hortus Lusatiae“ Bautzen 1594, mit einer Biographie neu hrsg. v. Rudolph Zaunick, Kurt Wein und Max Militzer (Oberlausitzer Heimatstudien 18), Bautzen, Isis, 1930, S. 7-86, zit. 23.
[52]   Johannes Franke, Discursus de Chemicorum 1617 (wie Anm. 47), S. 24. Eine zeitgenössische handschriftliche Kopie dieser Briefe aus der Hand von T. Cherler befindet sich in Basel UB, Ms. Frey-Gryn. II 2, S. 18-20.
[53]   Johannes Franke, Discursus de Chemicorum 1617 (wie Anm. 47), S. 17-20.
[54]   Johannes Franke, Discursus de Chemicorum 1617 (wie Anm. 47), S. 36-42: „Sed audiamus ipsum Oporinum, cujus Epistolae fragmentum, nactus sum in urbe Argentinensi ante anno 46 ex bibliotheca cujusdam Medici, una cum eadem Latina Intimatione (ut vocant) impressa, et Basileae publicè affixa, qua studiosos Medicae artis, ad lectiones suas audiendas, invitavit, quam tunc temporis Domino Lucae Battodio amico meo usui dedi, à quo sine dubio Ioannes Huserus eam accepit, et operibus Theophrasti Coloniae [sic] impreßis, adjunxit. Verba autem Oporini, ad Reinerum Solenandrum Doctorem Medicum haec sunt: „Porro quod ad Paracelsum Theophrastum attinet […]“. Es folgt der Brief Oporins an Johann Wierius und Reiner Solenander vom 26. November 1565 mit seinen Erinnerungen aus der Zeit, als er Paracelsus als Famulus begleitete; zu dieser Stelle vgl. Eduard Schubert und Karl Sudhoff, Paracelsus-Forschungen, Zweites Heft. Handschriftliche Dokumente zur Lebensgeschichte Theophrasts von Hohenheim, Frankfurt a. M., Reitz und Koehler, 1889, S. 80; vgl. auch Udo Benzenhöfer, Zum Brief des Johannes Oporinus über Paracelsus. Die bislang älteste bekannte Briefüberlieferung in einer Oratio von Gervasius Marstaller, in: „Sudhoffs Archiv“ 75 (1989), S. 55-63 (dort auch die bisherige Literatur); Carlos Gilly, ‚Theophrastia Sancta‘. Der Paracelsismus als Religion im Streit mit den offiziellen Kirchen, in: Analecta Paracelsica. Studien zum Nachleben Theophrast von Hohenheims im deutschen Kulturgebiet der frühen Neuzeit, hrsg. v. Joachim Telle (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit 4), Stuttgart, F. Steiner, 1994, S. 425-488, zit. 434, Anm. 22.
[55]   Johannes Franke, Discursus de Chemicorum 1617 (wie Anm. 47), S. 31: „Crollius in prolixa sua praefatione, de Philosophia Paracelsi, quam etiam fratres R.C. approbant, scribit: ‚Sine Philosophia pium esse ἀδύνατον nec etiam summè et Christianè in utroque lumine philosophari quis poterit unquam, qui non verè pius sit, et Theologia verum est fundamentum Sapientiae‘. Et fratres R.C. affirmant, se non aliam agnoscere Philosophiam, quam eam, quae aliarum facultatum, artium et scientiarum caput, ac ut nostrum spectemus seculum, Theologiae et Medicinae maxima cognata sit“. Letztere Worte verraten eindeutig den Leser der lateinischen Confessio (Kapitel II) und sind auf keinen Fall aus einer der zwei deutschen Versionen von Kassel oder Frankfurt a. M. 1615 ins Latein rückübersetzt, wie es bei Libavius der Fall war.
[56]   Zu Friedrich Breckling und Quirinus Kuhlmann vgl. Anm. 99 und 100.
[57]   Für einen fiktiven Sekretär der RC-Fraternität von 1622 gehörte Doktor Khunrath, zusammen mit Hermes, Paracelsus und Trithemius, zu den vier Autoren, die man unbedingt lesen musste, um die Botschaft der Rosenkreuzer überhaupt zu verstehen: „In uwen oratorio ende laboratorio sult ghy wercken nae de beschryvinghe Hermetis, Paracelsi, Trithemij, D. Conradi ende anderer Autheuren met de selve eendrachtelijken te samen stemmende“, vgl. das Pamphlet Wat wonder wat nieuws Van een Brief Vande Broederen van Roosen-cruys Aen Vincent van Drielenburch-Uit Franck-voordt 1622, o. O., o. Dr., 1622 (UB Gent, Sammlung I. Meulman, nr. 1553; Faksimile-Abdruck mit moderner Trankription in: Adolph Santing, De historische rosenkruisers, Amsterdam, Schors, [1976], S. 58-65, zit. 64); vgl. auch Govert Snoek, De Rozenkruisers in Nederland, Voornamelijk in de eerste helft van de 17e eeuw. Een inventarisatie, Haarlem, Rozekruis Pers, 2006, S. 465.
[58]   Kopenhagen KB, ms. GKS 1765, Bl. 6v-73v, vgl. Abbildung $$$. Der Name „Ioan Frideric Ivng“ oben links und die Initialen IFI auf dem Einband von zwei der dort abgebildeten Bücher belegen wohl die Identität der abgebildeten Person. Zu Johann Friedrich Jung, auch als Herausgeber des Theatrum Chemicum bei Zetzner, siehe meinen Beitrag ‚On the Genesis of L. Zetzner’s Theatrum Chemicum in Strasbourg‘, in: Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), S. 345 f., 422 f., 433, 456 f. Vgl. auch die Leichenrede mit den Gedichten von Gottfried Baudis und David Schickfuss zu Ehren Jungs, Mem[oriae] Aevit[ernae] V[iri] Clariss[imi] D[omi]n[i]. Joan[nis] Friderici Jungi TriumV[iri]que Monet[arii] Argent[inensis] S[acrae] Aerae Exequiales: Ob[iit] Arg[entorati] postrid[ie] Non[is] Sept[embris A[nno] Ep[ochae] Ch[risti] MDCXVII, Straßburg, Repp, 1617 (Exemplar in Heidelberg, UB, F 2791-1).
[59]   Scala descensionis et ascensionis, Straßburg, „im Verlag“ von Jacob von der Heiden, 1617, vgl. W. Hesz, Ein kabbalistischer Einblattdruck naturwissenschaftlichen Gepräges, in: „Archiv für Geschichte der Naturwissenschaft und der Technik“ 7 (1916), S. 115-128; Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. 1: Die Sammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Kommentierte Ausgabe. Teil 1: Ethica. Physica, hrsg. v. Wolfgang Harms und Michael Schilling, Tübingen, Niemeyer, 1985, Bl. I 3; Barbara Bauer, Die Philosophie auf einen Blick. Zu den graphischen Darstellungen der aristotelischen und neuplatonisch-hermetischen Philosophie vor und nach 1600, in: Seelenmaschinen. Gattungstraditionen, Funktionen und Leistungsgrenzen der Mnemotechnik vom späten Mittelalter bis zum Beginn der Moderne, hrsg. von Jörg Jochen Berns und Wolfgang Neuber (Frühneuzeit-Studien NF 2), Wien, Böhlau, 2000, S. 481-519. Vgl. auch den wenig bekannten illustrierten Einblattdruck Jungs zu Ehren des Philipp Jacob von Seebach von 1605 Nobilitate Generis Clarissimo, Multarvm Linguarum Peritissimo Praecipuarum Orbis Regionum Pereginando Expertissimo, Omnium Virtutum Speculo Nitidissimo, Pietissimoq[ue] Viro Dn. Philippo Jacobo à Seebach, Alsato, Domino compatri ac fautori suo benevolo et summopere colendo, has coelestis mundanaeq[ue] peregrinationis contemplationes mente conceptas, nunc vero iconibus delineatas, consecrat atque dedicat Joan. Fredericus Iung, Straßburg, Carolus, 1605 (Exemplar in Wolfenbüttel, HAB, Sign. Einbl. Xb-FM-39).
[60]   Barbara Bauer zu Blatt I 3, in: Deutsche illustrierte Flugblätter, Bd. I (wie Anm. 59), S. 10-11. Auch zu dem hier abgedruckten illustrierten Flugblatt I 2, Clara totivs Philosophiae Synopsis von dem Franziskaner Martin Meurisse und dem Kupferstecher Léonard Gaultier (Paris, Messager, 1615) schreibt Bauer (S. 6-7) von der ikonographischen Verwandtschaft „mit einer Illustration aus der Kosmologie Robert Fludds“ (die erst nach 1617 veröffentlicht wurde!) und „einer Darstellung aus Heinrich Khunraths (1560-1605) Amphitheatrum Sapientiae Aeternae Solius Verae“, was zu der antiquierten aristotelisch-scotistischen Tendenz der Synopsis überhaupt nicht passt.
[61]   Kopenhagen KB, ms. GSK 258 2°, sub voce „Frey, Antonius“, Brief 8.
[62]   Johannes Bureus, F.R.C. faMa e sCanzIa reDVX [Hebräisch:] bisvati. Buccina Iubilei Ultimi, Eoae Hyperboreae Praenuncia: Montium Europae cacumina suo clangore feriens, inter colles et convalles Araba resonans, o.O. [Uppsala] 1616; Gabriel Naudé, Instruction à la France sur la Verité de l’Histoire des Frères de la Roze-Croix, Paris, François Julliot, 1623, Nachdruck in: Trois Traités sur les Rose-Croix (1623) par G. Naudé et H. Neuhous, Paris, Gutenberg Reprints, 1979, S. 96-97; Johann Burchard Mencke, De Charlataneria Eruditorum Declamationes duae, Leipzig, J. F. Gleditsch, 1715, S. 20-21, hat Naudés Stellungnahme zu Bureus und Khunrath wörtlich abgeschrieben.
[63]   Linköping, Länsbibliotek Östergötland, Ms. N 24, 4°. Die Exzerpte (Texte und Zeichnungen) aus dem Amphitheatrum Khunraths befinden sich auf S. 127, 131, 132, 133, 134, 135, 138, 139, 141, 143, 144, 146, 147 (Figuren), 150, 172 (Figuren), 174, 202 (Compendium); über Bureus vgl. Sten Lindroth, Paracelsismen i Sverige till 1600-Talets Mitt (Lynchnos-Bibliotek 7), Uppsala/Stockholm, Almquist & Wiksells, 1943; Susanna Åkerman, Alduna rediviva – Iohannes Bureus’ Hyperborean Theosophy, in: Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert. Akten und Beiträge anläßlich des Kongresses Wolfenbüttel 23.-25. November 1994, hrsg. v. Carlos Gilly und Friedrich Niewöhner (Pimander 7), Amsterdam, In de Pelikaan, 2002, S. 311-332, zit. 320.
[64]   Valentin Griessmann, Πρόδρομος εὐμενὴς, καὶ ἀποτρεπτικός, Exhibens Enneadem Quaestionum Generalium De Haeresibus ex orco redivivis: Das ist: Getrewer Eckhart / Welcher in den ersten Neun gemeinen Fragen / der Wiedertäufferischen / Stenckfeldischen / Weigelianischen / vnd Calvino-Photinianischen / RosenCreutzerischen Ketzereyen / im Landen herumbstreichende vnd streiffende wüste Heer zu fliehen / vnd als Seelenmörderische Räuberey zu meyden verwarnet, Gera, Andreas Mamitzsch, 1623, S. 123.
[65]   Heinrich Nollius, Via Sapientiae trivna […], edita ab Anastasio Philareto Cosmopolita [Joachim Morsius]; Ludovicus Vives: Quae in iuventute elato supercilio putabam esse Thesauros in Philosophia, iam conversus et senex, video vix stercora esse, et tantum remoras vitæ piæ, studiorumque necessariorum fuisse. Anno SapIente IVDICe trIVMphant VerItas [Hamburg, 1620]. Das Vives-Zitat im Amphitheatrum, das ich in Vives’ Opera omnia (Basel, 1555) nicht nachweisen konnte, wurde dann von Melchior Breler verwendet (M. B. F. B., Vindiciae pro Mysterio iniquitatis psevdoeuangelicae, Goslar, Joh. Vogt für J. & H. Stern, 1622, S. 418) und daraus von Johann Angelius Werdenhagen 1632 wieder benutzt ([Jacob Böhme], Psychologia vera (wie Anm. 22), S. 596).
[66]   Heinrich Nollius, Natvrae Sanctvarivm: Qvod est, Physica Hermetica in stvdiosorvm sincerioris Philosophiae gratiam, ad promouendam rerum naturalium veritatem, methodo perspicua et admirandorum Secretorum in Natvrae abysso latentium Philosophica explicatione decenter in vndecim libris tractata […] Svb finem dvae Appendices, qvarum I. Pansophiae fundamentum, et II. Philosophiam Hermeticam de lapidi Philosophorum quatuor tractatibus antehac editis, tam vero recognitis et auctis comprehensam explicat, annexae sunt. Praeterea etiam Remora studii Medici, ex qua de Medicina mea Hermetica breui in lucem imittenda cordatus Lector facile iudicare potest, adiecta est, et errores Medicorum multorum inibi dilucide detegentur, Frankfurt a. M., Nic. Hofmann für Jonas Rosa, 1619, S. 682-683. Das Buch ist im Internet zugänglich (http://alfama.sim.ucm.es/dioscorides/consulta_libro.asp?ref=B19850074).
[67]   Heinrich Nollius, Parergi Philosophici Speculum, in quo Ars et Difficultas conficiendi Lapidem Philosophorum toti orbi consideranda exhibetur, Philosophice advmbratur et tamen dilucide doctrinae filiis explicatur, Giessen, C. Chemlin, 1623. Von diesem schönen und gewagten rosenkreuzerischen Roman haben sich meines Wissens nur zwei Exemplare erhalten (im Hessischen Hauptstaatsarchiv Marburg und in der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg). Von den 800 gedruckten Exemplaren wurden über 750 gleich beim Drucker beschlagnahmt, als Nollius auf Geheiß des Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt „wegen Rosenkreuzerei und weigelianischer Schwärmerei“ vor Gericht erscheinen musste. Nollius’ autographe Druckvorlage des Speculum mit den Griffelzeichen des Setzers hat sich aber bei den Akten des Prozesses erhalten (Universitätsbibliothek Giessen, Universitätsarchiv, Ms. Allg. B15, Allg. Nr. 98 und 99). Vgl. Carlos Gilly, Adam Haslmayr. Der erste Verkünder der Manifeste der Rosenkreuzer (Pimander 5), Amsterdam, In de Pelikaan, 1994, S. 115; ders., Theophrastia Sancta (wie Anm. 54), S. 470-472. Zu Nollius’ Prozess vgl. K. W. H. Hochhuth, Mittheilungen aus der protestantischen Secten-Geschichte in der Hessischen Kirche, Vierte Abtheilung: Die Weigelianer und Rosenkreuzer, in: „Zeitschrift für die Historische Theologie“ NF 26 (1862), S. 86-159; 27 (1863), S. 169-262; 28 (1864), S. 301-315; Heinrich Klenk, Ein sogenannter Inquisitionsprozeß in Giessen anno 1623, in: „Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins“ NF 49/59 (1965), S. 39-60; Bruce T. Moran, The Alchemical world of the German court. Occult philosophy and chemical medicine in the circle of Moritz of Hessen (1572-1632) (Sudhoffs Archiv 29), Stuttgart, F. Steiner, 1991, S. 122-129; zu Nollius vgl. den Beitrag von Stephan Meier-Oeser in Überweg: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 17. Jahrhunderts, Bd. IV: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Nord- und Ostmitteleuropa, hrsg. von Helmut Holzhey und Wilhelm Schmidt-Biggemann, Basel, Schwabe, 2001, S. 8-10, 13-17, 414, 416; vgl. auch Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), Bd. II, S. 166 f. Die einzige moderne Ausgabe ist in ungarischer Sprache erschienen: A filozófiai parergon tüköre. Henricus Nollius hermeticus-rózaskeresztes regénye, übers. von Péter Kasza (Fiatal Filológusok Füzetei Korai újkor 2), Szeged 2003 (mit deutscher Zusammenfassung auf S. 109).
[68]   [Johann Valentin Andreae], Fama Fraternitatis. Das Urmanifest der Rosenkreuzer Bruderschaft zum ersten mal nach den Manuskripten bearbeitet, die vor dem Erstdruck von 1614 entstanden sind, durch Pleun van der Kooij. Mit einer Einführung über die Entstehung und Überlieferung der Manifeste der Rosenkreuzer von Carlos Gilly, Haarlem, Rozekruis Pers, 1998, S. 100; Johann Valentin Andreae, Fama Fraternitatis. Confessio Fraternitatis. Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz. Anno 1459, hrsg. von Richard van Dülmen, Stuttgart, Calwer, 1973, S. 29. Die Hervorhebungen durch Kursivierung sind vom Herausgeber.
[69]   Confessio Fraternitatis, in: Adolf Santing, De Manifesten der Rozenkruisers. Kritisch onderzochte tekst met alle varianten benevens de Nederlandsche vertaling dezer geschriften volgens de uitgave van 1617, Amersfoort, A. A. W. Santing, 1930, S. 60 f., 190; vgl. die Ausgabe von Richard van Dülmen (wie Anm. 68), S. 41. Mit Ausnahme der Ausgabe Santings (und früher derjenigen von Johann Friedrich von Meyer, Die beyden Hauptschriften der Rosenkreuzer, die Fama und die Confession. Kritisch geprüfter Text mit Varianten und dem seltenen Lateinischen Original der zweyten Schrift […], Frankfurt a. M., Druck und Verlag von Heinrich Ludwig Brönner, 1827, und F. N. Pryce, The Fame and Confession of the Fraternity of R.C.: Commonly of the Rosie Cross […], Margate, W. J. Parret, 1923) lassen sämtliche modernen Ausgaben der Confessio Fraternitatis – in welcher Sprache auch immer – den letzten Satz und somit den Verweis auf den „öffentlichen Gauckler oder Augenblender und rechten Amphitheatralis Histrio“ [Khunrath] aus, der sich noch in der lateinischen und deutschen Edition von Kassel, Wilhelm Wessel, 1615, befand.
[70]   [Johann Valentin Andreae], Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz 1459, Straßburg, Zetzner, 1616, S. 46-47; vgl. die Ausgabe von Richard van Dülmen (wie Anm. 68), S. 71. Dass Khunrath in den rosenkreuzerischen Manifesten scharf kritisiert worden war, wusste Joachim Polemann 1659 zu berichten, als er in einem Brief aus Amsterdam dem in England weilenden Samuel Hartlib seine und seiner Freunde Meinung über Khunrath offen kundgab: „das übersandte Extract aus dem Athanore Kunradi, laß ich in seinem werth; es ist aber dieser Author bey meiner wenigkeit in so schlechten Credit, als fast der [Johann Rudolph] Glauber, weil sie beyde eines schlages sein; denn es hat d[octor] Kunradus an vielen großen Fürsten und Herren viele lähre wort, und wirdt für großen summen geldes verkauft; davon hat er solche scheinheilige unterhaltung und öffentliche speisung der armen angerichtet, und hat doch in der that nichts gehabt, noch gewust, ohn daß er het gar zierlich und mit großem erdichteten schein von der weisen opere reden können, wie mir solches der sälige Dr. [Matthias] Engelhart, qui ipsi Kunrado coetaneus fuit, erzehlet, der viel mit ihm umbgegangen und gründtlich untersuchet, endtlich auch lehr und bloß von ihm ziehen müßen mit sile decies, daß soll sein SileX. das war alle heimblichkeit; deßwegen haben auch die fratres roseae crucis diesen Kunradum in ihren schriften dergestalt nach dem leben abgemahlet, und solcher gestalt characterisirt, daß ich solche Encomia mit ihm nicht zu theilen begehre, wie ich solches vor 1 en zwanzig jahren mit verwunderung gelesen; so scheinet es auch, als ob die rache Gottes ihn verfolget, maßen er, nach dehme er ein Convivium gehalten, und ohn zweiffel wohl bezechet wird gewesen seyn, in der nacht im schlaffe zu bluten angefangen, und im blut ersticket ist; denn Gott laßet sich nicht scherzen, und saget expresse im heiligen Decalogo, Er wolle nicht ungestraffet laßen seyn den, der seinen nahmen misbrauchet. Gott gebe uns ein beßern sinn, und verleihe uns den Sinn Christi, bey der heiligen kindtlichen einfalt und demuht zu bleiben.“ (Extrakt aus einem Brief von Polemann an Hartlib, Amsterdam, den 17. Dezember 1659, in: Sheffield, UL, The Hartlib Papers, Ms. Nr. 60/4/157-158).
[71]   Wolf-Dieter Otte, Ein Einwand gegen Johann Valentin Andreaes Verfasserschaft der Confessio Fraternitatis RC, in: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek, Bd. 3, Frankfurt a. M., Klostermann, 1978, S. 97-113, besonders 100-102.
[72]   [Johann Valentin Andreae], Mythologiae Christianae sive Virtutum et vitiorum vitae humanae imaginum Libri tres, Straßburg, Erben L. Zetzners, [1619], S. 137-138; Gottfried Arnold, Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie, Frankfurt a. M., Thomas Fritsch, 2 Bde., 1699-1700, Bd. 2, 640-656; Schaffhausen, 3 Bde., E. und B. Hurter, 1740-1742, Bd. 2, S. 245; Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit (wie Anm. 6), S. 98-99, der den Terminus „insolita eruditio“ genau wie Arnold interpretierte, konnte aber nicht verstehen, „daß so gar Joh. Val. Andreä ihm (Khunrath) eine vorzügliche Weißheit zutraute“.
[73]   [Johann Valentin Andreae], Menippus Sive Dialogorvm satyricorum centuria in inanitatvm nostrativm specvlvm. In Grammatticorum gratiam castigatum, Cosmopoli [Straßburg, Erben L. Zetzners], 1618, S. 158. Ein lutherischer Verteidiger von Andreaes Orthodoxie, der Superintendet zu Kirchheim Andreas David Caroli, prangerte übrigens schon 1708 die „arnoldische“ Wiedergabe von Andreaes Äußerungen über Khunrath in der Kirchen- und Ketzer-Historie als bewusste Manipulation an: „Was er [Andreae] in seinem Menippo von Henrico Cunrado geschrieben / betrifft dessen mystische oder geheime Figuren; Damit / heißt es in der allegirten Stelle / habe er die Welt bethöret / oder gleichsam bezaubert. Das bringt Arnold also vor: Andreae führe ihn ein / als einen / der von den Unwissenden wegen seiner unbekannten Weißheit verachtet worden. Jst das nicht artig berichtet / und zu Arnoldischem Vorhaben fein mit aller Gewalt gezogen? Wer hätte das also errathen / wer hätte es so deuten können? Allein / wenn man anders nicht auf- und fort kommen kan / müssen dergleichen schöne Außlegungen das beste thun. Helffe / was helffen mag“, vgl. Andreas David Caroli: Wirtenbergische Unschuld / Durch kritische Prüfung dessen / was Herr Gottfried Arnold von deß löbl. Hertzogthums Regenten / Regierung und Lehrern / Bevorab von dem seel. D. Jacobo Andreaee, aufgezeichnet und seiner so genannten Kirchen- und Ketzer-Historie einverleibt hat, Ulm, Dan. Bartholomae, 1708, S. 454-455; Teilabdruck davon in Gottfried Arnold, Kirchen- und Ketzer-Historien, Schaffhausen 1740-1742 (wie Anm. 72), Bd. 3, S. 211.
[74]   Carlos Gilly, Johann Valentin Andreae. Die Manifeste der Rosenkreuzerbruderschaft 1586-1986 (wie Anm. 37), S. 33-37. Andreaes böse Parodie auf das Amphitheatrum hat Comenius übrigens fast in ihrer ganzen Länge am Schluss des 13. Kapitels seines Labyrinth der Welt übernommen; allerdings ist sie bei ihm nicht auf Khunrath, sondern auf die Rosenkreuzer gemünzt; vgl. Carlos Gilly, Comenius und die Rosenkreuzer, in: Aufklärung und Esoterik, hrsg. von Monika Neugebauer-Wölk (Studien zum Achtzehnten Jahrhundert 24), Hamburg, Meiner, 1999, S. 87-107, bes. 90 f. Ob Comenius gemerkt hat, dass mit Andreaes Parodie Khunrath gemeint war, bleibe dahingestellt. Sicher ist auf jeden Fall, dass diese Tatsache von den modernen Editoren von Comenius’ Labyrinth der Welt übersehen wird, vgl. z. B. Jan Amos Komensky, Opera Omnia, Bd. III, Prag, Academia Scientiarum, 1978, S. 314-316, 407; Uwe Voigt, Die Rosenkreuzer im Labyrinth der Welt. Versuch einer Positionsbestimmung, in: „Comenius- Jahrbuch“ 4 (1996), S. 99-115, nennt Khunrath überhaupt nicht, und in der neuesten Ausgabe von Johann Amos Comenius, „Das Labyrinth der Welt…“ und andere Meisterstücke, ausgewählt und mit einem Nachwort von Klaus Schaller (Tschechische Bibliothek), München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2004, ist das Rosenkreuzerkapitel nicht einmal abgedruckt worden. Nur Nicolai Kisseljow hat 1913 in einem Brief an seinen Lehrer Jakov Barskov auf Khunraths Präsenz bei Comenius hingewiesen: „Es ist interessant, daß Jan Amos Komenius, als er sich über die Rosenkreuzer im Labyrinth der Welt und Paradies des Herzen lustig machte (Kapitel 13), ausgerechnet Khunrath meinte, wie aus den Anspielungen deutlich hervorgeht“, vgl. Nicolai P. Kisseljow, Iz istorii russkogo rozenkrejcerstva, hrsg. von Michael V. Reisin und Andrej I. Serkov, St. Petersburg, Novikoff Verlag, 2005, S. 96 f.
[75]   [Johann Valentin Andreae], Mythologiae Christianae […] Libri tres 1619 (wie Anm. 72), S. 271-272. Es bleibt unbegreiflich, warum Umberto Eco, der all diese Ausführungen dem oben genannten Katalog Johann Valentin Andreae (ohne Quellenangabe) entnommen hat, zu dem Schluss gekommen ist, dass sich Andreae in Bezug auf Khunrath zweideutig gezeigt habe („Face à ces ambiguités, les explications s’anullent entre elles. Si l’on considère qu’Andreae parfois exprime des jugements positifs sur Khunrath, cela démontrerait qu’il n’est pas l’auteur de la Confessio“, vgl. Umberto Eco, L’énigme de la Hanau 1609 (wie Anm. 9), S. 15-17). Zur Autorschaft Andreaes sowohl der Confessio wie auch der Fama Fraternitatis vgl. Carlos Gilly, Die Rosenkreuzer als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert und die verschlungenen Pfade der Forschung, in: Rosenkreuz als europäisches Phänomen (wie Anm. 63), S. 19-56, bes. 52-56.
[76]   Kassel MBLB, Ms. 2° Chem. 19 I, S. 204-205.
[77]   Die Zahlen entsprechen der Numerierung der „libri Magici et Cabalistici“ in Ehingers Verzeichnis, Kassel LMB, 2° Ms. chem. 19/5, S. 50-56, vgl. die Veröffentlichung durch Julian Paulus, Alchemie und Paracelsismus um 1600. Siebzig Porträts, in: Analecta Paracelsica (wie Anm. 54), S. 335-406, zit. 387-390.
[78]   Anastasius Philaretus Cosmopolita [Joachim Morsius], Magische Propheceyung Aureoli Philippo Theophrasti Paracelsi, Von Entdeckung seiner 3. Schätzen. Darvon der erste in Friaul: Der ander zwischen Schwaben und Bayern: Der dritte zwischen Franckreich und Hispanien soll gefunden werden. Zur zeit der Regierung des Gelben Mitternächtigen Löwens […]. Gedruckt Philadelphiae [Hamburg?] M. DC. XXV [1625], vgl. Karl Sudhoff, Versuch einer Kritik der Echtheit der Paracelsischen Schriften, I. Teil: Besprechung der unter Theophrast von Hohenheim’s Namen 1527-1893 erschienenen Druckschriften, Berlin, 1894, S. 539-541; Carlos Gilly, Der Löwe von Mitternacht‘, der ‚Adler‘ und der ‚Endchrist‘: Die politische, religiöse und chiliastische Publizistik in den Flugschriften, illustrierten Flugblättern und Volksliedern des Dreißigjährigen Krieges, in: Rosenkreuz als europäisches Phänomen (wie Anm. 63), S. 234-268, bes. 252 f.
[79]   Paul Oskar Kristeller, Iter Italicum: A Finding List of Uncatalogued or Incompletely Catalogued Humanistic Manuscripts of the Renaissance in Italian and other Libraries, Bde. 1-6, Leiden, Brill, 1963-1996, Bd. VI, S. 264.
[80]   Sten Lindroth, Paracelsismen i Sverige till 1600-Talets Mitt (wie Anm. 63), S. 56-57.
[81]   Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), S. 333, 349; Helmut Möller, Staricius und sein HeldenSchatz. Episoden eines Akademikerlebens, Göttingen, 2003, S. 47-54.
[82]   Marburg, HStA, 4a 39, Nr. 50: „L. Moritz. Conradus Reutrath [sic, für Khunrath] aus Schleswig übersendet ein astronom. Werk Consilium de Vulcani Magica, 1598“. Zu Konrad Khunrath und dessen weit verbreitete Medulla destillatoria et medica, Schleswig, Wegener, 1594 (erweiterte Ausgabe in 2 Bänden, Hamburg, Frobenius, 1614-1619 und öfter) vgl. Hans Kangro in: Dictionary of Scientific Biography (wie Anm. 10); Oliver Humberg, Der Alchemist Conrad Khunrath (wie Anm. 10), passim.
[83]   Zitiert nach dem Raubdruck von 1616 (Gustav Freytag Sammlung, Mikrofiche, Nr. 1478), S. A2v-3r, A 4r; vgl. auch Will-Erich Peuckert, Gabalia. Ein Versuch zur Geschichte der magia naturalis im 16. und 18. Jahrhundert, Berlin, E. Schmidt, 1967, S. 323 f. Zur Transkription aus der ersten Ausgabe vgl. auch Helmut Möller, Staricius und sein HeldenSchatz (wie Anm. 81), S. 49.
[84]   Helmut Möller, Staricius und sein HeldenSchatz (wie Anm. 81), S. 49 f.; Staricius, New reformirter Heldenschatz, Frankfurt a. M., N. Stein, 1618, S. 122-123.
[85]   Helmut Möller, Staricius und sein HeldenSchatz (wie Anm. 81), S. 51 f. Zu Jacob Alstein (der übrigens besonders in Frankreich als einer der erfahrensten Alchemiker galt und von seinen Freunden in Prag als „alter nostri seculi Hermes“ bezeichnet wurde, den ein Andreas Libavius hingegen wie die Pest fürchtete) vgl. auch Carlos Gilly, Zwischen Erfahrung und Spekulation (wie Anm. 43), S. 74 f.; Julian Paulus, Alchemie und Paracelsismus um 1600 (wie Anm. 77), S. 384; vgl. auch den Briefwechsel zwischen Libavius und Jakob Zwinger, besonders aus dem Jahr 1608, in: Basel UB, Ms. Frey-Gryn. II 28, 189-191, sowie den Briefwechsel zwischen Zwinger und Leonhard Doldius in: Erlangen UB, Sammlung Trew, sub voce J. Zwinger, Briefe 42-46. Zum Nachlass des um 1626 verstorbenen Jacob Alstein vgl. die Briefe von dessen Schüler Melchior Jöstel in Wittenberg an Arnold Kerner in Leipzig aus dem Jahr 1626, in: Leipzig UB, Ms. O 356, S. 80-87.
[86]   Kassel LMB, 2° Ms. Chem. 7, S. 53r-118r, Nr. III, 32 und IV 23 (nach der Einteilung dieser Kataloge in meinem Adam Haslmayr. Der erste Verkünder der Manifeste der Rosenkreuzer (wie Anm. 67), S. 212.
[87]   Briefe von Michael Krebs an Moritz von Hessen, Frankfurt a. M., 2. und 8. Februar 1620, in: Kassel LMB, 2° Ms. Chem. 19 II, S. 102r-103v und 109r/v.
[88]   Michael Krebs, Inhalt des ‚HeldenSchatzs’, Kassel LMB, 2° Ms. Chem. 19 II, S. 104r-108v; [Heinrich Khunrath], Heldenschatz, Kopenhagen KB, Ms. Thott 210 Fol., S. 1r-89r.
[89]   [Heinrich Khunrath], Heldenschatz (wie Anm. 88), S. 44r. Zu dem gegenseitigen Verweis in Khunrath, De Igne Magorum phlilosophorumque 1608, S. 37-38, vgl. Anm. 81. Zu Khunraths Consilium, aber nur in der kurzen Fassung von 1597 (Stockholm KB, Ms. Rål 4), vgl. jetzt auch Hereward Tilton, Of Electrum and the Armour of Achilles: Myth and Magic in a Manuscript of Heinrich Khunrath (1560-1605), in: „Aries“ 6 (2006), S. 117-157.
[90]   Giulio Cesare Vanini, Amphitheatrvm aeternae providentiae. Ristampa Fotomecanica, Centro Studi „G. C. Vanini“ Taurisano, Collana di saggi, testi filosofici e traduzioni 1, Galatina, Congedo, 1979; Ders., Anfiteatro dell’eterna providenza, a cura di Francesco Paolo Raimondi e Luigi Crudo, Centro Studi „G. C. Vanini“ Taurisano, Collana di saggi, testi filosofici e traduzioni 2, Galatina, Congedo, 1981; zur Frage der Abhängigkeit vgl. Hubert Dethier, Giulio-Cesare Vanini et l’Amphitheatrum de Heinrich Khunrath, in: „Tijdschrift voor de studie van de verlichting en van het vrije denken“ 18 (1990), S. 263-298; zum grausamen Justizmord an Vanini am 9. Februar 1619 in Toulouse vgl. Cesare Vasoli, Vanini e il suo proceso per Ateismo, in: Atheismus im Mittelalter und in der Renaissance, hrsg. v. Olaf Pluta und Friedrich Niewöhner (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 13), Wiesbaden, Harrassowitz, 1999, S. 129-144.
[91]   Didier Kahn, Alchimie et paracelsisme en France (1567-1625), Genève, Droz, 2007, S. 568-589. Viel klüger war indes der Jesuit Johannes Roberti 1618 verfahren, als er einige Tafeln von Khunrats Erstdruck des Amphitheatrum von 1595 ebenfalls scharf brandmarkte, jedoch den Namen des Verfassers absichtlich verschwieg: „Extant Tabulae aliquot in aes incisae, et in orbem circinatae, quibus singulis inscribitur ,N.N. Theosophiae amator, & Medicae Doctor, Dei gratia inuentor‘. Ipsa inscriptio Regum et Principum maiestatem, et morem aemulatur. Quid mirum? Scripturam ipsam, tamquam nouus Sacrorum Rex, pro arbitrio exponit, hic Theosophiae amator historice, phisicè, Moraliter, tropologicè, anagogicè, physicè, typicè, Cabalice, Theosophicè. Porro Naturam tractat, Theosophicè, Physicè, Physicomedicè, Physicochemice, Physicomagice, Hyperphysicomagice, Cabalice. Atque haec omnia tam admirand profitetur ille Regulus se audire, videre, obseruare, secundum animam, in mentis Deo iunctae, aut luce diuina illuminatae speculo, idque tam dormiendo, quam vigilando etc. Voluminis est, dormitatoris huius somnia omnia referre. Vnum exempli causa pono. Scis, Lector, Alchymistas praecipuam in eo operam ponere, vt Lapidem Philosophorum inueniant […]. Hunc igitur Lapidem noster somniator, quaerit Quid est Lapis Philosophorum? et respondet sibi, Lapis Philosophorum est RVach Elohim, qui incubabat aquis, Genesis 1. Ruach Elohim, si Hebraicè ignoras, est, Spiritus Domini. Sic iste Hypermagice explicat Scripturam. Sed sinamus illum somniare“, vgl. Goclenivs Heavtontimorvmenos: id est, cvrationis magneticae, et vngventi armarii rvina. Ipso Rodolpho Goclenio Iuniore, nuper parente, et patrono: nunc cum sigillis, et characterib[us] magicis, vltro prorvente, et praecipitante. Iohann. Roberti, Societ[atis] Iesv sacerdos, S[acrae] theolog[iae] doctor, memorandi, et miserandi casus spectator, cvm fide descripsit et Goclenii magneticam synarthrosin meram άναρθρωσιν esse ostendit, Lvxembvrgi, excudebat Hvbertvs Revlandt, 1618, S. 350-351; vgl. auch in: Theatrum Sympatheticum, Nürnberg, 1662, S. 453-454. Robertis Strategie der Vertuschung hatte zur Folge, dass Khunraths Amphitheatrum während der heftigen Auseinandersetzung zwischen Johannes Baptista van Helmont und dem Jesuiten über die Waffensalbe keine Rolle mehr spielte.
[92]   Didier Kahn, Paracelsisme et alchimie en France (wie Anm. 91), S. 572 f.; vgl. auch Charles Du Plessis d’Argentré, Collectio Judiciorum de novis erroribus II, 2, Paris, Lambert Coffin, 1728, S. 162; Conclusiones et Judicia Sacrae Facultatis Theologice Parisiensis, Arch. Nat., MM 251, S. 134r; vgl. zudem die Censura sacrae facultatis theologiae Parisiensis lata in librum qui inscribitur: „Amphitheatrum Sapientiae aeternae Solius vere christiano-cabalisticum divino-magicum nec non physico-chymicum“, Parisiis, Claude Griset, 1625.
[93]   Marin Mersenne, Questions inouyes ou recreation des sçavants, Qui contiennent beaucoup de choses concernantes la Théologie, la Philosophie et les Mathématiques, Paris, J. Villery, 1634, hier zitiert nach der Ausgabe: Marin Mersenne, Questions inouyes. Questions harmoniques. Questions théologiques. Les méchaniques de Galilee. Les préludes de lharmonie universelle (Corpus des oeuvres de philosophie en langue française), Paris, Fayard, 1985, S. 315-319. Mersenne veröffentlichte diesen französischen Text als Anhang zu der „Question XXVII“, die wie folgt lautete: „Peut-on prouver, ou confirmer les mysteres de la Religion Chrestienne par les operations, et les principes de l’Alchymie?“ Mersenne antwortete darauf mit dem Hinweis auf Fludd und ganz besonders auf Khunrath, der in seinem „Amphitheatre“ „[a] voulu donner un sens naturel à l’Ecriture saincte“. „C’est pourquoy il faut y prendre garde, et suivre en ce sujet la censure que les Docteurs de la Sorbonne ont fait des oeuvres dudit Kunrath, et croire que la Religion Chrestienne n’a pas affaire de la Chymie pour sa confirmation, ou pour sa deffence, et qu’elle luy nuist plus en la bouche de ceux qui cherchent le sens alchymiste dans les paroles de Dieu, dans le livre de Thomas à Kempis de l’Imitation de Jesus-Christ, ou mesme dans les livres Sacrez qu’elle ne luy sert, comme l’on advoüera librement, quand on l’aura experimenté.“
[94]   Gabriel Naudé, Instruction à la France sur la Verité de l’Histoire des Freres de la Roze-Croix 1623 (wie Anm. 62), S. 96-97.
[95]   François Garasse, La somme théologique des veritez capitales de la religion chrestienne, Paris, Sébastien Chappellet, 1925, S. 484 f., 499; vgl. Didier Kahn, Paracelsisme et alchimie (wie Anm. 91), S. 582-589. A propos „bouffonnerie“: Im Munde des Jesuiten Garasse klingt dieses Wort beinahe wie ein Kompliment, denn er pflegte die gleiche Bezeichnung auch für Erasmus zu brauchen: „Telle fuit aussi l’impertinence d’Erasme […] il se precipita iusque dans les abysmes de l’impieté et de la bouffonerie, traduisant les choses saintes en risée et faisant des parodies messeantes sur le texte des sainctes Escritures“, vgl. François Garasse, La doctrine curieuse des beaux esprits de ce temps, ou pretendus tels. Contenant plusieurs maximes pernicieuses à l’Estat, à la religion, et aux bonnes Moeurs. Combattue et renversée par le P. François Garassus de la Compagnie de Jesus, Paris, Sébastien Chappellet, 1923, S. 647.
[96]   Marin Mersenne, La verité des sciences. Contre les sceptiques et les Pyrhonniens, Paris 1625 (Nachdruck: Stuttgart-Bad Cannstatt, Frommann-Holzboog, 1969).
[97]   François La Noue, Ad Reverendum Patrem Marinum Mersennum, Francisci Lanouii Judicium de Roberto Fluddo, in: Pierre Gassendi, Epistolica exercitatio in qua principia philosophiae Roberti Fluddi medici reteguntur: et ad recentes illius libros adversus R.P.F. Marinum Mersennum respondetur, cum appendice aliquot observationum coelestium, Parisiis, apud Sebastianum Cramoisy, 1630, S. e4r-8r, zit. e4v. Noch ein viertel Jahrhundert später kritisierte ein weiterer Franzose in seiner Relation De l’Estat des sciences en Hollande die Vermischung von Religion und Alchemie bei Khunrath : „L’autre chose qui impose aux gens de bien qui lisent les écrits des Spagiriques, est la deuotion et la pieté dont ils se trauestissent, en employant plusieurs termes de l’Escriture Sainte ; iusque-là mesme que quelqu’vns la profanent, et en font vn liure de Medecine. Témoin cét Amphitheatrum sapientiae aeternae Christiano-Kabalistrum, Diuino Magicum Physico-Chymicum, Tertriunum, d’Henri Khunrath de Leipsic, dans le plaisant tiltre duquel on truuee Allelluya, Allelluya, Allelluya, Pfy Diabolo, et en suite vne douzaine de tailles douces, qui encherissent par-dessus le grotesque de la tentation de S. Antoine par Callot, et dont cét Auteur extrauagant tasche d’égayer la melancholie qui est répanduë dans son ouvrage“, vgl. Samuel-Joseph de Sorbière : Relations, Lettres. et Discours sur diverses Matières Curieuses, Paris, R. de Ninville, 1660, S. 172.
[98]   Clavis Philosophiae et Alchymiae Flvddanae sive Roberti Flvddi armigeri et medicinae doctoris, ad epistolicam Petri Gassendi Exercitationem Responsum. In quo: Inanes Marini Mersenni Monachi Obiectiones, querelaeque ipsius iniustae, immerito in Robertum Fluddum adhibitae, examinantur atque auferuntur: Seuerum ac altitonans Francisci Lanouii de Fluddo Judicium refellitur, et in nihilum redigitur: Erronea Principiorum Philosophiae Fluddanae detectio, a Petro Gassendo facta, corrigitur, et aequali iustitiae trutina ponderatur: ac denique sex illae Impietates, quas Mersennus in Fluddum est machinatus, sincerae veritatis fluctibus abluuntur atque absterguntur, Frankfurt a. M., Wilhelm Fitzer, 1633.
[99]   Friedrich Breckling, Christus Mysticus, Sol et Sal Sapientiae, ex summo ac intimo Coelo ac Centro erumpens […] Invitans omnes Mysticos et maximos Theologos, Philosophos, Adeptos, Magos et Pansophos […], o. O. [Amsterdam], 1682, S. 112.
[100] Quirinus Kuhlmann, Neubegeisterter Böhme, begreiffend Hundert funftzig Weissagungen, mit der Fünften Monarchi oder dem Jesus Reiche des holländischen Propheten Johan Rothens übereinstimmend, und mehr als 1000000000 Theosophische Fragen / allen Theologen und Gelehrten zur beantwortung vorgeleget; wiwohl nicht eine eintzige ihnen zu beantworten / wo si heutige Schulmanir sonder Gottes Geist folgen. Darin zugleich der so lang verborgene Luthrische Antichrist abgebildet wird. Zum allgemeinen besten der höchstverwirten Christenheit / in einem freundlichsanftem und eifrigfeurigem Liebesgeiste ausgefertiget an des Lutherthums Könige / Churfürsten / Printzen und Herren / wi auch allen Hohschulen und Kirchengemeinen Europens. Zu Leiden in Holland / Gedrukt vor den Autor, und ist zu bekommen bei Loth de Haes, 1674, S. 72-75.
[101] Gottfried Arnold, Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie (wie Anm. 72), Frankfurt a. M. 1699-1700, Bd. 3, S. 11-13; Schaffhausen, 1740-1742, Bd. 2, S. 331-333.
[102] Keren Happuch, Posaunen Eliae des Künstlers/ oder Deutsches Fegfeuer der Scheide-Kunst / Worinnen nebst den Neu-gierigsten und grössesten Geheimnüssen für Augen gestellet Die wahren Besitzer der Kunst; Wie auch die Ketzer / Betrieger / Pfuscher / Stümpler / Bönhasen und Herren Gern-Grosse […] eröffnet von einem Feinde des Vitzliputzli, Hamburg, G. Libernickel, 1702, S. 120. In der ersten Ausgabe Fegfeuer der Chymisten, Amsterdam, 1702, S. C6v, stand bloß der Vermerk „Khunradus Amphitheatrum Sapientiae aeternae“ ohne jeglichen zusätzlichen Kommentar. Als Verfasser des Fegfeuer wird gewöhnlich ein Dr. [Johan Anton] Söldner genannt, vgl. John Ferguson, Bibliotheca chemica (wie Anm. 6), Bd. II, S. 387.
[103] Erlösung der Philosophen aus dem Fegfeuer der Chymisten. Das ist: Rechtmässige Retorsion Jm Nahmen der Philosophen Denen ohnlängst Ausgeflogenen drey Laster-Bogen entgegen gesetzt Durch Jhrer Herrlichkeiten Fiscal, o. O. 1701 [1702]; Alethophilus [Wolf von Metternich ?], Glückliche Erober- und Demolirung des durch den Schall einer thönernen Elias-Posaune / auf Befehl eines Chymischen Pabsts angekündigten Fegefeuers der Scheidekunst / sampt den übrigen auf der Insul Schmäheland aufgerichteten Schantzen. Oder kurtze Wiederlegung des von einem Anonymo ohne sattsamen Grund und Raison herausgegebenen schmähsüchtigen Teutschen Fegefeuers der Scheidekunst, Leipzig, C. Ch. Neuenhahn, 1705, S. 123, 130, vgl. John Ferguson, Bibliotheca chemica (wie Anm. 6), Bd. I, S. 23, 246.
[104] Idea Chemiae Böhmianae adeptae, Das ist: Ein Kurßer Abriß Der Bereitung deß Steins der Weisen / Nach Anleitung deß Jacobi Böhm. Wie auch eine Schutz-Schrifft wegen Böhm / und Seiner Schrifften, Amsterdam 1690; Metallurgia Böhmiana, Das ist: Eine Beschreibung der Metallen / nach ihrem Ursprung und Wesen, und wie sie auß dem Mercurio, Sale und Sulphure gebohren werden. Nach deß J. Böhmii Philosophi Teutonici principiis Jn dreyen Theilen abgefasset, Amsterdam, 1695.
[105] Sincerus Renatus [Samuel Richter], Theo-Philosophia Theoretico Practica, Oder der Wahre Grund Göttlicher und natürlicher Erkänntniß, Breslau, Esaias Fellgiebel, 1714, S. 174. Treu der khunrathischen Tradition, besonders in der Sprache und der alchemischen Bibelinterpretation, blieb vor allem der Apotheker und Bürgermeister von Lünen, Johann Philipp Maul (1662-1727), vgl. Johann Philippus Maullius, Zahab misafon Sive Medicina Theologica, Chymico Irenica et Christiano Cabbalistica. Vorgestellet in der Ersten Continuation curioser und erbaulicher Gespräche Vom Gold von Mitternacht / Oder von der Höchsten Medicin, Darinnen gezeiget wird / Wie dieselbe in der Heiligen Schrifft / nach dem Grund-Text zu finden; Und daß die Vergleichung der Geistlichen und Leiblichen Höchsten Medicus, die rechte Cabbala der Alten / oder wahrer Chymie seye; Auch daß nach dieser Erkanten Einheiligkeit / die Entscheidung der Theologischen Controversien / insonderheit die wirckliche Einigkeit der beyden Evangelischen Religionen unpartheyisch zu ersehen seye, Wesel, Jacob von Wesel, 1713. Auch bei Friedrich Christoph Oettinger ist Khunraths Nachwirkung noch stark zu spüren, vgl. Corpus Paracelsisticum, Bd. II (wie Anm. 44), S. 670.
[106] Gregorius Anglus Sallwigt [Georg von Welling], Opus mago-cabalisticum et theologicum. Vom Uhrsprung und Erzeugung des Saltzes, Dessen Natur und Eigenschafft, Wie dessen Nutz und Gebrauch, nur Teil 1, hrsg. v. S[amuel] R[ichter], Frankfurt a. M., A. Heinscheidt, 1719; Georg von Welling, Opus Mago-Cabbalisticum et Theosophicum, darinnen der Ursprung / Natur / Eigenschaften und Gebrauch / des Saltzes, Schwefels Und Mercurii, in dreyen Theilen beschrieben / Und nebst sehr vielen sonderbahren Mathematischen / Theosophischen / Magischen und Mystischen Materien / Auch die Erzeugung der Metallen und Mineralien / aus dem Grunde der Natur erwiesen wird, hrsg. v. C[hristoph] S[chütz], Homburg vor der Höhe, J. Ph. Helwig, 1735; ders., Opus Mago-Cabbalisticum et Theosophicum, darinnen der Ursprung, Natur, Eigenschaften und Gebrauch des Salzes, Schwefels und Mercurii, in dreyen Theilen beschrieben, Frankfurt; Leipzig, Fleischer, 1784. Zum Autor vgl. Joachim Telle, Zum Opus mago-cabbalisticum von Georg Welling, in: „Euphorion“ 77 (1983), S. 359-379; Petra Jungmayr, Georg von Welling (1655-1727) – Studien zu Leben und Werk (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit 2), Stuttgart, Steiner, 1990.
[107] Darmstadt HLuSB, Ms. 3204, 18. Jh., S. 1-249: חכמה Die Ewige Weisheit oder Ein anhang oder zugab des Opus Mago-Cabalistici et Theosophici, Welchen der Author gewißer ursachen halber diesen operi beyfügen wollen. Von Georg v[on] Welling. Anno 1723; S. 293-462: Von der Religion nach den klahren deutlichen Buchstaben der Heiligen Schrifft und der auf dieselbe gegründeten wahre Mago-Cabala (von Georg von Welling?); Druck: Naturae Naturantis et Naturatae Mysterium in scvto Davidico exhibitum, Berlenburg , J. J. Haug, 1724; S. 1-95: Aus Egidius Gutmann Offenbarung Göttlicher Majestät. Die Handschrift stammt aus der Bibliothek von Heinrich Georg Philipp Ochs, der 1756 die deutsche Übersetzung von Khunraths Amphitheatrum finanziert hat (vgl. unten, Werkverzeichnis, Den Haag BOV, Ms. 240). Die zwei Manuskripte stammen übrigens von der gleichen Hand. Der Text Die ewige Weisheit hat mit dem gleichnamigen kurzen Anhang (von Christoph Schütz) in den Ausgaben von Wellings Opus 1735 und 1786, S. 503-514, nichts zu tun. In der Vorrede zur Ewigen Weisheit erklärt Welling sein Pseudonym Sallwigt als ein Anagramm: „Warheit liebender Leser, dieses geringe werck, welches wir חכמה nennen, haben wir gewißer Ursach halber, annoch unserem Opus Mago-Cabalisticum et Teosophicum bey fügen wollen, ermeltem Operi haben wir unsern Versetzten Nahmen Gregorius Anglus de Salwigt bey gefügt, um zu zeigen das wir keines eitlen ruhms begierig; weilen es aber viel ruhm suchtigere Menschen in der welt giebt, auch schon einige auf diesen oder jenen gefallen, denen sin dieses werck, als Autor zu erkennen wollen, so haben wir demnach nöthig erachtet, deren Liebhabern der Warheit zu melden, daß es ob genendten Vorsetzten Nahmen, unser Stamm Nahmen klar und deutlich zu finden, oder Georg von Welling Alsatus, Georgius de Welling, die bedeutung aber des Worts Alsatus ist allhier zu melden keine Nothwendigkeit, und also haben wir uns nun ohne scheu wegen des Vielen nachfragens wer doch der Author des e[rsten] T[eiles] dieses operi de Θ [Saltz] sein möge, uns zu erkennen zugeben nöthig gefunden, um den ruhmsüchtigen, die sich gerne vor Auctores aus gegeben das maul zu stopffen, und uns den wahren Autor erkennen zu geben“. Damit wird bestätigt, dass es sich bei der ersten Teilausgabe von 1719 durch Samuel Richter doch um einen Raubdruck gehandelt hat.
[108] Hermann Fictuld, Der längst gewünschte und versprochene Chymisch-Philosophische Probier-Stein / Auf welchem so wohl die Schrifften der wahren Adeptorum als auch der betrügerischen Sophisten seyn probiret worden. Wodurch einem iedem Sucher der Weißheit der rechte Weg gezeiget, und hingegen alle Jrrwege entdecket werden, so daß er nun mehro gar nicht fehlen kann. Jn zwey Classen verfasset, Franckfurt und Leipzig, Bey Michael Blochberger, 1740, S. 68-69. Laut dem noch zu besprechenden Bücherverzeichnis von Johann Christoph Lenz war Fictuld das Pseudonym eines Freiherrn Johann Friedrich von Meinstorff. Zu Fictuld vgl. den sorgfältigen Artikel von Antoine Faivre im Dictionary of Gnosis and Western Esotericism (wie Anm. 10), Bd. 1, S. 567-570. Faivre konnte jedoch (im Gegensatz zu Denis L. Duveen, Bibliotheca Alchemica et Chemica, London 1949, S. 215) das von Fictuld verschlüsselte achtzeilige Kryptograph (Azoth et Ignis, Das ist/ das wahre Elementarische Wasser und Feuer: Oder der Mercurius Philosophorum […] Avrevm Vellvs Oder Goldenes Vließ Was dasselbe sey, Leipzig, M. Blochberger 1749, S. [380]) nicht dekodieren und somit den wirklichen Namen des pseudonymen Herman Fictuld auch nicht bestimmen. Schiebt man nämlich die Buchstaben im Kryptograph um nur eine Stelle im Alphabeth zurück, so ergibt sich
aus den unverständlichen Worten:
der – ungeachtet einiger Fehler – dechiffrierte Text:
„Efs Zwups, Kpizo Gftekozou Wuo
Nfkn-Tuppgg, Iftt Wuo Nfkn Tuppgg
Woe Tzmua-Tusko; cftkuafs efs
Hpuumkdifo, woe Ifsnfuktdifo Zsdzofo,
Efsnzmmfo tkdi Zwgg-Izmufu ko Efn
Apmmfsktdifo Izwtt, xkf ko Efn Qsp
Qkfs-Tufko Fstufs-Zwtt Hzc Aw Fstfdifo“
„Der Autor, Johan Fe[r]dinant V[o]n
Meim-Stooff, Herr V[o]n Meim-Stooff
und Saltz-Stein; besitzer der
Gottlichen, und Hermetischen Arcanen,
Dermallen sich Auff-Haltet in Dem
Zolletischen Hauss, wie in Den Pro
Pier-Stein Erster- Auss-Gab Zu Ersechen“.
      In der oben erwähnten ersten Ausgabe des Probier-Stein von 1740, S. 30-31, hatte Fictuld in dem fiktiven Gespräch, das er in die Vorrede einrückte, seinen Namen und Aufenthaltsort tatsächlich erwähnt: „Vivus: Diese Meynung gefällt mir. Und ist niemand bequemer darzu, als unsrer Mutter vertrauter Freund, der Baron de Minsthoff. Salselestris: Unlängst hatte ich die Ehre mit ihm zu sprechen […]. Sulpherius: Aber saget mir, wie können wir an diesen Baron schreiben, sintemahlen er nirgends wohnhafft ist. Vivus: Es ist wohl wahr, aber doch kan man ihn gar wohl erfragen, weil er sein Tage-Register in dem Zollerischen Hause hat, zu Langenthal in der Schweitz: Von daraus kan man ihm zuschreiben“. All die übrigen durch die Literatur geisternden Identifizierungsvorschläge zu Fictulds Person („Baron E. W. v. Raben“, „J. H. Schmidt von Sonnenberg“, „Mummenthaler von Langenthal“, usw.) stammen aus dritter Hand und harren einer dokumentarischen Bestätigung.
[109] Hermann Fictuld, Des Längst gewünschten und versprochenen Chymisch-Philosophischen Probier-Steins Erste Claß / Jn welcher der wahren und ächten Adeptorum als anderer würdig erfundenen Schrifften Nach ihren innerlichen Halt und Werth vorgestellt und entdecket worden. Zweyte und vermehrte Auflage, Franckfort und Leipzig, „Bey Veraci Orientali Wahrheit und Ernst Lugenfeind“, 1753, S. 100-101; der Text ist in der Ausgabe des Probier-Stein, Dresden, Hilscher, 1784, S. 97-98, unverändert geblieben.
[110] [Siegmund Jacob Baumgarten], Siebenter Band der Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek, Halle J. J. Gebauer, 1751, S. 411-418.
[111] Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6). Die fünf bibliographischen Anhänge: I: Schriften zur Geschichte der Goldmacherkunde, S. 547-561, 30 Nummern. II: Gegenschriften feindlichgesinnter Männer, S. 561-571, 20 Nummern. III: Vertheidigungsschriften, S. 571-573, 15 Nummern. IV: Kunstbücher, S. 573-686, 540 Nummern. V: Einige handschriftliche Aufsätze, 44 Nummern bilden einen regelrechten Catalogue raisonné, den der Verfasser als „Entwurf einer alchemistischen Bibliothek“ definiert.
[112] John Ferguson, Bibliotheca chemica (wie Anm. 6), Bd. I, S. 464, schreibt dazu: „criticises Khunrath with ferocity“.
[113] Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6), S. 292-294.
[114] Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6), S. 291-292.
[115] Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6),      S. 291-292, 513-514.
[116] Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6),      S. 295.
[117] Des Herrn Bernhards, Grafen von der Mark und Tervis, Abhandlung von der Natur des (philosophischen) Eyes. Ein hermetisches Sendschreiben ([Übers.:] Jetunn Ytlikhmet Ronb), Hildesheim, im Verlage der Schröderischen Buchhandlung, 1780; Sammlung der neuesten und merkwürdigsten Begebenheiten, die sich mit unterschiedlichen vermuthlich noch lebenden Adepten und ihrer philosophischen Tinktur zugetragen haben, nebst der ausführlichen und sonderbaren Geschichte des grossen Adepten Nicol. Flamelli, (Vorrede signiert: Jetunn Ytlikhmet Ronb), Hildesheim, im Verlage der Schröderischen Buchhandlung, 1780, vgl. John Ferguson, Bibliotheca chemica (wie Anm. 6), Bd. I, S. 101; Bd. II, S. 322. Laut Johann Georg Eck (Leipziger Gelehrtes Tagebuch, Leipzig, Weidmann, 1795, S. 58) handelte es sich bei dem Herausgeber „Jetunn Ytlikhmet Ronb“ um den kurz zuvor verstorbenen „Schreib- und Rechenmeister der Universität zu Leipzig“ Johann Christoph Lenz (1748-1795), vgl. Deutsches Biographisches Archiv, Mkf. 754, S. 196-198. Lenz ist Verfasser von einem Handbuch für Banquiers und Kaufleute, worin die neuesten Wechsel- und Geldcourse oder Wechselarten und Wechselzahlung der vornehmsten Handelsplätze […] erkläret und deren Uso, Respecttage, öffentliche Banken, […] angezeigt sind, Leipzig, Härtel, 1792 (in 4°, 464 S.). Er hat auch mehrere Ausgaben von Swedenborg besorgt. Lenz war außerdem einer der bedeutendsten Sammler alchemischer und theosophischer Literatur. In der Bibliotheek Orde van Vrjmetselaren in den Haag hat sich der von Lenz um 1780 im Quarto-Format eigenhändig redigierte Katalog seiner aus 821 Sammelbänden, Einzeldrucken und Manuskripten bestehenden Büchersammlung erhalten: Ms. 240. A. 42: Verzeichnis von meinen Alchymistischen und Theosophischen meistentheils überaus seltenen Büchern welche ich seit vielen Jahren mit mühsamem Aufsuchen und vielen Kosten gesammlet und neu umbinden laßen, so daß sie aus und inwendig sehr wohl wie sichs jeder bey uralten Schriften nur wünschen mag, conditioniret sind, auch nicht der geringe Defect zu finden ist. Joh, Chr. Lenz. Ferner befindet sich in der gleichen Bibliothek unter der Signatur Ms. 240. C. 18 ein weiteres, von Lenz redigiertes dreifaches Bücherverzeichnis in Octavo: a) Catalogus Librorum alchimisticorum (421 Nummern), b) [Katalog theosophischer Drucke und Manuskripte] (502 Nummern); c) Catalogus librorum miscellaneorum (233 Nummern, zumeist über kaufmännisches Rechnen), sowie unter der Signatur Ms. 210. A. 37, ebenfalls von Lenz’scher Hand, ein bibliographisches Notizenbuch alchemischen Inhalts in alphabetischer Reihenfolge mit ca. 230 Blättern. Diese drei Kataloge waren durch Schenkung des Freimaurerhistorikers Theodor Merzdorf in die berühmte Sammlung von J.G.B.F. Kloss in Frankfurt a. M. gekommen, vgl. Beschrijving der verzamelingen van het Groot-Oosten der Nederlanden. Handschriften der Klossiaansche Bibliotheek, Den Haag, Gebr. Giunta d’Albani, 1880, S. 93.
[118] Heinrich Khunrath, De igne magorvm philosophorumque 1783 (wie Anm. 2), S. 94-95.
[119] Heinrich Khunrath, Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor 1783 (wie Anm. 5), S. 1-19.
[120] Magnesia Catholica Philosophorum, oder eine in der Alchymie höchst nothwendige und augenscheinliche Anweisung, die verborgene catholische Magnesia des geheimen Universalsteins der ächten Philosophen zu erlangen. Von Heinrich Khunrath, beyder Arzneygelahrheit Doktor, im Jahr 1599, gründlich geschrieben und zu Magdeburg herausgegeben. Neue, von den Sprach- und Druckfehlern gesäuberte Auflage (hrsg. von I.Y.R. [Johann Christoph Lenz]), Leipzig, Adam Friedrich Böhme, 1784, S. I-VI.
[121] Alchymisch philosophisches Bekenntnis vom universellen Chaos der naturgemässen Alchymie, von Heinrich Khunrath, beyder Arzneygelahrheit Doktor, und Liebhaber göttlicher Weisheit. Mit beygefügter Warnung und Vermahnung an alle wahre Alchymisten. Neue von den deutschen Sprachfehlern ohne Verletzung des Sinnes gesauberte, und mit des Verfassers Anmerkungen versehene Auflage (hrsg. Johann Christoph Lenz?), Leipzig, Adam Friedrich Böhme, 1786.
[122] Heinrich Khunrath, De igne magorvm philosophorumque 1783 (wie Anm. 2), S. 3-4.
[123] Heinrich Khunrath, Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor 1783 (wie Anm. 5), S. 9-10.
[124] Heinrich Khunrath, Wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanor 1783 (wie Anm. 5), S. 12-13.
[125] Zu einigen Quellen der Geheime Figuren vgl. Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), Bd. II, S. 237-253.
[126] Polycarpus Chrysostomus, Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des Goldenen und Rosenkreutzes (wie Anm. 3), S. 88-95. Auch Carbonarius, Beytrag zur Geschichte der höhern Chemie oder Goldmacherkunde (wie Anm. 6), S. 693, hat ein Manuskript der Geheime Figuren noch vor deren Drucklegung besprochen und auf „die Beschreibung dieser Sinnbilder im Anhang zur Missiv an die Rosenkreuzer“ verwiesen. Zum Missiv und dessen Inhalt vgl. Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), Bd. II, S. 235-237, 243 f., wo aber von Lenzens Autorschaft noch nicht die Rede ist.
[127] Dass der akronyme Herausgeber T. Y. R. auch der Verfasser des rosenkreuzerischen Anhangs ist, hat er am Schluss der Vorrede selbst gesagt: „Auß diesen vier Abdrucken [des Missiv] kenne ich weiter keinen und sind, wie bereits gedacht, sehr selten anzutreffen. Daher wird es denen vom goldenen Geschlecht ein grosser Gefallen seyn, daß man ihnen einen neuen mit allen vier Ausgaben verglichenen und unverfälschten Abdruck in die Hände giebt; so wie sie die beygefügten Anmerkungen und das vollständige Verzeichniß von 200 Rosenkreutzerschriften, das ich in den Abendstunden zu meinem Zeitvertreib aufgesetzt habe, nicht ohne Vergnügen lesen werden […] Es wäre doch Schade, dachte ich, wenn alle diese gesammelte Nachrichten, mit anderen überflüssigen Papieren, die mein Pult belästigten, verloren gehen sollten, da vielleicht andre einen bessern Gebrauch davon zu machen wissen. 1783“. Was den Verfasser des eigentlichen Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft (wie Anm. 3 und 126), „Polycarpus Chrysostomus“ betrifft (vgl. John Ferguson, Bibliotheca chemica (wie Anm. 6), Bd. I, S. 156, 223), so wird dieser in den einschlägigen Pseudonymen-Lexika (Mylius, Friedrich Rassmann) als der radikale Pietist Georg Christoph Brendel aus Plauen (1668 – nach 1722) identifiziert, was noch eingehender Nachprüfung bedarf. Brendel aber auch zum Autor des Verzeichnisses von 200 Rosenkreutzerschriften vom Jahre 1614 bis 1783 zu erklären, was oft der Fall ist, ist reiner Unfug.
[128] Zu Lenz’ Katalogen in der Bibliotheek van het Groot-Oosten der Nederlanden in Den Haag vgl. Anm. 117.
[129] Christoph Helwig, Casus et observationes medicinales, Frankfurt; Leipzig, „Verlegts Hieron. Philipp Ritschel / Buchhändler in Erffurt“, 1711 (aber die Titelblätter der einzelnen Teile I-V haben 1710 als Druckjahr). Das Missiv des Polycarpus Chrysostomus steht im 4. Teil, S. 185-204.
[130] Den Haag, BOV, Ms. 240. A. 42, Nr. 796, zum Beispiel, enthielt drei handschriftliche Stücke: „1) Henrici Khunrath wahrhafter Bericht vom philosophischen Athanore. Abgeschrieben von der anno 1615 gedruckten Edition; 2) Abraham eines Juden von Wormbs Kabala und Magia Anno 1404 von einem uralten MSCt. abgeschrieben [vgl. dazu Carlos Gilly, Cimelia Rhodostaurotica. Die Rosenkreuzer im Spiegel der zwischen 1610 und 1660 entstandenen Handschriften und Drucke (Ausstellung der Bibliotheca Philosophica Hermetica Amsterdam und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel), Amsterdam 1995, S. 18 f.]; 3) Geheime Manipulationes in Ausarbeitung des Steins der Weisen von der Fraternitate Roseae et Aureae Crucis communiciret einem Anonymo nachdem er die Pflicht der Verschweigung abgelegt. Jn 13 Sendschreiben von verschiedenen Mitgliedern. Ein sehr rares MSCt.“ In dem Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des Goldenen und Rosenkreutzes (wie Anm. 3), S. 105, hat Lenz erwartungsgemäß nur das rosenkreuzerische dritte Stück – und zwar wörtlich – übernommen, aber in dem dazugehörigen Kommentar zusätzlich die Namen der 13 rosenkreuzerischen Absender genannt. Nur aus dem Satz „Ein sehr rares MSCt.“ ist im Druck „Ein sauberes MSCt.“ geworden, und zwar mit dem Zusatz „Es ist in sichern Händen“. Diese Schrift wurde dann 1788 bei Adam Friedrich Böhme in Leipzig mit dem Titel gedruckt, Dreyzehn geheime Briefe von dem großen Geheimniße des Universals und Particulars der goldenen und Rosenkreutzer, an J. L. V. Nach abgelegter Pflicht der Verschwiegenheit gesandt, vgl. Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), Bd. II, S. 233 f. Dass Lenz dabei die Hand im Spiel hatte, steht wohl außer Zweifel.
[131] Den Haag, BOV, Ms. 240. A. 42: „Nr. 576: Catalogus unterschiedener, gröstenteils alter und sehr rarer Manuscriptorum Chymi- und Alchymicorum, in sich haltende nicht nur die wahrhafte Bereitung des Lapidis Philosophorum, sondern auch unterschiedener probirter und richtig befundener Particular-Processen. Leipzig in Teubners Buchladen, 1731. 1 Bogen.“ Ein Exemplar dieses Catalogus von Teubner konnte bisher nicht aufgetrieben werden, aber Lenz hat in dem Missiv an die Hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des Goldenen und Rosenkreutzes (wie Anm. 3), S. 124, die Beschreibung vom „gedachten MSCt.“ selbst überliefert: „Es finden sich viel theosophische, kabalistische, magische, astronomisch und chymische Figuren darinnen, und mit gehörigen Farben illuminiret sind; wobey eine deutliche Explicartio ohne Parabeln und Figuren des Steins der Weisen […] Von einem Fratre Roseae et Aureae Crucis, mithin von einem wahrhaften Adepto, zu seiner eignen Nachricht aufgesetzet, nachher aber durch besondere fatale Schickung in fremde Hände geraten. So weit die Beschreibung“. Zu dieser frühen Fassung der Geheime Figuren (Fassung A) vgl. Magia, alchimia, scienza / Magic, alchemy and science (wie Anm. 27), Bd. II, S. 240.
[132] Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit (wie Anm. 6), S. 91-105 (Heinrich Khunrath, ein Theosoph und Goldkoch), zit. S. 95.
[133] Johann Christoph Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit (wie Anm. 6), S. 98: „Alles (in Khunraths Figuren) ist in dem dunkelsten verworrensten Style, der unmittelbar an den Unsinn gränzt, eingekleidet, und mit den plumpesten Schmähungen auf Nicht-Pantheisten und Nicht-Theosophen, d.i. auf alle vernünftige Menschen, durchwürzt“.
[134] Johann Friedrich Gmelin, Geschichte der Chemie seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften bis an das Ende des achtzehenden Jahrhunderts (wie Anm. 6), Bd. I, S. 287-288.
[135] Georgij Vernadskij, Beiträge zur Geschichte der Freimaurerei und des Mystizismus in Rußland. I. Die Rosenkreuzer im 18. Jahrhundert in Rußland, in: „Zeitschrift für slavische Philologie“ VI (1927), S. 162-178, hier 176. In der Izbrannaja biblioteca (Bd. I, 8, 1786) erschien Arndts Judicium anonym, was Vernadskij dazu verleitet hat, es für ein Werk Khunraths zu erklären. In seinem zehn Jahre früher auf Russisch erschienenen Buch Russkoje masonstvo v tsarstvovanije Jekateriny II, Petrograd 1917, S. 253, 264, hatte aber der gleiche Vernadskij, dank brieflicher Beratung durch Nicolai P. Kisseljow, den Sachverhalt richtig gestellt und das Judicium philosophi anonymi doch Johann Arndt zugeschrieben, vgl. jetzt den ausführlichen Kommentar in der von Michael V. Reisin und Andrej I. Serkov besorgten, verbesserten und erweiterten Ausgabe von Georgij W. Vernadskij, Russkoje masonstvo v tsarstvovanije Jekateriny II [Das russische Freimaurertum in der Regierungszeit von Katharina II.], („Russkoje masonstvo: materialy i issledovanija“ 1), St. Petersburg, Novikoff Verlag, 1999, S. 440 f.
[136] 500 Years of Gnosis in Europe / 500 let gnostica v Evrope. Exhibition of printed Books and Manuscripts from the Gnostic Tradition Moscow & St Petersburg, Organized by the Bibliotheca Philosophica Hermetica and the M. I. Rudomino Russian State Library for Foreign Literature, hrsg. v. Carlos Gilly und Marina Afanasyeva, Amsterdam, In de Pelikaan, 1993, S. 128 f. Bereits im Jahre 1906 und zusammen mit seiner Schweizer Mutter, Adele Witwer, hatte der bekannte Rosenkreuzer Nicolai Kisseljow damit begonnen, das Amphitheatrum Khunrats erneut ins Russische zu übersetzen. In den folgenden Jahren arbeitete er, wohl mit mehreren Unterbrechungen, weiterhin daran. 1913 schrieb er in einem Brief an J. Barskow, dass er sich mit Khunrath beschäftigt. Er beabsichtigte, seine Khunrath-Übersetzung in der von ihm geleiteten theosophischen Reihe zu veröffentlichen, in der aber, noch rechtzeitig vor dem Weltkrieg, die Aurora von Jacob Böhme als sechster und letzter Band erscheinen konnte: Jacob Böhme, Avrora, ili Utrennyaya zarya v voshozhdenii, übersetzt v. A. Petrovskij, Moskva, Musaget, 1914 (Nachdruck: Moskva 1990, Kiew 1998), vgl. Nicolai P. Kisseljow, Iz istorii russkogo rozenkrejcerstva (wie Anm. 74), S. 44-45.
[137] Vassili S. Arsenieff, Vospominanija i dnevnik [Erinnerungen und Tagebücher. Dokumente aus dem Familienarchiv], Edition und Kommentar von Andrej I. Serkov und Michael V. Reisin (Russkoje masonstvo: materialy i issledovanija 6), Sankt-Petersburg, Novikoff Verlag, 2005, S. 327. Wassili Arsenieff (1829-1915) war Freimaurer in der vierten Generation. Sein Urgroßvater, der bekannte Schriftsteller Wassili Löwschin (1746-1826), war ein Mitarbeiter von Nikolai Novikoff und übernahm nach dessen Tod (1818) die Leitung des (für die höheren Grade bestimmten) inneren Rosenkreuzerordens. Diesen Posten übergab er dann seinem Schwiegersohn Wassili Kamynin (1776-1842). Kamynins Schwiegersohn Sergej Arsenieff (1801-1860) und Arsenieffs Sohn Wassili Arsenieff waren Mitglieder des geheimen Moskauer Freimaurerkreises. Mit der Zeit wurde der Freimaurerkreis von Novikoffs Richtung immer enger, bis er sich endlich um Wassili Arsenieff konzentrierte und sich auf dessen Freunde und Verwandte beschränkte. In seinem Hause befand sich auch die reichste Sammlung von einzigartigen Dokumenten der russischen Freimaurerei, darunter mehrere der im bibliographischen Teil beschriebenen russischen Handschriften von Khunraths Amphitheatrum. Die letzten Mitglieder des Rosenkreuzerordens waren Wassili Arsenieffs Sohn, der Priester Johann Arsenieff (1862-1930), der letzte Dekan der Erlöser-Kathedrale zu Moskau vor deren Abbruch, sowie sein Enkel Michael (1894-1937), der von den Bolschewiken erschossen wurde. Der Herausgeber möchte hier Herrn Andrej I. Serkov in Moskau und Herrn Michail V. Reisin in Sankt-Petersburg für diese Informationen sowie Frau Helena Koslowskaja für deren Übersetzung und Übermittlung seinen Dank aussprechen. Sie waren auch bei der Beschreibung der russischen Manuskripte von Khunraths Amphitheatrum, vgl. S. $$$-$$$, eine wertvolle Hilfe.
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